«Ich stehe nicht mehr zu meiner Aussage»
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Waren Kontrollen zu lasch?Gemeindepräsident rudert zurück

Brandschutz-Schlamperei in Crans-Montana
Die fehlbaren Gemeinderäte – einer ist im Brandschutz-Business tätig

Nach dem Inferno von Crans-Montana steht die Gemeinde in der Kritik. Blick hat alle kommunalen Verantwortlichen aufgespürt. Ein Ex-Gemeinderat (zuständig für die Sicherheit) ist im Brandschutz-Business tätig.
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In Crans-Montana gedenken die Menschen mit Blumen und Kerzen der Opfer des Silvesterbrands. Unweit brennender Kerzen steht ein Feuerlöscher.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

  • 40 Tote und über 100 Verletzte bei Brand in Crans-Montana an Neujahr
  • Nur drei Brandschutzkontrollen seit 2015 in der Bar Le Constellation durchgeführt
  • Crans-Montana hat aktuell drei Sicherheitsbeauftragte angestellt
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Robin BäniRedaktor

Da steht er, der Feuerlöscher. Er gehört irgendwie nicht hierher, nicht auf die Strasse, ein paar Meter neben der Bar Le Constellation. Unter einem grossen Iglu aus Holz, geschützt vor dem Schnee, liegen hier Blumen, Kuscheltiere, Fotos. Die Aufnahmen zeigen Gesichter von Verstorbenen, auch das eines Türstehers. Als die Bar bereits lichterloh brannte, versuchte der Security laut Augenzeugen, Menschen ins Freie zu ziehen. «Beruf: Held» hat jemand unter das Foto geschrieben an dieser Gedenkstätte, am traurigsten Ort der Schweiz. Überall brennen Kerzen – und in der Nähe hat jemand einen Feuerlöscher hingestellt.

An Neujahr sind in Crans-Montana VS 40 Menschen gestorben. Über 100 wurden verletzt, viele ringen noch mit dem Tod. Und doch sagt Ortspräsident Nicolas Féraud (55), seine Gemeinde sei am stärksten betroffen – «mehr als alle, denke ich». An einer Medienkonferenz am Dienstag wollte er Klarheit schaffen. Féraud aber blieb zentrale Antworten schuldig.

So konnte er nicht erklären, warum die Gemeinde seit 2015 in der Bar Le Constellation nur dreimal den Brandschutz kontrolliert hat (2016, 2018 und 2019). Vorgeschrieben wären jährliche Überprüfungen. Zudem verwickelte er sich in Widersprüche. Die Kontrolleure hätten den Schaumstoff an der Decke als «akzeptabel» eingestuft, sagte er. Kurz zuvor hatte Féraud noch behauptet, das Gesetz sehe die Kontrolle solcher Materialien nicht vor.

Hält Crans-Montana zum Dorfkönig?

Nach der Pressekonferenz avancierte Féraud zum Gesicht behördlichen Versagens, zum Buhmann der Nation – und weit darüber hinaus. Auch Rücktrittsforderungen wurden laut. Doch wie denkt Crans-Montana selbst über seinen Dorfkönig, der die Gemeinde seit 2017 präsidiert?

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Wer sich im Ort umhört, erhält erstaunlich oft dieselbe Antwort: Ja, wir stehen hinter Féraud. Da ist etwa der Mann, dessen Tochter in der Silvesternacht ebenfalls in die Bar Le Constellation wollte, aber nicht eingelassen wurde. «Eine Gemeinde kann unmöglich jedes Jahr alle Gasthäuser kontrollieren», sagt er. Das sei anderswo nicht anders.

Ein Lokalbetreiber an der Rue Centrale (dort, wo an Silvester die Flammen wüteten) verteidigt Féraud ebenfalls. Er sei wichtig für den Tourismus, sein Rücktritt komme jetzt nicht infrage. Jemand anders pflichtet ihm bei. «Wir brauchen Féraud. Er kennt die Gemeinde am besten.» Und im kommenden Jahr finde hier ja die Ski-Weltmeisterschaft statt.

Ein Dorf hält zusammen. Die Walliser gegen die «Üsserschwiiz», wenn nicht gegen den Rest der Welt. Längst hat der Fall eine internationale Dimension. Von den Verletzten und den Verstorbenen stammen 56 aus dem Ausland. Parallel zu den Walliser Behörden ermitteln Staatsanwaltschaften in Frankreich, Belgien und Italien.

Noch ist offen, ob und wie die Gemeinde eine Mitschuld trägt. Stand heute spricht aber vieles dafür, dass Crans-Montana bei den Brandschutzkontrollen systematisch versagt hat. Féraud musste einräumen, dass seine Kontrolleure 2025 nur ein Drittel aller 128 öffentlichen Lokale überprüften.

Entscheidend ist nun die Frage, weshalb die Brandschutzkontrollen so lasch gehandhabt wurden – und ob die Gemeinde damit eine ihrer zentralen Sorgfaltspflichten verletzt hat.

Manches Detail irritiert

SonntagsBlick hat das Personal genauer unter die Lupe genommen, das seit der Gemeindefusion 2017 politisch und operativ für die öffentliche Sicherheit zuständig war – und damit für den Brandschutz in Crans-Montana. Einige offene Fragen im Zusammenhang mit den Kontrollen konnten dadurch geklärt werden. Andere Befunde werfen weitere Fragen auf. Und manches Detail irritiert.

Da wäre zum Beispiel der Hintergrund von Thibaud Beytrison (56), Ex-Gemeinderat (2017 bis 2020) und erster Verantwortlicher für die Sicherheit in Crans-Montana. Nebst seinem öffentlichen Amt war und ist Beytrison im Brandschutzbusiness tätig. Seit 2015 präsidiert er den Verwaltungsrat eines Unternehmens im Rhonetal, das sich auf «die Entwicklung und Überwachung von Brandschutzkonzepten» für private und öffentliche Einrichtungen spezialisiert hat.

Zudem kommandierte Beytrison von 2007 bis 2014 die lokale Milizfeuerwehr. Und seit 2007 sitzt er in der Geschäftsleitung einer Firma, die unter anderem Akustikschaumstoffmatten verkauft. Auch solche, die sich an Decken anbringen lassen.

Wie passt das alles zusammen? Wie ist es möglich, dass Beytrison und seine Kontrolleure kein Problem in der offensichtlich leicht entflammbaren Deckenverkleidung in Le Constellation sahen? Fotos zeigen, dass die Decke des Partykellers bereits 2015 mit Akustikschaumstoff ausgekleidet war. Und, noch irritierender: Ein Video aus dem Jahr 2019 belegt, dass sich das Barpersonal der Gefahr bewusst war. Ein Kellner sagt darin zu Gästen, die mit Partyfontänen hantieren: «Passt auf den Schaumstoff auf!»

Doch die Behörden sollen nichts gewusst haben? In einer Gemeinde, wo es heisst, dass jeder jeden kennt? Mit all dem konfrontiert, will sich Beytrison nicht äussern.

«Schämen Sie sich!»

Nach Beytrison war im Gemeinderat Kevin Barras (36) für die öffentliche Sicherheit zuständig. In seiner Amtszeit von 2021 bis 2024 fand in der Bar Le Constellation keine einzige Brandschutzkontrolle statt. Dabei hatte ihn die lokale FDP im Wahlkampf noch mit den Worten angepriesen, Sicherheit habe für ihn «oberste Priorität». Damit konfrontiert, schreibt Barras: «Ich unterstehe nach dem Ende meiner Amtszeit der Schweigepflicht.»

Als ihn SonntagsBlick darauf hinweist, dass er sich auch allgemein äussern könne, ohne Amtsgeheimnisse zu verletzen, und ihm nochmals die Möglichkeit bietet, Stellung zu beziehen, antwortet Barras emotional: «Schämen Sie sich! Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn sich eine solche Tragödie ereignet. Die Schuldgefühle, die einen innerlich auffressen. Ob man schuldig ist oder nicht.»

Er betont, dass sein Leid nichts im Vergleich zum Schmerz der Familien, der Verstorbenen und der Verletzten sei. Zugleich verteidigt sich Barras: «Sie haben keine Ahnung, was ich während meiner Amtszeit geleistet habe.» Er habe die Mitarbeiterzahl in seiner Abteilung deutlich erhöht. Um wie viele Stellen, will Barras nicht sagen. Er schliesst mit den Worten: «Die Gerichte werden meine Arbeit beurteilen und mich bestrafen, falls ich etwas falsch gemacht habe.»

So viele Brandschutzexperten hat Crans-Montana

SonntagsBlick hat recherchiert, wie viele Sicherheitsbeauftragte Crans-Montana in den vergangenen Jahren beschäftigte (so weit zurückverfolgbar). Ihre Namen standen bis vor kurzem auf der Website der Gemeinde. Anfang dieser Woche sind sie verschwunden. Doch das Internet vergisst nichts. Auch zurückliegende Versionen von Websites lassen sich mit den richtigen Mitteln einsehen. Aufgrund dieses Verfahrens wird klar: Aktuell hat die Gemeinde im Bereich Brandschutz vier Beschäftigte – drei Sicherheitsbeauftragte (inklusive Chef) und eine Sekretärin. Féraud aber sagte am Dienstag, die Gemeinde beschäftige in der Abteilung Sicherheit fünf Personen. Zu welchem Prozentsatz, ist unklar.

Auffallend ist, dass es zuletzt eine starke Fluktuation gab. Im Verlaufe von 2023 und 2024 wurde das gesamte Team ersetzt. Geht man weiter zurück, sind ab Mai 2022 drei Sicherheitsexperten aufgeführt, davor lediglich zwei. Am 24. Juni 2021 ist sogar lediglich ein Name auf der Gemeinde-Website zu finden, jener des Chefs. Dann verliert sich die Spur im Internet. Vor 2021 finden sich keine Einträge über Sicherheitsbeauftragte.

Derzeit will sich keiner der aktuellen oder früheren Brandschutzverantwortlichen offiziell äussern. K. J.* war von 2017 bis 2024 als Abteilungsleiter operationell für die öffentliche Sicherheit zuständig. Als SonntagsBlick ihn in einer anderen Walliser Gemeinde aufspürt und zur Rede stellt, erwidert er bloss: «Ich sage nichts» – und schliesst die Tür.

Insider packen aus

Ein Nebel des Schweigens hat sich über das Rhonetal gelegt. Im Schutz der Anonymität sprechen dann aber doch einige Insider. Nach der Gemeindefusion 2017, so ist zu hören, musste die Abteilung öffentliche Sicherheit zunächst neu aufgebaut werden. Gegen Sommer jenes Jahres soll dann der erste Sicherheitsbeauftragte die Arbeit in Crans-Montana angetreten haben. Mit Kontrollen sei es dann ab 2018 richtig losgegangen. Doch die Covid-Pandemie 2020 bremste die Arbeiten. Unklar bleibt, wie viele Kontrolleure bis dahin im Einsatz waren. Mindestens zwei, sagt eine Person, die es wissen müsste. Offen ist auch, weshalb nach Ende der Pandemie keine weiteren Kontrollen in der Bar Le Constellation stattgefunden haben.

Nun stellt sich die Frage, ob zwei oder drei Sicherheitsbeauftragte für einen Ort mit mehr als 100 öffentlichen Lokalen ausreichen. Zumal solche Experten nicht ausschliesslich Brandschutzkontrollen durchführen, sondern für die allgemeine Sicherheit der öffentlichen Infrastruktur zuständig sind. Und falls die Anzahl der Experten nicht genügte: Warum wurde das Personal dann nicht aufgestockt? Am Geld kann es kaum gelegen haben. Crans-Montana zählt zu den reichsten Gemeinden im Wallis. Acht Megaprojekte entstehen gegenwärtig dort, insgesamt werden 1,6 Milliarden Franken investiert.

Nur will die Gemeinde zu all dem keine Stellung nehmen. Man habe sich an der Pressekonferenz am Dienstag «ausführlich» geäussert. Nun liege der Fall bei der Staatsanwaltschaft des Kantons. Offensichtlich sind die kommunalen Behörden der Ansicht, sie hätten aktuell für genügend Transparenz gesorgt. Weitere Fragen werden nicht beantwortet. Vor Ort sind in den Büros der Gemeinde die Vorhänge zugezogen, die Rollläden unten, die Fenster mit Folien überklebt.

* Name der Redaktion bekannt

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