Darum gehts
40 Jahre ist es her, als Benedikt «Bänz» Roos (60) seine Armeelaufbahn startete. Neben vielen anderen Panzer-Rekruten sei er mit seiner Sporttasche frierend auf dem Waffenplatz Thun BE gestanden. Befehle wurden herumgeschrien. Und Ross dachte sich: «Wo bin ich denn hier gelandet?»
Seit Anfang Jahr ist Roos nun Armeechef. Und auch heute frage er sich noch manchmal, wo er denn hier gelandet sei, verriet er Blick am Donnerstag am Rande eines Medienauftritts zu seinen ersten 100 Tagen im Amt.
«Wir sind froh um jeden Franken»
«Aber ich bin nicht blauäugig», hält er fest. Roos kennt die Armee mittlerweile aus dem Effeff. Neu seien vor allem die Öffentlichkeit sowie der Kontakt zur Politik.
Es wird eine der Hauptaufgaben von Roos sein, die Politik davon zu überzeugen, mehr Geld zu sprechen. «Wir sind froh um jeden Franken, den wir bekommen.» Wichtig sei: Es gehe nicht darum, dass die Armee mehr Geld brauche. Die Schweiz brauche mehr Sicherheit.
Verteidigungsminister Martin Pfister (62) will das über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer erreichen – eine heikle Mission. Der Bevölkerung sei klar zu machen, «dass es ernst gilt». Die Menschen müssten bereit sein, 3 Rappen pro Liter Milch für die Sicherheit zu bezahlen.
«Er dürfte vielleicht etwas mutiger sein»
Der erste Eindruck im Parlament ist gut: Roos zeige sich bodenständig und zugänglich. «Im Heer war Roos mein Kommandant. Er hat einen angenehmen Führungsstil», sagt SVP-Ständerat Werner Salzmann (63). «Im Vergleich zu seinem Vorgänger Thomas Süssli kennt er die Armee von innen.»
Mitte-Nationalrat Reto Nause (54) spricht von einem «gmögigen» Typ, aber hartnäckig und mit einem Plan. Für SVP-Nationalrat Michael Götte (46) ist Roos «ein Militärmann, wie er im Buch steht». SP-Ratskollegin Priska Seiler Graf (57) gibt aber auch zu bedenken, dass sich noch zeigen müsse, ob er die grossen Herausforderungen der Armee meistern wird.
Auch in den Reihen der Armee kommt Roos gut an. «Man spürt sein Feuer», sagt Stefan Holenstein (64). Der Präsident des Verbands Militärischer Gesellschaften (VMG) betont, dass die Armeeführung heute geschlossener wirke. Roos sei breit akzeptiert. «Er ist als ‹Pänzeler› einer von uns, ein ‹Krieger› eben, mit dem nötigen Stallgeruch.» Süssli dagegen sei als Quereinsteiger gekommen und habe sich stets intern behaupten müssen.
«Gleichzeitig aber ist Roos noch etwas zurückhaltend, wenn es politisch wird», findet Holenstein. Dabei stehe schon im Juni mit der Zivildienst-Reform eine für die Armee sehr wichtige Abstimmung bevor. Sie entscheide mit über den künftigen Personalbestand. «Da dürfte er vielleicht etwas mutiger sein.»
«Es ist längst nicht mehr 5 vor 12»
Immer wieder aber nimmt Roos kein Blatt vor den Mund: In Europa herrsche wieder Krieg. Und im Nahen Osten brenne es. «Es ist längst nicht mehr 5 vor 12», sagt der Armeechef. «Wir müssen jetzt handeln. Und wir müssen es entschlossen tun.»
Greife Russland ein Land im Baltikum an, stelle sich die Frage, was das für die Schweiz bedeute. Hier gebe es viele kritische Infrastrukturen, nicht nur für die Schweiz selbst, sondern auch für Europa – Strom- und Gasverbindungen, Datenzentren oder Glasfaserkabel. Alles interessante militärische Ziele.
«Was Europa gefährdet, gefährdet auch uns», so Roos. Die Neutralität müsse dabei kein Schutz sein. Denn es wäre unklar, ob die Nato zu Hilfe eilen würde.
Bundesrat und Armee legen ihren Fokus daher auf Bedrohungen aus der Distanz. Am vergangenen Freitag hatte der Bundesrat mit der Armeebotschaft 2026 einen entsprechenden Einkaufszettel ans Parlament verabschiedet. 3,4 Milliarden Franken sollen in bodengestützte Luftverteidigung, Drohnenabwehr oder Cybersicherheit fliessen.
«Wir werden nicht in allen Bereichen bereit sein»
Doch selbst wenn das Geld wie gewünscht fliesst, ist das erst die halbe Miete. Denn das nächste Problem ist, dass auf dem Rüstungsmarkt die Nachfrage derzeit deutlich grösser ist als das Angebot. «Die Bücher der Rüstungsfirmen sind voll.»
«Um uns herum wird aufgerüstet, und es werden Produktionskapazitäten reserviert», gibt Roos zu bedenken. So habe etwa der US-Rüstungsmarkt 15 Prioritätsstufen. Die oberste wird natürlich von den USA selber eingenommen. Die Schweiz liege auf Platz 13. Sie muss daher oft hintenanstehen.
Dabei drängt die Zeit immer mehr. Experten gehen davon aus, dass Russland ab 2028 den Ukraine-Krieg Richtung Westen ausweiten könnte. «Wir werden nicht in allen Bereichen bereit sein», muss Armeechef Roos einräumen. «Das treibt einen um. Aber wir können deswegen nicht die Hände in den Schoss legen.»