Darum gehts
- China baut in Szechuan neue nukleare Anlagen, deutlich modernisiert und erweitert
- Riesige Kuppel nahe Tongjiang-Fluss, Sicherheitsmassnahmen verstärkt
- USA schätzen Chinas Atomarsenal auf über 600 Sprengköpfe, bis 2030 etwa 1000
Die Augen der Welt sind derzeit auf den Krieg im Nahen Osten gerichtet. Seit mehr als vier Wochen bombardieren die USA zusammen mit Israel den Iran mit dem Ziel, dem Land jegliche Möglichkeiten zu nehmen, Uran anzureichern und möglicherweise eine Atombombe zu bauen. Doch während Donald Trump sich am vermeintlich schwachen Feind abarbeitet, passiert weiter östlich etwas, das dem Westen Sorge bereiten sollte.
Denn die Volksrepublik China arbeitet im Hintergrund fleissig an ihrer nuklearen Infrastruktur. In der Provinz Szechuan entsteht innerhalb des bekannten Atomwaffenkomplexes Zitong ein ganzes Netz neuer Anlagen. Satellitenbilder und Regierungsdokumente, die CNN ausgewertet hat, zeigen: Der Standort wird massiv modernisiert und erweitert.
Bauprojekt mit der Kennung «XTJ0001»
Besonders auffällig ist eine riesige Kuppel nahe dem Tongjiang-Fluss. Das Gebäude entstand in weniger als fünf Jahren und bedeckt eine Fläche von rund 3345 Quadratmetern – etwa so gross wie 13 Tennisplätze. Die Anlage gehört zum sogenannten Standort 906, der westlichen Geheimdiensten seit Jahrzehnten als Teil von Chinas Atomprogramm bekannt ist. Intern soll das Bauprojekt die Kennung «XTJ0001» getragen haben.
Gleichzeitig wurde die Umgebung des Komplexes umgebaut. In mehreren Dörfern mussten Bewohnerinnen und Bewohner ihre Häuser verlassen, damit Produktionsanlagen erweitert werden konnten. Auch Strassen und Verkehrsknotenpunkte in der Region wurden modernisiert. Ziel dürfte sein, Material und Personal schneller durch die engen Täler der Region transportieren zu können.
«Rorschach-Test» für die schlimmsten Befürchtungen
Die neue Kuppel selbst gilt als technisch aussergewöhnlich. Experten beschreiben sie als stark gesichert: mit dicken Betonwänden, speziellen Drucktüren und Messgeräten für Strahlung. Ein System aus Rohren und Lüftungsschächten verbindet das Gebäude mit weiteren Anlagen auf dem Gelände.
Solche Konstruktionen werden oft dort eingesetzt, wo hochradioaktive Materialien wie Uran oder Plutonium verarbeitet werden. Der gesamte Komplex ist von mehreren Sicherheitszäunen umgeben. Zusätzlich führt ein Tunnel in einen Berghang – möglicherweise als Schutzanlage oder Notausgang gedacht.
Was genau in den neuen Gebäuden produziert werden soll, ist offiziell nicht bekannt. Einige Experten glauben jedoch, dass China seine Produktion von Komponenten für Atomwaffen deutlich ausbauen will. Der Sicherheitsexperte Jeffrey Lewis, der die Ergebnisse von CNN überprüfte, nennt die Anlage einen «Rorschach-Test» für die schlimmsten Befürchtungen westlicher Analysten. Angelehnt an den Psychoanalyse-Test, bei dem nicht eindeutige Faltbilder von Probanden gedeutet werden.
Ein neuer Player auf der nuklearen Bühne
Klar ist: China baut sein Atomarsenal schneller aus als jedes andere Land. Nach Schätzungen des US-Verteidigungsministeriums verfügt Peking inzwischen über etwas mehr als 600 Atomsprengköpfe. Damit liegt China noch deutlich hinter den USA und Russland, die jeweils über ein mindestens viermal so grosses Arsenal verfügen. Doch Experten rechnen damit, dass China bis 2030 rund 1000 Sprengköpfe besitzen könnte.
Die Entwicklungen in Szechuan passen in dieses Bild. Viele Analysten gehen davon aus, dass Peking nicht nur mehr Waffen baut, sondern auch seine gesamte nukleare Infrastruktur modernisiert – von der Produktion bis zu den Trägersystemen. Damit verändert sich auch die strategische Balance. Während der Kalte Krieg von zwei Atommächten geprägt war, könnte sich nun ein Dreieck aus USA, Russland und China bilden. Sicherheitsexperten warnen deshalb vor einem neuen Wettrüsten – komplexer und schwerer kontrollierbar als früher.
Kann Trump China bremsen?
US-Präsident Donald Trump (79) wird dort kommenden Monat zu einem Besuch in Peking erwartet. Beobachter gehen davon aus, dass er dabei ein neues Gespräch über Rüstungskontrolle anstossen will. Hintergrund: Das letzte grosse Abrüstungsabkommen zwischen den USA und Russland, «New Start», ist Anfang des Jahres ausgelaufen. Trump strebt nun ein neues Abkommen mit Moskau an – und möchte offenbar auch Chinas Präsident Xi Jinping in ein solches Regelwerk einbinden.
Die neuen Anlagen rund um den Atomkomplex Zitong deuten jedoch eher darauf hin, dass China sein Atomprogramm weiter ausbaut, statt es zu bremsen. Für viele Experten ist das ein Zeichen: Die Volksbefreiungsarmee arbeitet mit Hochdruck daran, ihre nuklearen Fähigkeiten zu erweitern – unabhängig davon, ob in Zukunft neue Abrüstungsverträge verhandelt werden oder nicht.