Darum gehts
- «New Start» läuft am 5. Februar 2026 aus, keine Verlängerung
- China verdoppelt Atomarsenal von 290 auf 600 Sprengköpfe bis 2026
- USA und Russland besitzen zusammen 90 Prozent der weltweit 12'000 Atomwaffen
Noch 85 Sekunden bis zur Apokalypse! Die «Weltuntergangsuhr» tickt näher an Mitternacht als je zuvor. Sorge bereitet den Wissenschaftlern unter anderem das aggressive Verhalten der Nuklearmächte Russland, China und der USA. Ab Donnerstag könnte das atomare Risiko weiter an Fahrt aufnehmen: Der letzte grosse Abrüstungsvertrag zwischen den USA und Russland, «New Start», läuft aus – noch ohne Sicht auf Verlängerung.
«New Start» (Strategic Arms Reduction Treaty, deutsch: Vertrag zur Verringerung strategischer Waffen) verpflichtet die USA und Russland seit 2010 auf harte Obergrenzen für strategische Langstreckenwaffen: maximal 1550 Atomsprengköpfe, 700 Trägerraketen (wie Interkontinentalraketen oder U-Boot-Waffen) und 800 Abschussvorrichtungen pro Seite. Taktische Atomwaffen und Reserven (zusammen je über 5000 Sprengköpfe) fallen ausserhalb des Vertrags.
Russland will Status quo – USA zögert
Inspektionen und Datenaustausch sollten die Einhaltung garantieren – doch die Kontrollen stockten schon in der Pandemie und wurden 2023 von Russland ausgesetzt. Nun endet der Vertrag am 5. Februar offiziell.
Russlands Präsident Wladimir Putin (73) bietet eine informelle Verlängerung des Status quo an – für ein Jahr. Bedingung: Die USA müssen mitziehen, und die bilateralen Beziehungen normalisieren sich, etwa durch mehr Handel und Flugverkehr. US-Präsident Donald Trump (79) nannte das zunächst eine «gute Idee», liess aber bald widersprüchliche Signale folgen: Keine Sorge um das Auslaufen, stattdessen Pläne für ein «besseres Abkommen» – und sogar neue Atomwaffentests.
Alle Atommächte modernisieren ihr Arsenal
«Ein neues nukleares Wettrüsten hat faktisch bereits begonnen», warnt Névine Schepers, Nuklearexpertin und Teamleiterin am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich. Russland teste seit Jahren Systeme, die «New Start» gar nicht erfasst. Die USA könnten nun schnell nachrüsten: mehr Sprengköpfe auf U-Boot-Raketen packen, Abschussrohre reaktivieren oder Bomber umrüsten. Immer mehr US-Politiker fordern genau das, um Russland und China in Schach zu halten.
Die USA und Russland halten zusammen rund 90 Prozent aller Atomwaffen – etwa 12'000 Sprengköpfe weltweit. Doch alle Atommächte modernisieren: Grossbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel. Laut dem Jahrbuch 2025 des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) könnte die globale Zahl erstmals seit Jahrzehnten wieder steigen.
Névine Schepers ist Senior Researcher und leitet das Swiss and Euro-Atlantic Security Team am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich. Sie ist Mitherausgeberin der CSS Analysen und engagiert sich im Younger Generation Leaders Network on Euro-Atlantic Security (YGLN) sowie als Mentorin im Young Women in Non-Proliferation and Disarmament Programme. Nach einem BA in Asienwissenschaften (University of Sydney) und einem doppelten Master in europäischen und asiatischen Angelegenheiten (Sciences Po Paris, Fudan University Shanghai) arbeitete sie bei den Londoner Think Tanks IISS und VERTIC. Ihre Forschungsschwerpunkte sind nukleare Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung, Abrüstung und Abschreckung.
Névine Schepers ist Senior Researcher und leitet das Swiss and Euro-Atlantic Security Team am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich. Sie ist Mitherausgeberin der CSS Analysen und engagiert sich im Younger Generation Leaders Network on Euro-Atlantic Security (YGLN) sowie als Mentorin im Young Women in Non-Proliferation and Disarmament Programme. Nach einem BA in Asienwissenschaften (University of Sydney) und einem doppelten Master in europäischen und asiatischen Angelegenheiten (Sciences Po Paris, Fudan University Shanghai) arbeitete sie bei den Londoner Think Tanks IISS und VERTIC. Ihre Forschungsschwerpunkte sind nukleare Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung, Abrüstung und Abschreckung.
China als Gamechanger
Besonders alarmierend: Chinas Atomarsenal wächst rasend. Von 290 Sprengköpfen 2019 auf geschätzte 600 bis 2026 – schneller als bei jedem anderen Land. «New Start» galt nie für Peking, das als Russlands strategischer Partner gilt. Trump hatte ein Dreierabkommen vorgeschlagen – China lehnte ab.
Schepers erklärt die neue Logik: «Die USA müssen Abschreckung heute gegen zwei nuklear ebenbürtige Rivalen denken: Russland und China.» Das verändert, wie Washington sein Arsenal aufbaut – und welche Rüstungskontrollschritte es noch für machbar hält. «Es reicht nicht, nur mit Russland zu verhandeln, während China uneingeschränkt aufrüstet», sagt sie. Statt grosser Verträge plädiert die Expertin für «vertrauensbildende Massnahmen und Risikominderung».
Europa und die Schweiz im Fadenkreuz
Für Europa wirds prekär. «New Start» brachte Vorhersehbarkeit – auch wenn die gefährlichsten Waffen für den Kontinent nie abgedeckt waren: Russlands Kurz- und Mittelstreckenraketen sowie taktische Atomwaffen. «Das Vertragsende macht es noch schwieriger, über Begrenzungen für diese Systeme zu reden», warnt Schepers. Strategische Stabilität schwindet, Krisenrisiken steigen.
Eine blosse Status-quo-Verlängerung ohne Inspektionen? «Das hat vor allem symbolischen Charakter», urteilt die ETH-Forscherin. Kurzfristig könnte es Stabilität signalisieren, etwa vor der Überprüfungskonferenz zum NPT (Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen) im April/Mai. Wichtiger: Es hält die Tür für neue Verträge offen – «ein Instrument, das zur heutigen Realität passt».
Was kann die Schweiz tun?
Europäische Länder müssen Druck machen – und die Schweiz hat hier eine Schlüsselrolle. «Bern engagiert sich seit langem multilateral für weniger nukleare Risiken», betont Schepers. Als Brückenbauerin zwischen Atomwaffenstaaten und Nichtmächten ist die Schweiz glaubwürdig. Nach «New Start»-Ende werden solche Initiativen essenziell, um eine Eskalationsspirale zu stoppen.
«Die Ära der Reduzierung der weltweiten Atomwaffenarsenale, die seit dem Ende des Kalten Krieges angedauert hatte, neigt sich dem Ende zu», sagt Hans M. Kristensen, leitender Mitarbeiter des SIPRI-Programms für Massenvernichtungswaffen, im Jahrbuch. «Stattdessen beobachten wir einen klaren Trend wachsender Atomwaffenarsenale, einer verschärften nuklearen Rhetorik und der Aufgabe von Rüstungskontrollabkommen.» Ohne neue Abkommen droht nach «New Start»-Auslaufen ein unkontrollierter Aufschwung – mit Risiken, die seit dem Kalten Krieg nicht mehr so gross waren.