Darum gehts
- Ukraine startet Operation «Vivaldi» im Mai, offiziell bestätigt Dienstag
- 85 Quadratkilometer gesichert, 10 km² befreit, Analysten nennen 240 km²
- Russland bleibt kompromisslos: Putin erwartet Donezk-Einnahme bis Jahresende
Bereits im vergangenen Mai sollen die ukrainischen Streitkräfte im Norden der Region Donezk die Operation Vivaldi gestartet haben. Erst am vergangenen Dienstag bestätigte der zuständige General Andri Bilezki die zu Beginn streng geheime Offensive offiziell. Diese soll insgesamt – angelehnt an das gleichnamige Musikstück – vier Phasen umfassen. Die erste Phase endete mit Bilezkis Bekanntgabe.
Wie der Geopolitik-Experte Klemens Fischer (61) gegenüber Blick erklärte, wurde die absolute Geheimhaltung der Operation mit dem Vorstoss der ukrainischen Truppen obsolet. Geheimhaltungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt beträfen allenfalls noch Pläne für die weiteren Phasen.
Bemerkte Putin die Erfolge der Operation nicht?
Der Vorstoss der ersten Phase zeigt sich laut General Bilezki auf insgesamt 85 Quadratkilometern. Davon konnten die Truppen auf zehn Quadratkilometern zuvor besetztes Gebiet befreien und die ukrainische Kontrolle wiederherstellen. Auf weiteren 75 Quadratkilometern sicherten sie Gebiet innerhalb der ukrainischen Verteidigungslinien, indem sie infiltrierte russische Truppen ausschalteten. Analysten, die öffentlich zugängliche Informationen auswerten, sprechen sogar von bis zu 240 Quadratkilometern Geländegewinn seit Mai.
Putin glaubt hingegen felsenfest an die Überlegenheit der russischen Truppen. Als er die beiden US-Sonderbeauftragten Steve Witkoff (69) und Jared Kushner (45) Anfang September in Moskau empfangen hatte, hatte er einmal mehr «tatsächliche Erfolge» der russischen Armee hervorgehoben. Kompromissbereitschaft hatte er nicht gezeigt: Moskau hält knallhart an seinen Maximalforderungen fest.
Russische Generäle sollen ihre Niederlagen verschwiegen haben
Doch wie kommt es dazu, dass der russische Präsident offenbar lange keine Kenntnis von der grossangelegten Offensive Vivaldi – oder ihren Erfolgen – hatte? Laut dem «Corriere della Sera» wurde die Operation, die von ihrer Geheimhaltung stark profitierte, durch das Schweigen der russischen Generäle unterstützt. Diese sollen ihre Niederlagen der vergangenen Monate dem Kreml gegenüber entweder verschwiegen oder heruntergespielt haben.
Wie eine dem Kreml nahestehende Person vor dem Besuch der US-Sonderbeauftragten gegenüber Reuters angegeben hat, bestehe keine Chance auf Frieden, solange Russland nicht den Rest der Donezk-Region eingenommen habe. Putin gehe aufgrund der Berichte seiner Kommandanten davon aus, dass dieses Ziel bis zum Ende des Jahres erreicht werden könnte.
Auch die Experten des amerikanischen Instituts für Kriegsstudien (ISW) gehen von einer weit verbreiteten Lügenkultur innerhalb der russischen Streitkräfte aus. Wie es in einem kürzlich veröffentlichten Bericht heisst, kämen die falschen Darstellungen von Militärbefehlshabern auf unterschiedlichen Ebenen.