Ehemaliger Trump-Berater John Bolton rät Bundesrat
«Meiden Sie möglichst den Kontakt mit Trump»

John Bolton arbeitete als Sicherheitsberater eng mit Donald Trump zusammen. Im Interview sagt er, warum die USA eine historische Chance im Iran verpasst haben, woher Trumps Grönland-Obsession rührt – und weshalb der Bundesrat am WEF besser Abstand von Trump hält.
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Juli 2018 im Weissen Haus: Trump spricht mit der Presse, Bolton hört zu.
Foto: AFP via Getty Images

Darum gehts

  • Trump hat einen Militärschlag gegen den Iran erwogen, Proteste im Land sind jedoch abgeebbt
  • Iranische Wirtschaftslage katastrophal: Grundwasser aufgebraucht, Reservoirs bei Teheran leer
  • Europäische Staaten entsenden 15 bis 20 Soldaten nach Grönland, Bolton sagt, das wirke erbärmlich
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Robin BäniRedaktor

Herr Bolton, Anfang Woche sagte Donald Trump zu den Demonstrierenden im Iran: «Hilfe ist auf dem Weg!» Zeitweise soll er einen Militärschlag gegen das Regime in Teheran ernsthaft erwogen haben. Ein US-Angriff blieb dann aber aus, und die Proteste im Iran sind weitgehend verstummt. Hat Trump eine historische Chance verpasst, die Mullahs zu stürzen?
John Bolton: Ja, wir haben sehr wahrscheinlich eine Gelegenheit verpasst. Die Demonstrationen waren die stärksten seit der Islamischen Revolution 1979. Und die Mullahs waren noch nie so geschwächt. 

Woran machen Sie das fest?
Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die das Regime unter Druck setzt. Die jüngsten Proteste waren zwar stark wirtschaftlich motiviert – aber nicht nur. Seit der Ermordung von Mahsa Amini im September 2022 ist die Wut vieler Frauen über die Kleidervorschriften ungebrochen. Dabei geht es nicht einfach um Kleidung. Die Frauen lehnen die Hidschab-Regeln der Ayatollahs grundlegend ab. Sie wollen keinen Gottesstaat. Und viele junge Menschen sind tief unzufrieden. Sie wissen, dass ein anderes Leben möglich wäre.

Die USA verlegen nun den Flugzeugträger Abraham Lincoln in den Nahen Osten. Greift Donald Trump doch noch an?
Es dauert noch drei bis vier Tage, bis der Träger in der Region eintrifft. Bis dahin halte ich einen US-Angriff für unwahrscheinlich. Was danach passiert, ist offen.

Persönlich: John Bolton

John Robert Bolton (75) aus Baltimore, Maryland, studierte internationales Recht an der Yale-Universität. Bill und Hillary Clinton waren dort seine Kommilitonen. In seiner langen politischen Karriere diente er unter den Präsidenten Ronald Reagan und George Bush senior, ab 2005 als US-Botschafter bei den Vereinten Nationen. 2018 ernannte ihn Donald Trump zu seinem Nationalen Sicherheitsberater. Von diesem Posten trat Bolton im September 2019 zurück, nachdem es zum Bruch zwischen ihm und Trump gekommen war. Der neokonservative Republikaner gilt als Architekt des Irakkriegs und als eine der einflussreichsten Stimmen in der US-Aussenpolitik des 21. Jahrhunderts.

Getty Images

John Robert Bolton (75) aus Baltimore, Maryland, studierte internationales Recht an der Yale-Universität. Bill und Hillary Clinton waren dort seine Kommilitonen. In seiner langen politischen Karriere diente er unter den Präsidenten Ronald Reagan und George Bush senior, ab 2005 als US-Botschafter bei den Vereinten Nationen. 2018 ernannte ihn Donald Trump zu seinem Nationalen Sicherheitsberater. Von diesem Posten trat Bolton im September 2019 zurück, nachdem es zum Bruch zwischen ihm und Trump gekommen war. Der neokonservative Republikaner gilt als Architekt des Irakkriegs und als eine der einflussreichsten Stimmen in der US-Aussenpolitik des 21. Jahrhunderts.

Wie genau könnte Trump die Mullahs zu Fall bringen?
Ein einzelner Luftangriff reicht nicht. Aber jeder Militärschlag beschleunigt den unvermeidlichen Zerfall des Regimes. Wir sollten nicht unterschätzen, wie schlecht die Lage im Iran ist. Die herrschende Elite ist fragmentiert. Das reguläre Militär ist nicht mit den Revolutionsgarden gleichgeschaltet. Selbst innerhalb der Revolutionsgarden gibt es Bruchlinien. Zudem bleibt die Nachfolge des Obersten Führers Ayatollah Chamenei ungeregelt. Und die wirtschaftliche Situation ist katastrophal. 

Können Sie das konkretisieren?
Nehmen wir Ayatollah Chameneis Vorhaben, den Iran bei der Ernährung unabhängig zu machen. Seine jahrelange Bewässerungspolitik hat dazu geführt, dass das Grundwasser aufgebraucht ist. Die Reservoirs rund um Teheran sind leer. Es wurde sogar darüber gesprochen, die Hauptstadt zu verlegen. Und das ist nur ein Beispiel dafür, wie bedrückend die wirtschaftliche Lage im Iran ist.

Die Geschichte zeigt, dass von aussen gestürzte Regime oft ein Machtvakuum hinterlassen, aus dem Chaos und Bürgerkriege resultieren. Sehen Sie diese Gefahr nicht auch im Iran?
Jede Revolution birgt Risiken. Aber denken Sie an die amerikanische Revolution: Sie führte nicht zu Chaos, nicht zum Zusammenbruch von Recht und Ordnung, sondern zur Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika. Viele andere Länder haben erfolgreiche Regimewechsel erlebt. Es gibt keine Garantie – aber beim aktuellen Regime im Iran ist schwer vorstellbar, wie es noch schlimmer werden könnte.

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Abseits des Nahen Ostens richtet Trump seinen Blick zunehmend auf die Arktis – nach Grönland. Warum ist er so besessen von dieser Insel?
Das geht auf seine erste Amtszeit zurück. Damals schlug ihm ein US-Geschäftsmann vor, Grönland zu kaufen. Kurz nach diesem Treffen zitierte mich Trump ins Oval Office und sagte: «Schau dir das an.» Ich beauftragte den Nationalen Sicherheitsrat mit Recherchen, und wir stiessen auf den Verteidigungspakt von 1951 zwischen den USA und Dänemark. Dieses Abkommen erlaubt es den USA, ihre militärische Präsenz auf Grönland auszubauen. Das schien mir der richtige Ansatz zu sein. 

Und was geschah dann?
Wir wollten Gespräche mit der dänischen Premierministerin aufnehmen – aber dann sickerte alles an die Medien durch. Eine Journalistin in Dänemark fragte die Premierministerin, was sie davon halte, Grönland zu verkaufen. Sie antwortete, das sei lächerlich. Am nächsten Tag fragte ein Reporter Trump, was er von dieser Aussage halte, und Trump sagte: «She’s a nasty woman» (Deutsch: «Sie ist eine üble Frau.» Damit war die Sache erledigt. 

Nun aber droht Trump mit militärischer Gewalt, sollte er Grönland nicht demnächst erhalten. Wie realistisch ist ein US-Angriff?
Die Wahrscheinlichkeit ist gleich null. Das wäre das Ende der Nato. Und es würde ein politisches Erdbeben in den USA auslösen. 

Wie können Sie sich da so sicher sein?
Nur Donald Trump will Grönland. Diese Idee hat in den USA keinerlei Rückhalt. Sie offenbart vielmehr, was für ein Sonderling Trump ist. Da will er unbedingt den Friedensnobelpreis, spricht jeden Tag darüber, und im selben Atemzug droht er, einen Teil Dänemarks zu annektieren. Wenn das nicht belegt, was für eine Anomalie Trump ist, weiss ich nicht, was sonst.

Trump hat sich im Weissen Haus mit Jasagern umgeben. Wenn er Grönland will, widerspricht ihm kaum jemand.
Das stimmt. Aus seiner ersten Amtszeit hat er gelernt, sich nur noch mit Menschen zu umgeben, die alles umsetzen, was gerade durch seinen Kopf schwirrt. Ich glaube allerdings, dass es Stimmen gibt, die dagegenhalten werden – etwa im Pentagon, wo man eine Grönland-Annexion für verrückt hält.

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Diese Woche haben mehrere europäische Staaten ein paar Dutzend Soldaten nach Grönland entsandt, darunter Frankreich und Deutschland. Was halten Sie davon?
Die Reaktion der Europäer ist erbärmlich. 15 oder 20 Soldaten schrecken Trump nicht ab.

Was können europäische Politiker denn tun, um Trump von seiner Grönland-Fantasie abzubringen?
Sie müssten das eigentliche Problem adressieren: Donald Trumps Ego. Es braucht eine Person – vielleicht Nato-Generalsekretär Mark Rutte oder Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni –, die ihm klar sagt: Du ruinierst deinen Ruf, wenn du das tust.

Trump argumentiert, die USA bräuchten Grönland aus Sicherheitsgründen.
Sicherheitspolitische Argumente interessieren ihn nicht. Das ist nur Fassade. Was er wirklich will, ist in die Geschichte einzugehen als der Präsident, der Grönland den Vereinigten Staaten hinzugefügt hat. Das ist eine verrückte Idee – und jemand muss ihm klarmachen, dass sie nicht in seinem Interesse ist. Dass es seinem Ansehen schadet. 

Neben Grönland und dem Nahen Osten hat Trump in Venezuela Maduro entmachtet und mit Interventionen in weiteren Staaten gedroht. Wie passt diese aggressive Aussenpolitik zu seinem Wahlversprechen «America First»?
Gar nicht. Und das zeigt etwas, was für viele schwer zu verstehen ist – auch ich hatte lange Mühe damit: Trump hat keine Philosophie, keine übergeordnete Sicherheitsstrategie. Er macht keine Politik im klassischen Sinn. Alles ist transaktional. Jeder Tag ist neu. Jede Situation ist eine Gelegenheit für einen Deal. «Ich habe diesen Deal gemacht und jenen Erfolg erzielt.» Das treibt ihn an. Und so erklärt sich auch sein Vorgehen in Venezuela.

Inwiefern?
Trump wollte einfach einen schnellen Sieg verkünden. Dabei gäbe es durchaus legitime Gründe, die einen Regimewechsel in Venezuela rechtfertigen. Maduro hat die Präsidentschaftswahl 2018 und 2024 gestohlen. Der Einfluss von Russland, China, dem Iran und Kuba in Venezuela bedroht die USA und die Stabilität der westlichen Hemisphäre. Was aber macht Trump? Er entführt Maduro – und hört dann auf. Das Problem ist nicht, dass Maduro weg ist, sondern dass sein Regime geblieben ist. 

Am Montag beginnt in der Schweiz das Weltwirtschaftsforum. Warum reist Trump nach Davos ans WEF – ausgerechnet er, der Zölle verhängt und mit der regelbasierten Welthandelsordnung gebrochen hat?
Das fragen sich wohl auch viele seiner Hardcore-Anhänger: Was macht Trump an dieser globalistischen Konferenz? Ich vermute, er kommt, weil es dort viele Journalisten hat. Trump will im Mittelpunkt stehen. Und was ist in der Welt wichtiger, als dass Donald Trump im Mittelpunkt steht?

Beim WEF trifft Trump auch Schweizer Regierungsvertreter. Welchen Rat würden Sie ihnen geben?
Meiden Sie möglichst den Kontakt mit Trump. 

Das wird schwierig. Bundespräsident Guy Parmelin muss die Schweiz als Gastgeberland vertreten.
Dann wäre mein Ratschlag: Hören Sie vor allem zu. Der erfolgreichste ausländische Staatschef im Umgang mit Trump während seiner ersten Amtszeit war Japans Premierminister Shinzo Abe. Sein Erfolgsrezept war, dass er ständig Kontakt hielt. Er rief Trump an, besuchte ihn, spielte Golf mit ihm – und bat selten um etwas. Wenn er dann etwas brauchte, etwa im Zusammenhang mit Nordkorea, hörte Trump zu. Trump liebt es, sich mit allen auszutauschen. Meistens bedeutet das, dass er spricht und andere zuhören. Aber Trump hält das für grossartig. Wer diese Art von Beziehung zu ihm pflegt, kann später eher etwas einfordern.

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