Darum gehts
Mutmasslich in letzter Minute liess US-Präsident Donald Trump (79) den amerikanischen Angriff auf das Mullah-Regime im Iran abblasen. Den Grund für den Rückzug gab der mächtigste Mann der Welt tags darauf im Oval Office: «Sie haben mit dem Töten aufgehört. Es gibt keine Pläne für Hinrichtungen», sagte Trump am Donnerstag. Tage zuvor drohte er dem iranischen Regime mit der Vernichtung, sollten sie Gewalt gegen die protestierende Bevölkerung anwenden.
Experten wie der in der Schweiz lebende kurdisch-iranische Journalist Diako Shafiei (36) runzeln darüber erstaunt die Stirn. Exekutionen – immer wieder auch öffentliche – gehören im Iran zur Tagesordnung. Der Galgen spielt im perfiden Machtspiel der Mullahs eine zentrale Rolle.
Die Schätzungen über die Anzahl Menschen, die die Schergen des Regimes in den vergangenen Tagen getötet haben, gehen von einigen Hundert (iranisches Aussenministerium) bis zu über 12'000 (Oppositionssender Iran International TV). «Das Regime geht deutlich härter gegen die Protestierenden vor als etwa bei den Frauenrechtsprotesten 2022», sagt Diako Shafiei zu Blick.
2167 Hinrichtungen in einem Jahr
Mitverantwortlich für den Horror auf Irans Strassen sind die Basidsch-Einheiten: junge, regimetreue Schläger, die mit ihren Motorrädern Protestierende einkreisen, verprügeln und gefangennehmen. Fast 18'000 Menschen sind laut der Menschenrechtsorganisation HRANA seit Anfang Jahr in den Kerkern der Mullahs verschwunden. Vielen von ihnen droht wegen ihrer Teilnahme an den Protesten (und manchmal nur schon wegen der Nutzung von Elon Musks Starlink-Internet) die Todesstrafe.
Im Iran heisst das traditionellerweise: Ab an den Galgen. «Das Regime setzt Erhängungen systematisch mit dem Ziel ein, die Menschen zu verängstigen und die Protestbewegungen zu unterdrücken. Diese systematische Methode kenne ich von keinem anderen Regime», sagt Diako Shafiei, der seit 2021 selbst auf der Todesliste des Regimes steht und bei den aktuellen Protesten laut eigenen Angaben mehrere Familienangehörige und Freunde verloren hat.
2167 Menschen liess das Regime im vergangenen Jahr laut Menschenrechtsorganisationen exekutieren, viele davon durch Erhängen. Zehn dieser Erhängungen liessen die Mullahs vor versammelten Mengen (auch Kindern!) auf öffentlichen Plätzen durchführen. Menschen, zum Teil verurteilt für Lappalien, werden an Baukränen hochgezogen oder mit der Schlinge um den Hals von Stühlen geschubst. Barbarische Praktiken mitten im 21. Jahrhundert.
Als die Mullahs eine Tote erhängten
Wie perfide die Hinrichtungen erfolgen, zeigen die gut dokumentierten Fälle von Zahra Esmaili und Ahmad Alizadeh. Die zum Tode verurteilte Esmaili starb im Februar 2021 im Gefängnis von Karadsch an einem Herzstillstand. Danach wurde sie an den Galgen gehängt – sie sollte ihre Strafe erhalten. Alizadehs Exekution am Galgen wurde 2024 nach 28 Sekunden abgebrochen, weil die Familie seines mutmasslichen Mordopfers ihm vergeben wollte. Später wurde Alizadeh erneut erhängt.
Trotz dieser Brutalität gehen weite Teile der iranischen Bevölkerung weiterhin auf die Strasse. Das ist mutig – und vielleicht irgendwann einmal von Erfolg gekrönt, sagt Diako Shafiei. «Die Existenz des Regimes ist bedroht. Selbst wenn sie die Proteste niederschlagen: Die Frustration über die katastrophale Wirtschaftslage wächst gewaltig», sagt er. Mittelfristig werde das eine neue Generation von Wütenden heranzüchten, die mit neuen Methoden gegen die Mullahs opponieren und sich von nichts stoppen liess – auch nicht vom Galgen-Terror ihrer Unterdrücker.