Die Haltung ist klar, eine wortkarge Äusserung reicht. «Nein.» Es ist die Antwort der Einheimischen auf die Frage, ob sie sich von den Amerikanern kaufen, besetzen, erobern lassen wollen. Die Einheimischen sind die etwa 600 Bewohner von Qaanaaq in Thule, ganz weit oben in Grönland. Es ist die nördlichste Siedlung der Welt, die durchgehend bewohnt ist.
Kein Schweizer kennt den unwirtlichen Ort so gut wie der Zürcher Fotograf Markus Bühler (56). Er war schon 13 Mal dort, 1997 zum ersten Mal, vor wenigen Monaten ist er von der jüngsten Reise zurückgekehrt. Diesmal war er zusammen mit seinem Sohn Nils (20) unterwegs, der Filmstudent hat gefilmt, der Vater fotografiert.
Markus Bühler dokumentiert seit bald 30 Jahren das Leben in Qaanaaq, wo die Natur, das Eis und die Jagd auf Robben, Wale, Walrosse, Eisbären den Alltag vorgeben. Und wo der Klimawandel stattfindet, wenn man vor die Haustür tritt. Das Eis schmilzt früher im Jahr und gefriert später als einst. Das Eis, das hier alles bestimmt.
«Jetzt sorgen sie sich ernsthaft»
Und nun die neue Bedrohung. Die USA unter Donald Trump (79) wollen sich Grönland einverleiben – wenn es sein muss, «auf die harte Art und Weise», wie der Präsident diese Woche jeden Weichei-Zweifel ausräumte.
So klar das Nein der Menschen in Qaanaaq sei – etwas habe sich in den letzten Monaten dennoch verändert, sagt Bühler. «Im Frühling waren die Menschen noch gelassen. Doch jetzt sorgen sie sich allmählich ernsthaft, ob die Annexion tatsächlich passieren wird.»
Trump hat den Ton eiskalt verschärft. Was man vor kurzem noch als schlechten Witz abtun wollte, nimmt nun die dramatischen Züge von Wahnwitz an. Grönlands Übernahme, so Trump am Mittwoch, sei «unverzichtbar» für das Raketenabwehrsystem «Golden Dome» zum Schutz der USA. Wenn nicht die USA sich Grönland schnappen, werde es Russland oder China tun, schrieb das Weisse Haus in einem Tweet mit Hundeschlitten-Cartoon.
Inuit wissen, was Unterwerfung bedeutet
Im Dröhnen der Weltpolitik wird es zur Fussnote, dass auf dem geopolitischen Schachbrett «leibhaftige Menschen mit eigener Geschichte, eigenen Bedürfnissen und eigenen Ansichten» leben, wie Bühler sagt. Zwar nur eine Kleinpopulation von etwa 56'000 in Grönland, davon ein paar Hundert in Qaanaaq – aber wo es um Würde und Selbstbestimmung geht, zählt nicht die Zahl, sondern jedes Individuum.
Bühler erinnert daran, dass Unterwerfung für die traditionsbewussten Inuit nicht nur ein aktuelles Drohwort ist, es ist Teil ihrer Vergangenheit. Grönland wurde einst kolonialisiert, 1814 fiel die grösste Insel der Welt an Dänemark. Und in Qaanaaq muss man nicht so weit in der Geschichte zurückgehen, um Erklärungen für die Abneigung vor Fremdbestimmung zu finden.
Mit Dänemark funktioniert es
Der Ort ist das Ergebnis einer Zwangsumsiedlung, als die US-Amerikaner 1951 in der Nähe die Thule Air Base errichteten. Heutige Grossväter in Qaanaaq haben es noch miterlebt. Die neue Heimat wurde «modern», die Lebensweise der Inuit bedrängt, sie ringt seither ums Fortbestehen. Markus Bühler dokumentiert auf seinen Reisen beides und die Zerrissenheit dazwischen. Beim jüngsten Besuch begleitete er etwa Aleqatisiaq Peary aufs Eis und Meer, der seinem 15-jährigen Sohn Jonas Nielsen das Jagen beibringt.
«Mein Eindruck ist, dass die Einheimischen mit Dänemark recht gut fahren. Das ist keine innige Beziehung, aber eine gut funktionierende», sagt Bühler. Die Hunderte von Millionen Franken, die das Königreich jährlich schickt, ermöglichen erst die wirtschaftliche Existenz des autonomen Gebiets. Bühler kennt in Qaanaaq nur wenige, die von vollständiger Unabhängigkeit träumen. Und keinen, der nicht Nein sagt zur Eingliederung in die USA – ob durch Deal oder Krieg herbeigeführt.
«Lebensweise würde schnell verschwinden»
«Das Land, das eine Kolonialisierung hinter sich hat, würde wieder zur Kolonie», sagt Bühler. Und dies von einer Grossmacht, die das Gegenteil eines nordischen Sozialstaats verkörpert. Er ist überzeugt, dass eine US-Amerikanisierung und die damit einhergehende Militarisierung Grönlands die Lebensweise der Inuit «ziemlich schnell ganz zum Verschwinden bringen würde».
Dass dies nicht geschieht, hofft Bühler nicht nur als Fotograf für seinen nächsten, 14. Besuch, bei dem er wieder mit Fischern und Jägern aufs Meer und Eis hinaus möchte. Er hofft es für die Menschen, die ihm ans Herz gewachsen sind.
Fotos von Markus Bühler und Filme von Nils Bühler sind zurzeit im Nordamerika Native Museum (Nonam) in Zürich zu sehen. Die Ausstellung «An der Eiskante. Unterwegs in Nordgrönland» dauert bis 28. Juni.
In der aktuellen Ausgabe der «Schweizer Illustrierten» erzählen Vater und Sohn Bühler von ihrer ersten gemeinsamen Reise nach Qaanaaq.