Darum gehts
- Deutsches BKA meldet Zunahme von Jugendlichen, die für Verbrechen via soziale Medien angeworben werden
- In Frankfurt am Main explodierten in den vergangenen Monaten mehrfach Sprengsätze, meist durch minderjährige Täter
- Schweiz gründete im April 2026 Taskforce gegen Einbruchdiebstähle und «Crime as a Service»
Gangsterbosse, die über das Netz Aufträge an junge Schläger, Bombenleger, Erpresser oder Todesschützen vergeben: Wie das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) in seinem Lagebild zur Organisierten Kriminalität für das Jahr 2025 festhält, kommt das immer häufiger in unserem Nachbarland vor. Oft handelt es sich um Jugendliche aus dem Ausland, die gegen Geld schwerste Straftaten verüben.
«Das Spektrum reicht von Logistik und Waffen über Geldwäsche bis zur Rekrutierung von – oftmals jugendlichen – Tatverdächtigen für Gewalttaten. Das Angebot, der Auftrag und die Vermittlung erfolgen über digitale Kanäle, soziale Medien oder verschlüsselte Messenger», fasst das BKA in einer Medienmitteilung zusammen. Beispiele gefällig?
Teenie-Diebe werden übers Handy instruiert
Allein in der Region rund um die Grossstadt Frankfurt am Main wurden seit Juli 2025 mehrfach Sprengsätze zur Explosion gebracht. Die Ziele unter anderem: eine Pizzeria, Wohnhäuser, auch mal ein Kiosk. «Die Täter kamen meist aus dem Ausland, vor allem aus den Niederlanden, waren minderjährig und wurden über soziale Medien angeworben. Die Hinterleute werden selten gefasst», schreibt die «Frankfurter Rundschau» dazu.
Auch andernorts in Europa sind die jungen Kriminalitätsdienstleister ein Problem. Am Freitag wurde der Schwede Ali N.* (21) in Marokko festgenommen. Er soll dem in ganz Europa berüchtigten Foxtrot-Verbrechernetzwerk angehören und Kinder für Straftaten angeworben haben. So soll er beispielsweise eine Zwölfjährige damit beauftragt haben, zwei scharfe Handgranaten zu platzieren.
Die schwedische Polizei machte am Freitag zudem einen Fall vom 1. Mai öffentlich, bei der eine 13-Jährige eine Handgranate auf ein Restaurant in der Stadt Malmö geworfen haben soll. Die Granate explodierte nicht, musste von der Polizei kontrolliert gesprengt werden.
In der Schweiz beschäftigt das Phänomen vor allem Garagisten und Eigentümer von Waffengeschäften. Auftragsmorde oder schwerste Gewalttaten gehören hierrzulande offenbar nicht zum Dienstleistungsangebot. Oft sind es sehr junge Täter, die aus Frankreich über die Grenze kommen und Luxusautos und Waffen stehlen. Angeworben werden sie über Tiktok oder Telegram-Gruppen. Die Auftraggeber instruieren die Teenie-Diebe per Handy.
Taskforce soll «Crime as a Service» in den Griff bekommen
Um die kriminellen Aktivitäten der französischen Gruppierungen und das damit verbundene Vorgehen «Crime as a Service» langfristig zu bekämpfen, haben Bund und Kantone im April 2026 aufgrund der Lageentwicklung und der Häufung von Einbrüchen und Einbruchsversuchen eine nationale operative Taskforce eingerichtet, bei der das Fedpol und die Kantonspolizei Zürich die Leitung innehaben. Auch das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit, die Kantonspolizei St. Gallen, die Neuenburger Polizei, die Kantonspolizei Aargau, die Kantonspolizei Schwyz sowie die Kantonspolizei Bern beteiligen sich an der Taskforce.
Europaweit bekämpft die von Europol eingeführte Taskforce «Grimm» das Kriminalitätsphänomen. Die Schweiz ist zwar nicht Mitglied, steht aber mit den schwedischen Behörden, die die Taskforce als Erstes geführt haben, im Austausch.
Waffen werden in der Schweiz geklaut und in Frankreich eingesetzt
«Seit 2025 haben sich in der ganzen Schweiz Einbruchdiebstähle in Waffengeschäfte sowie Diebstähle von Luxusfahrzeugen aus Garagenbetrieben gehäuft», teilt Mediensprecher Roger Bonetti von der Kantonspolizei Zürich auf Anfrage mit. Regelmässig veröffentlichen die Kantonspolizeien Medienmitteilungen zu solchen Fällen. «Im Austausch gegen Geldbeträge von 500 bis weit über 10'000 Euro werden Minderjährige und junge Erwachsene in kriminelle Straftaten eingebunden, die häufig über Landesgrenzen hinweg organisiert und ausgeführt werden», erklärt Fedpol-Sprecher Patrick Jean die Vorgehensweise der Auftraggeber auf Anfrage von Blick.
Neben Diebstählen kam es in der Westschweiz, vor allem in der Region Genf, vermehrt zu versuchten und vollendeten «Homejackings», ergänzt er. Dabei überfallen Kriminelle Menschen in ihrem Zuhause, um an Geld, Schmuck oder Autos zu gelangen. «Diese Straftaten werden mehrheitlich kriminellen Gruppierungen aus Frankreich zugerechnet», so Jean.
Gleichzeitig würden die in der Schweiz gestohlenen Waffen innert kurzer Zeit bei gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppierungen in Frankreich eingesetzt. Furchteinflössend: «Erkenntnisse aus laufenden Ermittlungen deuten darauf hin, dass diese französischen Gruppierungen in den vergangenen Jahren an Schlagkraft gewonnen haben», ergänzt der Fedpol-Sprecher. Die Gangster-Syndikate agierten zunehmend gewaltbereiter, risikofreudiger und professioneller.
Krasser Anstieg bei «Crime as a Service»-Fällen
Zunehmend sind auch Schweizer Jugendliche von Rekrutierungsversuchen betroffen. «Mittlerweile sind solche Fälle unter anderem im Kanton St. Gallen und Zürich bekannt», bemerkt Jean und gibt einen Überblick über die Zahlen: Für Straftaten in der Schweiz wurden seit 2025 bis Ende August mindestens 456 rekrutierte Tatausführende identifiziert, davon mindestens 10 Schweizer Jugendliche. «Das Durchschnittsalter bei den über 456 rekrutierten Tatausführenden beträgt 21 Jahre – beim jüngsten bekannten Fall war der Täter 14 Jahre alt. Zudem sind einige der identifizierten Tatausführenden bereits polizeilich bekannt», schiebt er nach.
Die Zahl der Fälle nimmt drastisch zu. Waren es im Jahr 2025 204 Fälle in der Schweiz, die «Crime as a Service» zugeordnet werden können, sind es im Jahr 2026 schon jetzt 354 Fälle.
Das Fazit des Fedpol-Sprechers lässt nichts Gutes erahnen. «Zurzeit ist nicht damit zu rechnen, dass die Fälle abnehmen werden», so Patrick Jean.
* Name bekannt