Darum gehts
Der Angeklagte ist zum wiederholten Mal unpässlich. Eine «kurzfristig eingetretene Erkrankung» habe seinen Mandanten an der Reise in die Schweiz gehindert, liest sein Anwalt aus einer Textnachricht vor: «Ich bitte höflich darum, mein Ausbleiben zu entschuldigen.» Die Richterin schaut, als hätte sie nichts anderes erwartet, und der Anwalt bittet im Namen des Beschuldigten darum, die Verhandlung trotzdem durchzuführen: «Schliesslich möchte er diese Angelegenheit auch einmal hinter sich haben.»
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Die «Angelegenheit», die der Beschuldigte Kevin Kwiek hinter sich lassen möchte, nahm 2021 mitten in der Pandemie ihren Anfang. In einem Ladenlokal in Naters VS öffnete das «Teppichhaus Wallis, Kwiek» seine Tore. Das Angebot: Verkauf und Reinigung von Orientteppichen. Heute ist der Laden amtlich versiegelt. Ein Sofa, ein paar Stühle und ein Stapel zusammengerollte Teppiche sind stumme Zeugen eines Geschäfts, das laut Anklageschrift mehrere Walliserinnen und Walliser um mehrere Zehntausend Franken gebracht hat. Es ist ein Geschäft, das in der ganzen Schweiz ähnlich abläuft, wie der Beobachter schon aufgezeigt hat.
Mehr als 30 Kwiek-Firmen
Wer im Handelsregister den Namen Kwiek sucht, findet über 30 Firmen, die auf verschiedene Mitglieder der deutsch-polnischen Roma-Grossfamilie eingetragen sind. Sie handeln mit Teppichen, Antiquitäten und Pelzen, kaufen Altgold und Schmuck an, polstern Möbel und reinigen Fassaden – alles Tätigkeiten, die auf ein eher älteres Publikum zielen. Mit einem überzeugenden Auftreten und relativ wenig Aufwand lässt sich damit viel Geld verdienen. Zahlreiche Medienberichte aus den vergangenen Jahren zeigen: oft auch mit zweifelhaften Methoden.
Dabei sind neben den Kwieks verschiedene weitere Clans aktiv. Über den bekanntesten von ihnen, den Goman-Clan, hat «Spiegel TV» schon mehrfach berichtet. Offiziell mittellos, kaufen die Gomans in Deutschland Immobilien, fahren Luxusautos und feiern rauschende Partys. In sozialen Medien finden sich davon unzählige Videos. Die Kwieks sind mit den Gomans verwandtschaftlich verbunden. Auch sie zeigen ihren Luxus gerne.
Luxusboliden aus Deutschland
Auch vor dem Teppichhaus in Naters standen immer wieder Luxusboliden mit deutschen Nummernschildern. Walter Nauer war deshalb erst skeptisch, als er einen Flyer im Briefkasten fand: «Bei uns wird jeder Teppich garantiert nach altpersischer Tradition gewaschen», hiess es darauf. Und dann etwas holprig: «Rund um den Teppich ist eine Vertrauenssache. Qualität macht den Unterschied.»
Nauer, der eigentlich anders heisst, versuchte sein Glück trotzdem beim «Grossimporteur und Privatverkäufer», als den Kevin Kwiek sich auf dem Flyer anpries. Nauer war Beistand einer dementen Frau, die elf wertvolle Teppiche besass. Diese hatte er in einem renommierten Teppichhaus in der Gegend aufbereiten und schätzen lassen. Dort hatte man den Wert auf rund 33’000 Franken beziffert, die Teppiche aber letztlich nicht verkaufen können. Nun hoffte Nauer, über das «Teppichhaus Wallis, Kwiek» die guten Stücke zu einem guten Preis loszuwerden.
Laut Anklageschrift beschied man ihm dort tatsächlich, der Schätzwert sei viel zu tief. Die elf Teppiche würden bei einer Auktion mindestens 55’000 Franken erzielen. Allerdings müsse man sie noch einmal für 19’000 Franken reparieren lassen. Nauer liess sich von dem wortgewandten Verkäufer überreden und bezahlte dafür im Voraus und bar 19’000 Franken. Danach hörte er nichts mehr vom Teppichhaus.
Als die Polizei Kevin Kwiek im Februar 2022 verhaftete, konnte sie im Lokal neun von Nauers elf Teppichen sicherstellen. Die beiden teuersten Stücke, zusammen rund 9000 Franken wert, waren jedoch nicht mehr auffindbar. Neben Walter Nauer meldeten sich sechs weitere Geschädigte als Privatkläger. Auch ihnen soll Kwiek gemäss Anklage zum Teil für praktisch wertlose Teppiche hohe Erlöse bei Auktionen in Aussicht gestellt und dafür exorbitant teure Reinigungen aufgeschwatzt haben.
Hausbesuche bei Senioren
Teppichhandel ist nur ein Feld für zwielichtige Geschäfte von meist in Deutschland ansässigen Clans. Ein weiteres lukratives Business ist Altgold. Dabei mieten sich die Händler für ein paar wenige Tage in einem Hinterzimmer eines Restaurants ein. Wie beim Teppichgeschäft verteilen sie bunte Flyer mit äusserst verlockenden Angeboten – und wie beim Teppichgeschäft geht nicht immer alles mit legalen Dingen zu.
So vermeldete etwa die Thurgauer Kantonspolizei im März, dass sie bei mehr als der Hälfte solcher Aktionen von fliegenden Goldhändlern Gesetzesverstösse festgestellt habe: ungeeichte Waagen, fehlende Bewilligungen oder bezahlte Ankaufspreise, die lediglich einem Bruchteil des eigentlichen Werts entsprachen.
Auch im Kanton Bern waren solche Händler in den vergangenen Monaten äusserst aktiv. Typisch dabei: Auf ihren Flyern warben sie mit sehr hohen Ankaufspreisen. Für Gold-Markenschmuck war von «bis zu Fr. 125.– pro Gramm» die Rede, für Silber gab es Preise von Fr. 2.50 bis 3.50. Seriöse Ankäufer offerierten in dieser Zeit für ein Gramm Gold der höchsten Reinheitsstufe maximal Fr. 114.–, für Silber rund Fr. 1.85 pro Gramm. Für Senioren boten die Händler auf ihren Flyern auch «Hausbesuche 70 km» an.
Wer sich auf Geschäfte mit solchen Händlern einlässt, erlebt nicht selten sein blaues Wunder. «SRF Investigativ» machte 2025 den Test: Für Goldschmuck, der laut einem seriösen Händler rund 14’000 Franken wert war, bot ein Händler bei einem mit versteckter Kamera gefilmten Besuch läppische 2750 Franken.
Journalisten stellen einen Händler
Ortstermin in Münchenbuchsee BE. In einer ehemaligen Bäckerei hat sich die Einzelfirma «Goldankauf Stern» eingemietet. Ihre Flyer sehen denjenigen zum Verwechseln ähnlich, die nur wenige Tage zuvor für «Gold- und Pelzankauf» in Köniz geworben haben. Und wie der anonyme Händler in Köniz ist auch «Goldankauf Stern» gemäss Flyer nur gerade fünf Tage vor Ort – trotz angemietetem Ladenlokal.
Händler, die in Restaurants unterwegs sind, seien nicht seriös, sagt der Mann hinter dem Ladentisch in Münchenbuchsee, der sich als Inhaber von «Goldankauf Stern» vorstellt. Hinter ihm sind noch die ehemaligen Brotgestelle zu sehen, in der Auslage vor ihm glänzen grosse Münzen sehr golden. Auf dem Tisch stehen ein paar Fläschchen mit Flüssigkeiten und eine Waage.
«Wir machen nur seriöse Geschäfte», sagt der Mann und verweist auf den Handelsregistereintrag. Natürlich könne er für ein einzelnes Gramm Gold nicht 125 Franken bezahlen, wie dies auf dem Flyer versprochen wird, «aber bei einem Armband von Cartier sieht das anders aus». Und selbstverständlich habe man bei der Eidgenössischen Edelmetallkontrolle ganz offiziell eine Registrierung für den Goldankauf beantragt, versichert der Mann, «die ist einfach noch nicht eingetroffen».
Goldankäufer polstert auch Stühle
Doch dann werden ihm die Fragen schnell lästig. Dabei hätte es noch einiges zu besprechen gegeben. Warum denn der Flyer für sein angeblich seriöses Geschäft praktisch gleich aussieht und den identischen Wortlaut hat wie derjenige seiner angeblich unseriösen Konkurrenten, die ihre Geschäfte in Restaurants tätigen?
Interessiert hätte auch die Antwort auf die Frage, warum gleichzeitig mit dem Goldankauf-Flyer in der Region Bern auch eine Werbung für eine «Polsterei Toffen» («Sonderaktion ab heute 5 Tage gültig») in den Briefkästen in der Region Bern lag, die gemäss Website auf einen Mann lautet, der den gleichen Namen hat wie der Absender des Goldankauf-Flyers. Auf besagter Website ist als Mailadresse eine Polsterei im deutschen Ratingen angegeben – und deren Website wiederum sieht derjenigen der Polsterei in Toffen zum Verwechseln ähnlich. Das Geschäft, so scheint es, läuft sparten- und grenzübergreifend. Doch der Mann im Goldgeschäft hat keine Lust mehr auf kritische Fragen: «Ich möchte nicht mit Ihnen reden, gehen Sie.»
«Machenschaften» nehmen zu
Den Behörden sind die Händler, die mal hier und mal dort ihre Zelte aufschlagen und oftmals über keine Bewilligung verfügen, seit langem ein Dorn im Auge. «Diese Machenschaften haben massiv zugenommen», sagt Alexander Ott zum Beobachter. Er ist der ehemalige Chef der Berner Fremdenpolizei und Co-Präsident des Verbands Schweizerischer Einwohnerdienste. Aber die Händler seien so mobil, dass man nur schwer den Überblick behalte, wer wo unterwegs ist.
«Oft fehlt es noch an der Koordination», sagt Ott. «Die verschiedenen Behörden müssen unbedingt besser aufeinander abgestimmt zusammenarbeiten: Die Einwohnerdienste müssen aktiv werden, wenn sie etwa feststellen, dass in einer Wohnung zehn Personen aus dem Ausland gemeldet sind. Aber auch die Arbeitsmarktkontrolle oder die Steuerbehörden müssen sich koordinieren und gegebenenfalls die Polizei einschalten, wenn ihnen dubiose Geschäfte auffallen.» In der Stadt Bern praktiziere man diese Verbundkontrollen seit bald 20 Jahren, sagt Ott: «Und wir können einige Erfolge aufweisen.»
Die bessere Zusammenarbeit der Behörden im Kampf gegen kriminelle Organisationen ist mittlerweile auch national ein Thema. In einem Strategiepapier hat der Bundesrat im letzten Dezember festgelegt, dass Behörden künftig unter sich, aber auch mit privaten Institutionen wie etwa der Arbeitsmarktkontrolle einfacher Informationen austauschen sollen. Die Vision lautet so: «Organisierte Kriminalität richtet in der Schweiz und von der Schweiz aus möglichst wenig gesellschaftlichen Schaden an.»
Geht es nach dem Willen des Bezirksgerichts in Brig, so gilt dies auch für Teppichhändler Kevin Kwiek. Das Gericht hat ihn wegen gewerbsmässigen Betrugs zu zwölf Monaten Gefängnis bedingt und fünf Jahren Landesverweis verurteilt. Er will das Urteil allerdings weiterziehen. Es gilt die Unschuldsvermutung.