Darum gehts
Die wichtigste Frage lautet nicht: «Ist das eine Spekulationsblase?» Sie lautet: «Was mache ich, wenn es eine ist, aber die Kurse trotzdem noch lange weiter steigen?» Wer zu früh aussteigt, verpasst Rendite. Wer zu spät reagiert, hat die Titel dann mit hohen Verlusten im Depot.
Der Boom bei künstlicher Intelligenz, Halbleitern und Rechenzentren erinnert an frühere Übertreibungen. Die Kurse sind stark gestiegen, die Geschichten klingen grossartig. Gleichzeitig ist die Skepsis gross. Es vergeht kaum eine Woche ohne Warnungen vor einem Hype oder einer neuen Technologieblase.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Der Unterschied zu damals, zum Beginn dieses Jahrtausends, liegt in der Substanz: Viele heutige Gewinner verdienen tatsächlich Geld. Nvidia, Microsoft, Amazon, Alphabet oder Meta sind keine Luftschlösser. Sie haben reale Umsätze, Kunden und Gewinne. Doch auch wenn eine Rally auf echten Gewinnen beruht, kann sie überhitzen. Darum lohnt sich der Blick auf vier Warnsignale.
Warnsignal 1 – die Kurse steigen sehr schnell
Das auffälligste Warnsignal kommt aus dem Halbleitersektor. Der entsprechende Index, der Philadelphia Semiconductor Index, kurz SOX, hatte bis Ende Juni um 101 Prozent zugelegt – das stärkste erste Halbjahr seit Beginn der Datenreihe 1994. Danach kam der Rückschlag: Bis zum 8. Juli verlor der Index im laufenden Monat fast 12 Prozent und lag rund 14 Prozent unter seinem Rekordstand vom 22. Juni.
Chips sind zwar die Grundlage des KI-Booms. Trotzdem ist das Tempo bemerkenswert. Wenn ein Sektor zuerst in sechs Monaten um mehr als 100 Prozent steigt, dann reicht eine kleine Enttäuschung bei Umsatz, Margen oder Investitionsplänen der grossen Techkonzerne für starke Rückschläge.
Beim breiten Markt sieht die Lage weniger extrem aus. Der US-Aktienindex S&P 500 (Aktienindex der 500 führenden börsennotierten US-Unternehmen) lag per 8. Juli seit Jahresbeginn rund 9 Prozent im Plus, der Nasdaq Composite rund 11 Prozent, der Nasdaq 100 rund 16 Prozent. Das ist kräftig, aber noch lange nicht automatisch eine Blase.
- Rot bei Halbleitern
- Gelb beim Gesamtmarkt
- Rot bei Halbleitern
- Gelb beim Gesamtmarkt
Warnsignal 2 – die Schwankungen nehmen zu
Der Volatilitätsindex VIX misst die erwarteten Schwankungen des US-Aktienmarkts über die nächsten 30 Tage. Anfang Juli lag er meist zwischen 16 und 18 Punkten. Werte unter 20 gelten als relativ entspannt. Ab etwa 30 spricht man von erhöhter Nervosität, über 40 wird es stressig, über 50 beginnt echte Marktpanik.
Zum Vergleich: In der Finanzkrise 2008 und im Corona-Schock 2020 stieg der VIX zeitweise auf über 80. Aber: Am Höhepunkt des S&P 500 im März 2000 lag er dagegen nur bei gut 23 Punkten. Die Panik kam in der Dotcomkrise also nicht sofort. Ein tiefer VIX schliesst Überbewertung nicht aus. Er zeigt nur, dass der breite Markt noch nicht in Panik ist.
Unter der Oberfläche ist es trotzdem unruhiger. Gerade Halbleiteraktien schwanken stark. Das deutet darauf hin, dass kurzfristiges Kapital, Optionshandel und gehebelte Produkte die Bewegungen verstärken.
- Gelb
- Gelb
Warnsignal 3 – mehr Firmen gehen an die Börse
Ein klassisches Spätsignal jeder Börseneuphorie ist ein heisser Markt für Börsengänge. Firmen gehen an die Börse, wenn Investoren bereit sind, hohe Preise zu zahlen.
Bis Anfang Juli gingen in den USA 82 grössere Unternehmen an die Börse. Das sind zwar weniger als im Vorjahr. Trotzdem floss viel mehr Geld in neue Börsengänge: Insgesamt sammelten die Firmen 114,7 Milliarden Dollar ein, also mehr als siebenmal so viel wie im Vorjahr. Das zeigt: Die Zahl der Börsengänge ist nicht extrem hoch – aber einzelne Firmen können derzeit sehr hohe Beträge zu sehr hohen Bewertungen aufnehmen.
Besonders auffällig war SpaceX. Das Unternehmen nahm beim Börsengang 75 Milliarden Dollar ein. Das ist enorm. Selbst wenn man SpaceX herausrechnet, war das zweite Quartal gemessen am Volumen laut US-Investmentbank Renaissance Capital das stärkste Quartal für US-Börsengänge seit 2021. Dazu kommt, dass auch grosse KI-Firmen wie Anthropic und OpenAI den Weg Richtung Börse vorbereiten oder prüfen.
Für Anlegerinnen und Anleger ist das ein Warnsignal. Firmen gehen meist dann an die Börse, wenn die Stimmung gut ist und Investoren bereit sind, hohe Preise zu zahlen. Das heisst nicht, dass sofort ein Crash kommt. Aber es zeigt: Die Risikobereitschaft am Markt ist wieder deutlich gestiegen.
- Gelb bis Rot
- Gelb bis Rot
Warnsignal 4 – die Credit-Spreads bleiben ruhig
Das wichtigste Gegengewicht kommt vom Kreditmarkt. Sogenannte Credit-Spreads zeigen, wie viel mehr Zins Unternehmen für ihre Schulden zahlen müssen als der US-Staat. Je grösser die Angst vor Firmenpleiten, desto stärker steigen diese Risikoprämien.
Aktuell ist davon wenig zu sehen. Das zeigt der Vergleich von Staatsanleihen mit US-Unternehmensanleihen mit BBB-Bonitätsrating. Das ist die unterste Stufe von Investment-Grade – also jener Bonitätsklasse, die viele institutionelle Anleger gerade noch kaufen dürfen. Am 7. Juli mussten Unternehmen mit so einem Bonitätsrating nur 0,94 Prozentpunkte mehr Zins zahlen als der US-Staat. Der langfristige Durchschnitt liegt bei rund 1,9 Prozentpunkten, also deutlich höher. In der Finanzkrise 2008 schoss diese Differenz zeitweise auf über 8 Prozentpunkte.
Auch Unternehmen mit noch tieferer Bonität müssen derzeit relativ geringe Zinsaufschläge zahlen. Am 7. Juli waren es nur 2,67 Prozentpunkte. In der Finanzkrise stieg der Aufschlag auf über 20 Prozentpunkte, im Corona-Schock 2020 auf knapp 11 Prozentpunkte, während der Dotcombaisse auf rund 8 Prozentpunkte.
Grosse Börsencrashs werden besonders gefährlich, wenn nicht nur Aktien fallen, sondern gleichzeitig der Kreditmarkt austrocknet. Dann wird Finanzierung teurer, Unternehmen geraten unter Druck, und aus einer Bewertungskorrektur kann eine echte Finanzkrise werden. Derzeit sind wir nicht dort.
- Grün
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Fazit
Der KI- und Halbleiter-Boom ist nicht einfach eine Wiederholung der Dotcomblase. Dafür sind viele heutige Unternehmen zu profitabel und zu wichtig für die reale Wirtschaft. Aber einzelne Segmente können trotzdem überhitzen.
Die Lage ist nicht harmlos. Aber sie ist auch nicht eindeutig blasenhaft. Die wichtigste Warnlampe des Kreditmarkts, der Credit-Spread, bleibt grün.
Für Anlegerinnen und Anleger heisst das: nicht in Panik verkaufen, aber auch nicht sorglos kaufen. Die beste Strategie ist breite Streuung, gestaffeltes Investieren, ein klarer Blick auf das eigene Risiko und regelmässiges Rebalancing. Letzteres bedeutet, dass man die eigenen Anlagen wieder auf die ursprünglich gewünschte Aufteilung zurückbringt. Wenn zum Beispiel Techaktien stark gestiegen sind und plötzlich zu viel Gewicht im Depot haben, verkauft man einen Teil davon und investiert das Geld in untergewichtete Bereiche.
Was Anleger jetzt tun sollten
Prüfe zuerst deine Klumpenrisiken. Viele Welt-ETFs sind stark von grossen US-Technologiewerten geprägt. Wer zusätzlich einzelne KI-, Chip- oder Rechenzentrums-Aktien hält, ist vielleicht stärker exponiert, als er denkt.
Unterscheide zwischen guter Firma und gutem Preis. Nvidia, Microsoft oder andere Gewinner können hervorragende Unternehmen sein. Trotzdem kann der Preis zeitweise zu hoch sein. Qualität schützt nicht vor Bewertungskorrekturen.
Einen Teil der Gewinne zu realisieren, kann sinnvoll sein, wenn eine Position stark gewachsen ist. So kann die Position wieder auf ein vernünftiges Gewicht zurückgefahren werden. Wer neu investiert, sollte gestaffelt vorgehen und Liquidität behalten – Letzteres ist vor allem wichtig, denn wer voll investiert und nervös wird, verkauft oft zum schlechtesten Zeitpunkt.
Und wie sieht es in der Schweiz aus?
Bei der Schweizer Börse leuchten die Warnlampen weniger grell. Der SMI notierte am 9. Juli bei gut 14'200 Punkten. Seit Jahresbeginn liegt er rund 5 Prozent im Plus, über die vergangenen zwölf Monate rund 17 Prozent. Das ist stark, aber keine Kursrakete wie im amerikanischen Chipsektor.
Auch bei den Kursschwankungen (Volatilität in der Fachsprache genannt) zeigt der Schweizer Markt keine Panik. Der Schweizer Volatilitätsindex VSMI, das Schweizer Gegenstück zum VIX, lag Anfang Juli bei rund 13 Punkten; seine 52-Wochen-Spanne reichte von 10,45 bis 27,54 Punkten. Werte um 13 sprechen für einen ruhigen Markt. Kritischer würde es ab etwa 20, deutlich nervös ab 25 bis 30.
Der Schweizer Markt für Börsengänge sendet ebenfalls kein Euphoriesignal. 2026 kamen an der Schweizer Börse SIX bislang nur wenige neue Aktien an den Markt. Von einer breiten Welle neuer Börsengänge kann keine Rede sein.