Darum gehts
- Erstes 32-Zoll-Mountainbike beim Heim-Weltcup in Lenzerheide aufgetaucht
- Die neue Radgrösse ist seit Monaten das grosse Thema in der Velo-Szene
- Gemäss Swiss Cycling können Riesenräder im Rennen 100 Sekunden ausmachen
Eigentlich ist es nur ein Weltcup-Training. Aber eines, das in die Mountainbike-Geschichte eingeht. Denn in Lenzerheide GR rollt erstmals ein Velo auf gigantischen 32-Zoll-Rädern über eine offizielle Rennstrecke. Der Schweizer Rennstall des Berner Veloherstellers Thömus lässt im Training am Donnerstag die Katze aus dem Sack – respektive, lässt Shorttrack-Weltmeisterin Alessandra Keller (30) und Routinier Mathias Flückiger (37) einen Prototypen mit den Riesenrädern einsetzen, wie Bilder vom Streckenrand zeigen.
32 Zoll? Es ist seit Monaten das grosse Thema in der Mountainbike-Szene. Wann kommen sie? Was bringen sie? Ist alles nur ein Marketing-Kniff der Velo-Industrie? Noch in den Gründertagen des Sports rollten die Bikes auf heute fast lächerlich wirkenden 26-Zoll-Rädern.
Gemäss Swiss Cycling ist der Zeitgewinn enorm
Doch bald galt die Devise: Grösser ist besser! Zuerst kamen 27,5 Zoll auf, dann wurde in den letzten Jahren 29 Zoll zum Standard. Und was auf der Rennstrecke in war, wurde von den Veloherstellern natürlich auch immer in den Shops den Hobby-Bikern als Nonplusultra verkauft.
Kommts jetzt wieder zur Radgrössen-Revolution? Bei Swiss Cycling werden solche Fragen längst wissenschaftlich betrachtet. Beat Müller ist beim Radverband nicht nur Männer-Nationaltrainer, sondern auch Head of Performance. In dieser Rolle hat er untersucht, ob die Riesenräder im Rennsport Sinn machen. An einem Heim-EM-Kickoff-Event im Mai gibt Müller Einblick.
Swiss Cycling testete mit einem 32-Zoll-Versuchsvelo. Untersucht werden technische Parameter wie Überrollverhalten, Anrollwinkel, Radaufstandsfläche, Gabeleintauchverhalten und so weiter. Positiv: Weil das Rad grösser ist, rollt es leichter über Steine und Wurzeln. «Ein Hindernis wird im Vergleich zum 29-Zoll-Rad um 9 bis 10 Prozent kleiner.» Negativ: Grössere Räder bedeuten mehr Masse: «Unser Testvelo war rund 1 kg schwerer.»
Aber das ist im Weltcup vor allem bei den Frauen alles Theorie – denn etwa für die 1,51 Meter kleine Gesamtweltcup-Zweite, Sina Frei, könnten 32 Zoll schlicht zu gross sein. Aber das Fazit der Swiss-Cycling-Untersuchung ist verlockend. Müller: «In einem 90-minütigen Rennen kann ein Zeitgewinn von rund 100 Sekunden herausschauen.» Das ist enorm.
Thömus-Boss Binggeli denkt schon an die Kunden
Das sind alles Überlegungen, die offensichtlich auch bei Thömus gemacht wurden und in Kooperation mit dem Bieler Felgenlieferanten DT Swiss nun erstmals umgesetzt wurden. Ob Flückiger und Keller nun auch das Rennen mit den Riesenrädern bestreiten? Noch geheim.
Keller zu Blick: «Ich sehe 32 Zoll als Chance für mich. Einerseits wegen meiner Grösse, ich gehöre zu den Grösseren im Feld. Aber ich steige nur um, wenn es tatsächlich je nach Strecke ein echter Mehrwert sein kann.»
Auf Anfrage lässt Thömus-CEO Thomas Binggeli ausrichten: «Wir sind ein innovatives und dynamisches Unternehmen und streben zusammen mit unseren Partnern und dem Team Thömus Maxon ständig danach, das schnellste und innovativste Bike entwickeln zu können. Solche Projekte stehen für unsere offene Herangehensweise in der Entwicklung neuer Produkte. Gemeinsam mit unseren Partnern und dem Team nutzen wir den Rennkontext als Grundlage, um noch schnellere Bikes für unsere Kunden und die Fahrer bauen zu können.»
Dazu muss man wissen: Die grossen Bike-Hersteller im Weltcup, vor allem aus den USA, werden ihre 32-Zoll-Projekte wohl erst forcieren, wenn die noch vollen Lager an 29-Zoll-Velos verkauft sind – sonst werden diese zu teuren Ladenhütern. Nun preschte Thömus als im Vergleich kleine Manufaktur vor.
Keller: «Wegen unserer kurzen Wege können wir das Thema pushen. Aber ich werde nur umsteigen, wenn ich gewinnen kann. Einfach nur das Versuchskaninchen spiele ich nicht!»