Darum gehts
- Marlen Reusser (34) startet am 1. August bei der Tour de France
- Frauenrennen an Tour de Suisse erreichten 22,7 Prozent Marktanteil, mehr als Männer mit 22,3 Prozent
- Reusser kritisiert Sexismus und fordert gleiche Bühne für Frauen im Sport
Nach der Tour ist vor der Tour. Das gilt für Marlen Reusser (34). Vor einer Woche gewann sie die Tour de Suisse – zum dritten Mal und in eindrücklicher Manier. Am 1. August beginnt in Lausanne VD die Tour de France. «Ich werde um sie kämpfen», sagt die Bernerin. Sie zählt zu den Favoritinnen auf den Gesamtsieg.
Den Traum vom Schweizer Meistertrikot verpasste sie am Sonntag knapp. Steffi Häberlin (28) war im Strassenrennen um zwei Sekunden schneller. Ärgerlich, aber kein Drama. Reussers Ziel ist ab sofort das Maillot Jaune.
Die Tour de France wird Millionen begeistern. Bei den Männern gilt Tadej Pogacar (27, Slo) als haushoher Favorit auf den fünften Gesamtsieg. Das Frauenrennen verspricht mehr Spannung. Sicher ist aber auch: Die Vergleiche werden kommen. «Die Männer fahren viel schneller.» Oder: «Pogacar würde alle Frauen locker schlagen.» Vielleicht sogar: «Die sollten lieber etwas Vernünftiges machen und das Radfahren den Männern überlassen.»
Solche Sprüche kennt Reusser. Und sie nerven sie bis heute. «Ich ärgere mich täglich über Sexismus», sagt die Zeitfahr-Weltmeisterin. Als Beispiel nennt sie die Tour de Suisse. «Viele jüngere Fahrerinnen sagten in Interviews, es sei ein Privileg, am gleichen Tag wie die Männer Rennen fahren zu dürfen. Das ist doch kein Privileg!»
Das sollte selbstverständlich sein, findet Reusser. Frauen müssten dieselbe Bühne erhalten. «Dann können die Leute selbst entscheiden, was sie lieber sehen wollen.»
«Warum zum Teufel ist das so?»
Warum Frauen bis heute anders wahrgenommen werden als Männer, beschäftigt Reusser seit langem. «Ich habe vor einiger Zeit gemerkt, dass auch ich sexistisch bin. Wirklich. Weil ich in dieser Gesellschaft aufgewachsen bin.» Diese Erkenntnis habe sie erschüttert. «Ich habe mich gefragt: Warum zum Teufel ist das so?»
Die Antwort fand sie in ihrer eigenen Geschichte. Als Jugendliche merkte Reusser früh, dass sie Talent fürs Radfahren hatte. Profi zu werden, kam ihr trotzdem nie in den Sinn. Vorbilder wie Fabian Cancellara (45) schienen unerreichbar. «Bis mir jemand sagte, dass es Frauenradsport gibt und man als Frau Rennen fahren kann.» Sie habe es zunächst kaum glauben können. «Ich wusste das nicht. Das sagt doch eigentlich alles.»
Für Reusser ist Sexismus eine Frage der Sozialisierung. «Schon in der Werbung ist der Mann der supercoole Athlet. Und dann sagen wir, wir müssten den Frauen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen.» Allein diese Formulierung zeige das Problem. «Hört euch an, wie das klingt. Das ist doch absurd. Wir sind genauso starke Menschen.»
Deshalb fordert sie mehr Selbstreflexion. «Wir sollten uns selbst fragen: Warum denken wir über Menschen auf diese Weise? Ich glaube, dafür gibt es keinen logischen Grund.»
TV-Zahlen zeigen Erstaunliches
Der Frauenradsport hat in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte gemacht. Von echter Gleichstellung ist er dennoch weit entfernt. Viele Veranstalter kämpfen trotz attraktiver Rennen mit roten Zahlen. Die Tour de Romandie der Frauen wurde zuletzt aus Geldmangel gestrichen.
Dass sich mehr Sichtbarkeit auszahlen kann, zeigen die TV-Zahlen der Tour de Suisse. Die Frauen fuhren jeweils am Vormittag, die Männer am Nachmittag zur attraktiveren Fernsehzeit. Im Schnitt verfolgten 47'000 Zuschauer die Frauen-Etappen, 83'000 jene der Männer.
Entscheidend ist jedoch der maximale Marktanteil pro Tag: Die Frauen erreichten 22,7 Prozent und lagen damit sogar knapp vor den Männern mit 22,3 Prozent. «Der Radsport der Männer wird viel mehr beworben – durch die Medien, aber auch durchs Marketing. Umso krasser, dass der Marktanteil bei den Frauen höher war», sagt sie.
Im Vorjahr, als Reusser ebenfalls gewann, hatte der Marktanteil der Frauen noch unter 15 Prozent gelegen.