Der Konferenzsaal heisst «Meetingraum Honegger & Gnägi», ist bis auf den letzten Zentimeter mit hunderten Menschen gefühlt und die reservierte Zeit von 10 bis 14 Uhr reicht hinten und vorne nicht. Willkommen zur hitzigen Delegiertenversammlung vom Radverband im Untergeschoss eines Berner Hotels.
Rekordverdächtige fünf Stunden dauert die Prozedur. Auch wenn sich Tagespräsident Andreas Mäder, Vater des verstorbenen Radprofis Gino Mäder, alle Mühe gibt, aufs Tempo zu drücken. Mäder muss rund dreimal so viele Delegierte wie an einer gewöhnlichen DV bändigen. Die Warteschlange zieht sich bis auf Strasse, die DV beginnt mit 40 Minuten Verspätung. Ausnahmezustand im Schweizer Velo-Sport. Der Grund für die Mobilisierung: Der explosive Machtkampf rund um Swiss Cycling.
Alles dreht sich im Saal um die Frage: Agiert Swiss Cycling weiter nach dem Gusto des mächtigen Geschäftsführers Thomas Peter oder gelingt seinen Gegnern die Revolution mit einer neuen Präsidentin?
Präsidiumswahl endet mit 210:180 Stimmen
Nun liegt das Ergebnis vor, auf das die Velo-Schweiz hingefiebert hat. Peter und Co. überstehen den Angriff. In einer Kopf-an-Kopf-Wahl setzt sich Luana Bergamin (40) knapp vor Rivalin Marisa Reich (42) mit 210:180 Stimmen durch. Die Bündnerin ist neue Präsidentin von Swiss Cycling und erste Frau an der Spitze des Radverbands.
Nur 30 Stimmen Unterschied. Mit Bergamin, Regionalpolitikerin und selbstständige Unternehmerin im Sportbereich mit Mandaten beim Ski- und Mountainbike-Weltcup in Lenzerheide GR, obsiegt die Frau, die im Vorfeld als Kandidatin aus dem Dunstkreis von Thomas Peter und seinem Team galt.
Es waren jedenfalls Angestellte der Geschäftsstelle, die mit brisanten Formulierungen («mehrere Präsidentschaftskandidaten sind ein Risiko» und «wir möchten verhindern, dass es mehr als eine Kandidatin gibt») per E-Mail und Whatsapp-Messages für Bergamin auf Stimmenfang gingen, wie Blick letzte Woche enthüllte.
30 Stimmen fehlen Vorstandsmitglied Marisa Reich, die als Gegenspielerin von CEO Peter antrat. Und die in einer umstrittenen Aktion zunächst vom Swiss-Cycling-Einzelrichter wegen der Formalität um eine fehlende Radklubmitgliedschaft als Kandidatin ausgeschlossen wurde. Die Begnadigung durch das Rekursgericht erfolgte erst letzten Mittwoch.
Die neue Präsidentin steht ab sofort unter Beobachtung
Die Schlammschlacht kommt an der DV nie konkret zur Sprache. Der Tenor: Lasst uns lieber wieder übers Velofahren reden.
Peter selber sagt auf der Bühne bei seiner Präsentation des letzten Geschäftsjahres nur: «Ich hätte mir gewünscht, dass der eine oder andere Kritiker sich auch mal überlegt hätte, wie er an meiner Stelle gehandelt hätte. Es war immer ich, der hingestanden ist, da war nie ein Präsident.» Peter lässt sich nichts anmerken, aber er muss erleichtert sein, dass die Blumen für die erste Frau an der Spitze von Swiss Cycling an Bergamin gehen.
Die Bündnerin steht ab sofort unter Beobachtung der Velo-Szene. Die neue Präsidentin kann sich kaum leisten, von Anfang an als Verbündete des umstrittenen Geschäftsführers zu gelten. Obwohl sie eine Vergangenheit beim Verband hat, kommt sie von aussen und sagt: «Es ging Vetrrauen verloren, das muss wiederhergestellt werden. Meine Unabhängigkeit ist Teil meiner DNA, ich lasse mich nicht instrumentalisieren.» Worte, an denen sie nun gemessen wird.
War Reich den Delegierten doch zu radikal? Ihr deutlich abgelehner Statutenänderungsantrag, der vor den Wahlen behandelt wurde, löste im Saal Irritationen aus. Reich beantragte, neben gewissen Ethik-Fragen auch statuarisch festhalten zu lassen, dass es in Zukunft als Vorstandsmitglied keine Radklubmitgliedschaft mehr braucht.
Zudem war ihre Wahlwerbung forsch. Ihr Programm besagte, den Verband zu modernisieren und umzukrempeln. Wer zwischen den Zeilen las, erkannte rasch: Sie wollte vor allem Thomas Peter genauer auf die Finger schauen.
Fabian Cancellara meldet sich zu Wort
Doch ist Bergamins Triumph tatsächlich ein Triumph für CEO Peter? Es ist zumindest ein Teilsieg. Doch Swiss Cycling hat nicht nur eine neue Präsidentin. Sondern auch einen neuen Vizepräsident namens Andrew Thomas, der wiederum zum Peter-kritischen Lager gezählt wird. Dazu wurde der ganze Vorstand von sieben auf neun Mitgliederinnen und Mitglieder aufgestockt. Etwas, was der prominenteste Vertreter im Raum mit einer Wortmeldung hinterfragte: Olympiasieger und Tudor-Teamboss Fabian Cancellara fragte sich, ob man bei der Aufstockung des Vorstands auf sieben bis neun Personen nicht auch auf sieben beschränken könne.
Doch gewählt wurden für die Amtszeit bis 2029 wie geplant neun – auch, weil sich wegen des Machtkampfs rekordverdächtige 14 Personen aufstellen liessen. Von den neun Personen sind sechs nun neu im Vorstand – die grosse Revolution mit einer Präsidentin Reich ist zwar ausgeblieben, eine erhebliche Umwälzung bedeuten die Wahlen gleichwohl. Zumal Reich ja im Vorstand verbleibt. Und Peter weiter kritisch hinterfragen wird.
Aber für den CEO wohl entscheidend: Das ihm kritisch eingestellte Lager bleibt eine Minderheit. Neben Reich sind eben der neue Vizepräsident Andrew Thomas, die neu gewählte Ex-Profirennfahrerin Nicole Brändli sowie Ariane Previtali zu zählen.
Was ist mit den weiteren fünf? Vor allem die neu gewählten Luise Rohland und Alex Rufibach haben eine ganz andere Agenda, als sich in irgendwelchen Macht- und Grabenkämpfen aufzutreiben. Denn dieses Duo steht vor für die stark wachsende Mountainbike-Community. Da war sich der Saal einig, dass diese bisher untervertretene Gruppe in den Vorstand muss. Wer weiss: Vielleicht ist es genau dieser frische Wind durch die junge Generation der Mountainbiker, der Swiss Cycling wieder zur Ruhe kommen lässt.