Darum gehts
Trauriger Rekord bei der Tour de Suisse: Nur vier Schweizer standen zuletzt am Start – so wenig wie nie in der 89-jährigen Geschichte des Rennens. Dabei waren gleich drei Schweizer Teams dabei. Wie passt das zusammen?
Das NSN Cycling Team hat mit der Schweiz kaum mehr als den Namen gemeinsam. Es ging aus Israel-Premier Tech hervor, nachdem das Team wegen des Nahostkonflikts unter Druck geraten war. Hinter NSN stehen das Unterhaltungsunternehmen Never Say Never und die Genfer Investmentgesellschaft Stoneweg. Im Kader mit 21 Fahrern sowie im Management und Staff arbeitet kein einziger Schweizer.
Deutlich bekannter sind Pinarello Q36.5 und Tudor Pro Cycling. Beide richten den Blick auf die Tour de France, die am Samstag mit einem Teamzeitfahren in Barcelona beginnt. Schlagzeilen machten sie zuletzt allerdings weniger auf der Strasse als daneben.
Verdient Seixas bald mehr als Pogacar?
Bei Q36.5 berichtete der Journalist Daniel Benson von einem spektakulären Angebot an den 19-jährigen Franzosen Paul Seixas: 13 Millionen Euro pro Jahr. Damit würde das Supertalent sogar mehr verdienen als Tour-Dominator Tadej Pogacar (27, Slo). In Frankreich gilt Seixas als Hoffnungsträger. Er soll schaffen, woran seit Bernard Hinault 1985 alle Franzosen gescheitert sind: den Gesamtsieg bei der Tour de France.
«Vielleicht gewinnt er die Tour schon dieses Jahr», sagt Tudors Michael Storer (29, Aus). «Oder er erreicht Paris nicht einmal.» Kaum ein Satz beschreibt das Risiko besser.
Seixas gewann in diesem Jahr die Baskenland-Rundfahrt und den Flèche Wallonne, stürzte aber auch. Q36.5 setzt alles auf eine Karte: Entweder verpflichtet das Team den künftigen Dominator des Sports – oder investiert Millionen in einen Fahrer, der die Erwartungen nie erfüllt. Besitzer und Multimilliardär Ivan Glasenberg kann sich dieses Risiko leisten.
Fünf Stockwerke für die Schweizer Velo-Zukunft
Tudor verfolgt einen anderen Weg. Das Team von Fabian Cancellara (45) setzt auf langfristigen Aufbau statt auf schnelle Millionenwetten. Acht Schweizer stehen im Kader, dazu kommt ein eigenes Nachwuchsteam. «Hoffentlich schaffen es wieder viele Schweizer an die Spitze», sagt CEO Raphael Meyer. Vom Wettlauf um immer jüngere Talente lässt er sich nicht treiben. «Bei uns bekommt jeder die Zeit, die er braucht.»
Auch Tudor muss liefern. Siege und UCI-Punkte sind im Profiradsport überlebenswichtig. Swissness allein reicht nicht. Das Team hält trotzdem an seiner Vision fest. In Sursee entsteht für rund 18 Millionen Franken ein neues Performance Center. Es soll Profis, Nachwuchs- und Hobbyfahrern offenstehen. «Wir wollen den Radsport in der Schweiz wieder wecken – nicht für ein paar Jahre, sondern für Jahrzehnte», sagt Meyer. Die Eröffnung ist im kommenden Frühling geplant.