Darum gehts
- Michael Linigers Debüt-Saison als Headcoach ist voller Schwierigkeiten
- Unkonventionelle Inspiration durch Chirurgen und Piloten vor Amtsantritt
- EV Zug kämpft mit Verletzungen, CHL-Halbfinal als Highlight und Abwechslung
Nach acht Jahren im Trainer-Business tritt Michael Liniger beim EV Zug erstmals als Headcoach ins Rampenlicht. In seiner Debüt-Saison bleibt ihm in Sachen Drama kaum etwas erspart. Seine Mannschaft hat noch nie drei Spiele am Stück gewonnen. Leistungsträger sind fern ihrer Topleistung. Das Team bleibt weit unter den nach den Meisterjahren gestiegenen Erwartungen. Konstanz ist ein Fremdwort – die Verletzungshexe dafür Dauergast.
Man hätte dem 46-Jährigen für seine Premiere Umstände für ein ruhigeres Arbeiten gewünscht. Doch erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Was Liniger vor seinem Amtsantritt gedacht hat? Zumindest so weit, dass er sich versucht hat, auf schwierige Zeiten vorzubereiten – mit unkonventionellen Methoden. «Ich lasse mich gerne von anderen Berufsfeldern inspirieren», erklärt er den Hintergrund der Idee, «es kann hilfreich sein, von anderen in Druck-Situationen zu lernen.»
Im OP-Saal und Flugzeug-Cockpit
So ist er bei einem befreundeten Chirurgen mehrmals bei dessen Operationen dabei. «Spricht man mit Ärzten, geht es in ihrem Job schnell mal um Leben und Tod. Es herrscht eine Nulltoleranz, was grobe Fehler betrifft. Wie geht man damit mental um?» Für den Emmentaler ist der OP-Alltag surreal gewesen. Beeindruckt hat ihn die Balance zwischen Lockerheit und Fokus. «Sobald es heikel wurde, war volle Konzentration da.» Auch die klaren Anweisungen an die Assistenten, zum Beispiel wenn neue Instrumente gebraucht worden sind, hat sich der EVZ-Trainer eingeprägt.
Zudem darf er zu Piloten ins Cockpit. Da bleibt Liniger vor allem die Vorbereitung auf die Flüge und die klare Kommunikation in Erinnerung. «Vor dem Start wird eine Checkliste durchgearbeitet, was wenn. Die Eventualitäten werden besprochen, um bereit zu sein, falls sie eintreffen und man dem festgelegten Plan folgen kann.» Das hat der Ex-Stürmer (Kloten, Langnau, Ambri) versucht ins Hockey zu implementieren. «Aber ich habe nicht alles vorausgesehen.»
Liniger spricht die schwierige Startphase der Saison an mit den namhaften Ausfällen der (Langzeit-)Verletzten Raphael Diaz, Lukas Bengtsson, Lino Martschini und Daniel Vozenilek. «Die personelle Situation war ein Supergau. Ich war auf mehrere Szenarien vorbereitet, aber nicht auf so viele Ausfälle.» Die Mannschaft fängt sich nach Zwischentiefs immer wieder, das Rumdümpeln im Mittelfeld entspricht aufgrund der Umstände aber der Realität.
Unter Tangnes zum Headcoach gereift
In der Anfangsphase der Saison federt Liniger den Stress noch gut ab. Doch je näher das Quali-Ende rückt, umso mehr spürt er den steigenden Druck. «Jetzt zählen nur Punkte.» Wie er damit umgeht? Er versucht, sich auf die tägliche Arbeit zu fokussieren. Also darauf, was er direkt beeinflussen und kontrollieren kann. Darauf hat ihn sein Vorgänger bestens vorbereitet, dessen letzte Saison auch nicht wunschgemäss verlaufen ist: Unter Dan Tangnes (46, No) ist Liniger der fünfte Assistent, der zum Headcoach gereift ist. Als Trainer von Swissligist GCK Lions lehnt er zuvor Angebote aus Langnau und Kloten ab, weil er sich noch nicht bereit gefühlt hat für die Aufgabe. Jetzt ist er es, vertraut seinen Fähigkeiten als Trainer und Mensch.
Dass nun mitten in der Krise und dichtem Programm der CHL-Halbfinal gegen den schwedischen Meister Lulea ansteht, ist Fluch und Segen zugleich. Liniger hofft, dass die Aufgabe vom Liga-Stress befreit. «Die Spieler haben sich diesen Halbfinal erarbeitet und verdient. Aber es ist eine Herkulesaufgabe.» Doch die erfolgreiche CHL-Kampagne ist es, die den düsteren Zuger NL-Alltag etwas aufhellt.


