Darum gehts
- Robi Andenmatten fliegt seinen 7000. Rettungseinsatz in Zermatt
- Er ist seit 35 Jahren Helikopter-Pilot im Wallis
- Air Zermatt rettet jährlich mehr als 2200 Menschen in den Alpen
«Verletzungsmuster?», fragt Robi Andenmatten (55) in sein Funkgerät, während er den Helikopter über den Allalingletscher jagt. Im Kopfhörer knackt es. «Schädel-Hirn-Trauma mit Gesichtsverletzung. Blut fliesst aus dem Ohr», funkt jemand von der Unfallstelle zurück.
Mit 200 km/h fliegt Andenmatten von Zermatt VS nach Saas-Fee VS. «Diesen Weg kenne ich so gut wie den vom Bett zur Toilette», sagt er. Sanft drückt er den Hebel in seiner linken Hand nach unten, der Helikopter verliert an Höhe. Es ist Andenmattens 7000. Rettungseinsatz!
Er landet den Helikopter neben dem Parkhaus P4 in Saas-Fee. Rettungssanitäter Louis Gruber (28) steigt zuerst aus, dann Notarzt Eric Haffner (54). Eine Velofahrerin ist im Dorf gestürzt – sie war ohne Helm unterwegs.
Gruber und Haffner kümmern sich um die Patientin, laden sie dann auf einer Bahre in den Helikopter. Andenmatten schaut zu. Kaum ist die Crew zurück an Bord, spricht der Pilot wieder ins Funkgerät: «Ich starte.»
Vom «Pilötli» zum Rekord-Piloten
Schon als Kind träumt Andenmatten vom Fliegen. Er wächst in Zermatt auf, hört Tag und Nacht Helikopter über das Dorf knattern, sieht zu, wie sie ums Matterhorn fliegen. «Heli-Piloten waren Götter», sagt Andenmatten. «Ihre Rettungseinsätze – ein Spektakel.»
Dass sein Vater als Bergführer die allererste Rettung der Air Zermatt am Breithorn begleitete, inspiriert ihn. Mit 18 Jahren entscheidet er sich, die Fluglizenz in den USA zu erwerben, weil sie dort günstiger ist und Andenmattens Mutter in Los Angeles lebte. Zwei Jahre später hebt er zum ersten Mal in Zermatt ab. Auf der Basis nannten sie ihn «unser Pilötli». Jetzt lacht er darüber.
35 Jahre später und 7 Minuten nach dem Start in Saas-Fee setzt Andenmatten den Helikopter auf dem Dach des Spitals Visp ab. Er schaut zu, wie Notarzt und Sanitäter die Verletzte auf die Notfallstation bringen. Er selbst wartet in der Sonne. Während seiner Karriere verdreifachte sich die Zahl der jährlichen Rettungseinsätze der Air Zermatt. Vergangenes Jahr flog sie über 2200 Einsätze im Wallis.
«Die Leute sind heute nicht unvorsichtiger, sondern an der Zahl viel mehr – wie überall», erklärt Andenmatten. Früher flogen die Bergretter aus Zermatt hauptsächlich Einsätze im Hochgebirge. Heute zählen auch Verkehrsunfälle, Evakuierungen oder Patientenverlegungen zum Einsatzspektrum dazu.
Dass Andenmatten so viele Einsätze in 35 Jahren im Wallis fliegen konnte, liege an der Bedeutung des Helikopters für die Bergregion. Andenmatten fliegt im Wallis oft, wenn es im Flachland nur eine Ambulanz braucht.
Auf dem Spitaldach in Visp schrillt der Alarm auf seinem Tablet. Nächster Einsatz. Gelassen steigt er ins Cockpit, schaltet das Triebwerk ein und prüft die Einsatzinformationen. «So ist mein Alltag. Vom einen zum nächsten.» Nach 90 Sekunden ist die Turbine genug warm zum Abheben und die Crew zurück im Helikopter.
Kinder bringen ihn ans Limit
Andenmatten sucht den Fiescherfirn ab, fliegt eine Runde. «Seht ihr sie?», fragt er. «Auf ein Uhr», antwortet der Rettungsspezialist. Er wurde für diese Hochgebirgsrettung zusätzlich aufgeboten und meint: vorn, leicht rechts.
Eine rote Jacke fällt auf. Die in Not geratenen Alpinisten stehen allein auf den grauen Felsen, umgeben von Gletscher und Schnee. Andenmatten lässt den Rettungsspezialisten und Notarzt Haffner über einem Felsen aussteigen. Nur eine Kufe des Helikopters berührt den Boden. Eine vollständige Landung ist hier unmöglich. Der Pilot dreht ab, landet Hunderte Meter nebenan auf dem Gletscher und wartet.
«Bereit», hört Andenmatten auf dem Funk. Er fliegt zurück. Im Flug öffnet Sanitäter Gruber die Hintertür des Helikopters. Pilot Andenmatten überwacht rechts aus dem Fenster die Höhe. Patient, Notarzt und Rettungsspezialist steigen ein. Tür zu und zurück ins Spital.
Einsätze wie diese seien Routine. Ausser: «Wenn Kinder im Spiel sind, halte ich es kaum aus.» Andenmatten, selbst dreifacher Vater, erinnert sich an den Einsatz nach dem Busunglück 2012 in Sierre VS mit 28 toten Kindern und Erwachsenen. Er flog Schwerverletzte ins Spital. «Diese verletzten Kinder brachen mir das Herz.»
Auch nach dem Inferno in Crans-Montana VS flog er Jugendliche mit schweren Brandverletzungen in die Spitäler. «Schrecklich, das zeigt, wie fragil unser System ist.»
Für ihn ist klar: «Wenn der Arzt oder Sanitäter meine Unterstützung nicht braucht, bleibe ich im Hintergrund.» Zum eigenen Schutz, wie er sagt. Denn: «Die Bilder von kranken, verletzten und leidenden Kindern verfolgen mich bis nach Hause.»
Zehn Freunde starben – Andenmatten musste bergen
Die Walliser Bergwelt lenkt ihn zum Glück manchmal ab. Über der Bettmeralp VS sagt Andenmatten: «Schau, das Matterhorn.» Als sehe er den Berg zum ersten Mal. Mit 55 Jahren ist seine Begeisterung für das Panorama nicht verflogen. Bis eine Stimme aus dem Funkgerät die Crew zum nächsten Einsatz alarmiert.
Zwei Berggänger in Not. Sie sitzen auf der Margherita-Hütte am Monte Rosa auf 4554 m ü. M. fest. Sie fühlen sich krank. Vermutlich wegen der Höhe. Auf über 4000 Metern ist die Luft dünn. Auch die Helikopter-Leistung nimmt ab. Die Crew muss Gewicht loswerden. Andenmatten fliegt zurück zur Basis, lässt Bahre und medizinisches Equipment ausladen. «So spare ich über 200 Kilogramm», erklärt der erfahrene Pilot.
Gewicht, Wind, Landeplatz: Andenmatten spielt die möglichen Szenarien im Kopf durch. «Du brauchst immer einen Plan», sagt er. Denn: «Das Risiko fliegt in diesem Job immer mit.»
Die tödliche Gefahr seines Jobs hat er immer vor Augen. Vor Jahren musste er einen Pilotenkollegen tot bergen. «Ich war wie ein Roboter, habe mich als Mensch ausgeschaltet und nur funktioniert.» Fünf Piloten und fünf Bergführer aus seinem Freundeskreis kamen beim Job ums Leben. «So soll es für mich nicht enden.»
Feierabend mit 60 Jahren
Und doch geht er ans Limit: Knapp 3000 Höhenmeter fliegt Andenmatten von Zermatt hoch zur Capanna Margherita. Das schmelzende ewige Eis liegt unter ihm. Keine Minute hält er seine Maschine auf der Landeplattform. Es windet, und Nebel zieht die steile Felswand unter der Hütte hoch. Sanitäter Gruber hilft den kranken Bergsteigern beim Einsteigen.
Mit leeren Blicken schauen sie aus dem Fenster des Helikopters und schweigen. Kopfschmerzen und Übelkeit plagen die beiden Schweizer seit Stunden.
Das Ende naht. «Bringt einen Rollstuhl», funkt Andenmatten den Flughelfern am Boden zu. Auf festem Untergrund der Helikopterbasis in Zermatt landet er seine Maschine. Die Alpinisten werden vom Notarzt versorgt. Ende der Expedition.
Und Feierabend für Andenmatten? «Schluss ist erst mit 60», antwortet er. In fünf Jahren lässt er sich pensionieren. Keine Rettungen, keine Ausbildungen, keine Rundflüge mehr. «Bis jetzt hatte ich immer Glück: Das soll so bleiben.»