«So schwer verletzt, dass er noch auf der Stelle verstarb»
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Polizei zum Arbeitsunfall:«So schwer verletzt, dass er vor Ort verstarb»

Unfallserie auf Schweizer Baustellen – Büezer sind sauer
«Fünf schwere Unfälle in so kurzer Zeit – das geht einfach nicht»

Fünf schwere Unfälle auf Schweizer Baustellen in sechs Monaten: Gewerkschaften schlagen Alarm. Stress, Fachkräftemangel und schlechte Bedingungen setzen Bauarbeiter zunehmend einem hohen Risiko aus.
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Am 5. Mai starb ein 59-jähriger Bauarbeiter in Regensdorf, als er von einem Metallträger getroffen wurde. Es ist der jüngste Vorfall einer besorgniserregenden Unfallserie.
Foto: Zvg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Fünf Bauunfälle mit Schwerverletzten oder Toten in sechs Monaten in der Schweiz
  • Unia: Jeder sechste Bauarbeiter von Unfall betroffen, Risiko bleibt hoch
  • Bauproduktivität stieg um 20% in 10 Jahren, Personal jedoch reduziert
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Sebastian BabicReporter Blick

Bauarbeiter leben gefährlich. Das ist hinlänglich bekannt. Doch die aktuelle Häufung von schweren Unfällen auf den Baustellen im Land ist besorgniserregend. Erst am vergangenen Dienstag starb ein 59-jähriger Portugiese, als er von einem Metallträger erschlagen wurde.

Vor gut zwei Wochen kam in Stäfa ZH ein 19-Jähriger zu Tode, als er von einer Betonplatte getroffen wurde. Alleine im letzten halben Jahr gab es in der Schweiz sechs Unfälle mit vier Schwerverletzten und zwei Toten.

Die Gründe dafür sind mannigfaltig, wie Gewerkschafter sagen. Alles müsse schneller gehen und günstiger werden. Gewerkschafter fordern deshalb Verbesserungen in allen Bereichen: Prävention, Schulung, Kontrolle. Zwei von ihnen ordnen für Blick die Unfallserie ein.

Seit den Achtzigern hat sich die Arbeitssicherheit in der Schweiz über alle Branchen hinweg stark verbessert, wie die Suva in einer aktuellen Publikation vorrechnet. Heute sterben pro Jahr rund 80 Prozent weniger Menschen bei Arbeitsunfällen als noch vor 40 Jahren. Gut ist darum aber noch lange nicht alles. Es gibt aber noch immer Hochrisiko-Branchen, wo Unfälle deutlich häufiger vorkommen. Zum Beispiel die Forstwirtschaft. 

Hochrisikobranche Bau

Sehr gefährlich ist aber auch die Baubranche, wie die Zahlen belegen. Nico Lutz (54), Sektorleiter Bau bei der Gewerkschaft Unia, sagt auf Blick-Anfrage: «Die Zahlen sind generell zwar rückläufig, aber nach wie vor hat ungefähr jeder sechste Bauarbeiter pro Jahr einen Unfall. Im Vergleich zum Durchschnitt aller Branchen ist das etwa dreimal so hoch.» Verglichen mit Bankern sei das Risiko sogar zehnmal höher. 

Besonders problematisch: Wenn man schwere und sehr schwere Unfälle auf dem Bau zusammenrechne, sei gar eine Zunahme der Fälle zu verzeichnen.

Dafür gebe es viele Gründe. Der wichtigste: Die Geschwindigkeit auf dem Bau habe zugenommen, erklärt Michele Aversa (50), Branchenleiter Bau bei der Gewerkschaft Syna: «Die Produktivität ist in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Und das bei massiv weniger Personal.» Es müsse immer schneller gehen, wobei die Sicherheit dann oft auf der Strecke bleibe.

«Die Zahlen belegen das», ergänzt Lutz von der Unia: «In den letzten 10 Jahren wurde 20 Prozent mehr Umsatz generiert, trotz weniger Personal.» Auch das Arbeitsumfeld auf dem Bau habe einen grossen Einfluss, sagt er: «Die Maschinen werden immer grösser und alles geht schneller.» Somit steige auch das Risiko für einen schweren Unfall.

Fachkräftemangel

Auch der Fachkräftemangel spiele eine grosse Rolle bei der Sicherheit auf dem Bau, sagt Aversa von der Syna: «Es gibt weniger ausgebildete Leute auf den Baustellen und mehr Hilfskräfte. Dadurch geht oft Sicherheitswissen verloren.» Die Teams auf den Baustellen seien grundsätzlich eingespielt. Wenn aber kurzfristig Temporärkräfte hinzukämen, könne das die Abläufe stören und verringere die Sicherheit. Zudem steige der Druck auf die etablierten Teams und Arbeiter.

Dies zeige sich auch bei den Arbeitsbedingungen, sagt Lutz: «Speziell im Sommer und bei Termindruck wird schon grundsätzlich mit neun Stunden pro Arbeitstag eingeplant. Hinzu kommen die eine oder andere Überstunde und die Zeit, die man mit Pendeln verbringt.» Dies summiere sich schnell auf zwölf Arbeitsstunden täglich. «Und das bei über 30 Grad! In der Branche ist bekannt, dass mit der Hitze auch das Unfallrisiko steigt.»

Die aktuelle Häufung können sich beide Gewerkschafter aber nicht vollends erklären. «Die Unfallserie macht natürlich hellhörig. Statistisch gesehen gibt es aber jedes Jahr Zehntausende von Unfällen. Glücklicherweise gehen die meisten glimpflich aus», sagt Aversa. Er geht davon aus, dass sich dies über das Jahr wieder relativieren werde. Lutz pflichtet bei: «Ich würde nicht allein aus fünf Fällen eine statistische Aussage ableiten.» Doch für beide ist klar: «Fünf schwere Unfälle in so kurzer Zeit – das geht einfach nicht.»

Eindeutige Forderungen

Die Forderungen der Gewerkschafter sind daher klar: Mehr Kontrolle durch Behörden und Arbeitgeber, dass die Sicherheitsvorschriften von den Arbeitern eingehalten werden. Einfach sei das nicht, sagt Aversa, Selbstverantwortung spiele eine Rolle: «Teilweise tragen die Bauarbeiter ja nicht einmal Helme, nach dem Motto: Es wird schon gut gehen.»

Auch müsste die Branche attraktiver werden und selbst wieder mehr Fachkräfte ausbilden. «Der Bau verliert den Nachwuchs schon während der Lehre oder kurz danach», sagt Lutz. Das habe mit den Arbeitsbedingungen, mit Planbarkeit und der Vereinbarkeit mit einem normalen Familienleben zu tun.

Deshalb brauche es Druck aus der Gesellschaft, wie Aversa zusammenfasst: «Die Bevölkerung muss sehen, dass es nicht einfach normal sein kann, wenn immer wieder solche Unfälle passieren. Jeder Unfall ist einer zu viel.»

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