Terror-Attacke in Winterthur
Wenn Täter als unbedenklich eingestuft werden

Einen Tag vor der Bluttat am Bahnhof Winterthur wurde Nesip Dedeler von einem Arzt als keine Gefahr für sich und andere diagnostiziert. Immer wieder gibt es in der Schweiz Fälle, bei denen Menschen kurz vor ihrer Tat als unbedenklich oder ungefährlich eingestuft wurden.
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Am Donnerstagmorgen stach Nesip Dedeler am Bahnhof Winterthur mit einem Messer wahllos auf mehrere Menschen ein. Drei Menschen wurden teils schwer verletzt.
Foto: Leserreporter

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Nesip Dedeler (31) verletzt am Donnerstag in Winterthur drei Menschen mit einem Messer
  • Er war psychiatrisch behandelt und Behörden wegen Islamisten-Verbindungen bekannt
  • 2020 ähnliche Fälle: Morges (20 Jahre Haft) und Lugano (9 Jahre Haft)
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Sandra MarschnerRedaktorin News-Desk

Montag 25. Mai: Nesip Dedeler (31) geht freiwillig zur Polizei und macht dort «wirre und wahnhafte» Aussagen. Dedeler wird für einen Tag fürsorglich in der Integrierten Psychiatrie Winterthur (IPW) untergebracht. Am Mittwoch diagnostiziert ein Arzt, dass Dedeler weder für sich noch für andere eine Gefahr darstelle. Doch am Donnerstagmorgen sticht er mitten im Pendlerverkehr mit einem Messer wahllos auf Menschen am Bahnhof Winterthur ein. Drei Schweizer werden verletzt – einer davon schwer. Videoaufnahmen zeigen, wie Dedeler über den Bahnhofsplatz rennt und «Allahu akbar» schreit. Kurz nach der Tat wird der Schweiz-Türke von der Polizei festgenommen.

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Nach der Bluttat von Winterthur ist der Schock gross. Im Verlauf einer Pressekonferenz am Donnerstag zeichnete sich immer deutlicher ab: Nesip Dedeler war den Behörden nicht unbekannt. Neben der psychiatrischen Behandlung wenige Tage vor dem Attentat war Dedeler bereits wegen Verbindungen zur berüchtigten An'Nur-Moschee in Winterthur-Hegi aufgefallen. Vor elf Jahren erhielt er eine Anzeige wegen eines «Verstosses gegen das IS-Verbot».

Mit Blick auf die ärztliche Diagnose stellt sich die Frage: Wie kam es zu der offensichtlichen Fehleinschätzung? Das müssen die Ermittlungen nun klären. Eine Fehleinschätzung wie im Fall Nesip Dedeler ist jedoch kein Einzelfall. Immer wieder wurden Täter in der Schweiz zuvor als unbedenklich oder ungefährlich eingestuft.

Terrorattacke von Morges VD

Im September 2020 erschütterte ein Tötungsdelikt Morges VD. Ein damals 29-jähriger Schweiz-Türke stach in einem Kebabimbiss in Morges den Portugiesen Rodrigo G.* (†29) kaltblütig nieder. Der Angreifer war Mitglied eines Dschihadisten-Netzwerks und bezeichnete sich selbst als IS-Attentäter. Im Januar 2023 wurde der Mann zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Schon seit 2017 war der spätere Täter dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) bereits als Islamist im Grossraum Lausanne bekannt gewesen. 2019 versuchte der Mann, eine Tankstelle in Prilly VD in die Luft zu sprengen. Die Ermittler stiessen damals auf einen möglichen dschihadistischen Hintergrund, der Mann kam in Untersuchungshaft. Drei Monate vor der Terrorattacke in Morges wurde er wieder freigelassen – unter Aufsicht. Obwohl er sich wiederholt nicht an bestimmte Auflagen hielt und es Hinweise auf Isolierung und islamistische Ideologisierung gab, kam er nicht wieder in Untersuchungshaft.

Messerattacke in Lugano

In einer Manor-Filiale in Lugano TI attackierte die damals 29-jährige Jessica M.* im November 2020 zwei Frauen mit einem Messer und versuchte, sie zu töten. Der Angriff wurde wegen der Verbindungen M.s in die islamistische Szene Luganos und ihrer IS-Radikalisierung als Terrorakt eingestuft. Im September 2022 wurde die Tessinerin zu neun Jahren Haft verurteilt.

Bereits vor der Terrorattacke war Jessica M. aktenkundig. Fedpol und Bundesanwaltschaft ermittelten bereits 2017 gegen die junge Frau. Jessica M. hatte sich demnach über soziale Medien in einen IS-Krieger verliebt und versuchte, über die Türkei nach Syrien zu gelangen. An der Grenze wurde sie festgehalten und in die Schweiz zurückgebracht. Nach ihrer Heimkehr zeigte sich M. geistig verwirrt und wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Weitere Klinikaufenthalte folgten. Wie Islamismus-Experte Stefano Piazza gegenüber Blick damals warnte, sei dies ein gefährliches Muster, um «Zielperson» für Radikalisierung zu werden.

Nasenweg-Mörder tötet auf Psychiatrie-Ausflug

Die Horrortaten von Dreifachmörder Raphael M.** (33) schockierten die ganze Schweiz. Im November 2014 tötete M. im psychotischen Wahn eine Nachbarin am Nasenweg in Basel und ermordete auf der Flucht eine weitere Frau. 2015 wurde der damals 22-Jährige deshalb wegen Mordes verurteilt. Da er jedoch an Schizophrenie leidet und die Taten offenbar im Wahn begangen wurden, wurde er als nicht schuldhaft beurteilt. Er kam zu einer langjährigen stationären Massnahme in die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK). Doch während eines unbegleiteten Freigangs ermordete M. im August 2024 eine weitere Nachbarin – die 75-jährige Assunta L.*.

Im Dezember 2024 kam M. schliesslich in Verwahrung in eine geschlossene psychiatrische Klinik. Ein Gutachten kam zum Schluss, dass alle Therapiemöglichkeiten bei M. ausgeschöpft seien und keine reellen Erfolgsaussichten mehr bestünden. Offen blieb dabei jedoch, wie es M. über zehn Jahre Therapie gelang, seine anhaltenden Wahnvorstellungen offenbar erfolgreich vor dem Klinikpersonal zu verbergen.

* Namen geändert

** Name bekannt 

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