Darum gehts
- Messerangriff in Winterthur: Nasip Dedeler verletzt drei Personen am Bahnhof
- Dedeler galt laut einem Arzt am Mittwoch nicht mehr als gefährlich
- Angriff begann um 8.28 Uhr, Täter um 8.33 Uhr verhaftet
Er wollte verletzen, er wollte töten: Der Winterthurer Nesip Dedeler (31) hat am Donnerstagmorgen mitten im Pendlerverkehr wahllos auf Menschen am Bahnhof Winterthur eingestochen. Der Schweiz-Türke hat drei Menschen verletzt – alles Schweizer im Alter von 28, 43 und 52. Einer der Männer musste gar notoperiert werden. Anhand von Zeugenaussagen und Informationen der Behörden konnte Blick die vergangenen Tage und den Tag der Bluttat rekonstruieren.
8.28 Uhr: Die Tat nimmt ihren Lauf
Am Donnerstagmorgen um 8.28 Uhr begann der Angriff am Nordende des Bahnhofs Winterthur. Augenzeuge Turhan Muslu (65) schilderte gegenüber Blick die dramatischen Sekunden: «Ich sah, wie er aus der Rampe stürmte und versucht hat, auf einen Mann einzustechen.» Sofort sei Panik ausgebrochen, sagt Muslu: «Der Passant hat sich mit Händen und Füssen gewehrt.»
Videos zeigen, wie der Mann mit schwarzen, langen Haaren und Bart in einem anthrazitfarbenen T-Shirt und grauen Shorts schwerfällig über den Bahnhofsplatz rannte und «Allahu akbar» schrie. Dabei kam er an einer Schulklasse vorbei, die Lehrperson stellte sich schützend vor ihre Schüler.
8.33 Uhr – Dedeler wird festgenommen
Laut Taxifahrer Turhan Muslu trafen schliesslich Sicherheitskräfte des Bahnhofes ein und überwältigten den Angreifer. Zeitpunkt der Festnahme: 8.33 Uhr. Gemäss Polizei fünf Minuten, nachdem sie alarmiert worden war.
Mehrere Stellen am Bahnhof zeugten gestern Morgen noch von der Horrortat. So war etwa die Treppe zur Unterführung abgesperrt. Wenige Meter daneben errichtete die Polizei ein weisses Zelt unweit von Gleis 3. Ein Zeichen dafür, dass es hier blutig wurde. Ein dritter Tatort befand sich wenige Meter um die Ecke am Bahnhofplatz, Höhe der Hausnummer 9.
Am Bahnhof Winterthur konnte die Polizei die drei Verletzten ausmachen: Ein 28-Jähriger erlitt einen Stich am Bein, ein 43-Jähriger einen Schnitt am Hals und ein 52-Jähriger eine gröbere Verletzung am Oberschenkel. Ein Video zeigte, wie ein sportlich gekleideter Mann auf einer Treppe sass und erstversorgt wurde. Um 9 Uhr morgens waren sämtliche Verletzten in Spitalpflege.
11.23 Uhr: Erste Medienmitteilung der Polizei
Die Polizei bestätigt: 31-jähriger Schweizer verletzt drei Personen mit Stichwaffe.
15.05 Uhr: Die Behörden nehmen Stellung
Wenige Stunden nach der Tat präsentierten Marius Weyermann (48), Kommandant der Kantonspolizei Zürich, sowie der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr (67, parteilos) an einer Pressekonferenz erste Erkenntnisse zur Messerattacke.
Fehr fand klare Worte für die Tat. Er sprach wiederholt von einem «Terrorakt» und sagte, dass so eine Tat hier nicht geduldet werde. Das Motiv war auch für Polizeikommandant Weyermann schnell ausgemacht: Radikalisierung und Extremismus.
Regierungsrat Fehr war es dann auch, der den Namen des mutmasslichen Täters von Winterthur nannte. Ein für Schweizer Verhältnisse äusserst ungewöhnlicher Vorgang. Fehr erklärte, dass der Name bereits kursierte und damit kein Geheimnis mehr war.
Montag, 25. Mai, bis Donnerstag, 28. Mai: Die Tage davor
Nicht nur der Donnerstag, auch die Tage vor der Bluttat von Winterthur dürften für die Aufarbeitung von immenser Bedeutung sein. So ist jetzt bekannt, dass Messerstecher Dedeler sich am Montag, dem 25. Mai, aus freien Stücken bei der Polizei gemeldet hatte. Er machte dort «wirre und wahnhafte» Aussagen, so Polizeikommandant Weyermann. Dedeler wurde daraufhin fürsorglich in der Integrierten Psychiatrie Winterthur (IPW) untergebracht.
Am Dienstag verliess Dedeler die Klinik. Laut Weyermann wurde er ausgeschrieben, bei einer Kontrolle an seinem Wohnort vorgefunden und wieder zurück in die Klinik gebracht.
Am Mittwoch erfolgte durch einen Arzt die Diagnose, dass Dedeler weder für sich noch für andere eine Gefahr darstellte. Obwohl ihm die Klinik empfahl, weiter dortzubleiben und sich zu stabilisieren, verliess Dedeler am Mittwochabend die IPW, bevor er am Donnerstagmorgen zur Tat schritt.
Die IPW meldete sich am Abend der Tat per Medienmitteilung zu Wort. «Tief betroffen aufgrund der Vorfälle» gibt man sich. Wer den späteren Täter für ungefährlich erklärte und warum, darauf geht die Psychiatrie nicht ein.
Radikalisierung in der An'Nur-Moschee
Dedeler gehörte gemäss SRF zu einer Gruppe von Jugendlichen, die vor einigen Jahren in der 2017 geschlossenen An'Nur-Moschee in Winterthur-Hegi verkehrten. Einige junge Männer aus der Gruppe wurden später angeklagt und teilweise verurteilt.
In der berüchtigten Moschee wurde unter anderem von einem Imam zu Gewalt an «schlechten Muslimen» aufgerufen. Auch die zwei Brüder von Dedeler seien in Ermittlungen immer wieder als radikalisiert aufgefallen. Dedeler habe islamistische Propaganda verbreitet und andere vom Dschihad, vom Heiligen Krieg, überzeugen wollen. Vor elf Jahren erhielt Dedeler schon einmal eine Anzeige. «Wegen Verstoss gegen das IS-Verbot», erklärte Marius Weyermann.
Nesip Dedeler sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft, seine Brüder und Eltern werden befragt. Dem 31-jährigen Doppelbürger drohen eine lange Haftstrafe und der Entzug des Schweizer Passes.