«Ich habe langsam richtig Angst»
2:12
Untersee-Pegel immer tiefer:«Ich habe langsam richtig Angst»

Rekordtief am See
Kursschifffahrt am Untersee vor dem Aus?

Der Bodensee trocknet aus: Im Hafen von Konstanz fiel der Wasserpegel auf ein Rekordtief von unter 290 cm. Am Untersee droht im schlimmsten Fall ein Stopp der Schifffahrt, während Gastronomen und Einheimische alarmiert sind.
Kommentieren
1/10
Der Bodensee liegt auf dem Trockenen. Am 1. August wurde der bisherige Pegeltiefststand pulverisiert.
Foto: Sebastian Babic

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Der Untersee leidet unter Trockenheit, Wasserpegel auf historischem Tiefstand von 290 cm
  • 36 cm unter dem Rekord von 2022, Schifffahrt und Tourismus bedroht
  • 2003 ähnlich niedriger Wasserstand, damals grosses Fischsterben und Schifffahrt-Ausfälle
Blick_Portraits_256.JPG
Sebastian BabicReporter Blick

Im Hafen von Steckborn TG riecht es nach freigelegtem Seegras und trockenen Algen. Entlang des Untersees, dem südwestlichen Zipfel des Bodensees, hat die Trockenheit unbarmherzig zugeschlagen. Ganze Häfen liegen trocken, die Badis ächzen unter dem Wetter, die Fische im Hochrhein kämpfen ums Überleben. Bald könnte auch die Kursschifffahrt am Untersee zum Erliegen kommen, wenn man den Einheimischen Glauben schenkt.

Einheimische und Touristen zeigen sich aktuell hilflos. «2003 war es schon prekär. Aber so etwas wie jetzt habe ich noch nie erlebt», sagt Margrit Peterli (82), die schon ihr ganzes Leben in Stein am Rhein SH wohnt.

Der Wasserpegel im Hafen von Konstanz (D) ist mittlerweile unter 290 cm gefallen. Ein kritischer Wert, wie mehrere Böötler am Untersee gegenüber Blick bestätigen. Der aktuelle Pegel ist absoluter Negativ-Rekord. Der bisherige Tiefststand aus dem Jahr 2022 wurde geradezu pulverisiert: Damals lag der Pegel im gleichen Zeitraum bei 326 cm. 

«Der Pegel in Konstanz ist wichtig für uns, aber er entscheidet nicht, wie und ob wir fahren», sagt Remo Rey (50), Geschäftsführer der Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein (URh) zu Blick. Er versprüht Optimismus trotz des sinkenden Pegels. Eine Entspannung ist aktuell aber nicht in Sicht.

Kaum Touristen am 1. August

Es ist Samstagmittag und Nationalfeiertag. Ein absoluter Spitzentag für die URh und den Tourismus am Untersee – normalerweise. Die MS Schaffhausen, das grösste Kursschiff der URh, legt in Steckborn an. Wo sonst Aberdutzende von Passagieren das Schiff für eine Tour im kleinen Thurgauer Seestädtli verlassen, steigen gerade einmal fünf Touristen aus.

Unweit der Landestelle tanken Paul M.* und seine Freunde ihr Boot auf: «Wir wissen nicht, wie lange wir unser Boot überhaupt noch benutzen können. Wahrscheinlich müssen wir es bald auswassern.» Mit den Kursschiffen seien sie nie unterwegs, doch dass die Schifffahrt weiter so läuft wie bisher, können sie sich nicht vorstellen. «So tief wie jetzt war es nie. Heute ist der 1. August, und der See ist fast leer. Normalerweise wimmelt es von Booten.»

Auch Gastronomen am Untersee in Steckborn können sich nur an einen einzigen, ähnlichen Tiefstand erinnern: «Wir hatten ja schon einige Jahre mit wenig Wasser», sagt eine Kellnerin. «Aber so tief habe ich es noch nie erlebt.» Ihre Chefin ergänzt: «Vielleicht noch im Jahr 2003 beim grossen Fischsterben. Da war der Pegel bei uns in Steckborn ähnlich tief.»

Tatsächlich war damals der Hafen von Stein am Rhein vom Rest des Untersees in Sachen Kursschifffahrt abgeschnitten. Der Trend deutet darauf hin, dass es dieses Jahr ähnlich werden könnte.

Ausstieg wird zum Aufstieg

Szenenwechsel. Einige Kilometer weiter Richtung Westen liegt die Schifflände Mammern TG. Auch hier macht die URh Halt. Die Landebrücke, eine kleine, mobile Brücke aus Aluminium und Blech, wird zum Schiff heruntergelassen. Die Steigung beträgt fast 45 Prozent, der Ausstieg wird zu einer Mikro-Bergwanderung. 

So legt ein Schiff bei tiefem Pegelstand an
1:53
Untersee so trocken wie nie:So legt ein Schiff bei tiefem Pegelstand an

Hier steigen auch Margrit und Jeremias Peterli (62) aus. Letzterer feiert heute seinen Geburtstag. Auch er kennt den Untersee seit Kindesbeinen: «Wir hätten nie gedacht, dass es einmal so weit kommen könnte. Jetzt ist es halt doch so weit», stellt er konsterniert fest.

URh versprüht Optimismus

URh-Geschäftsführer Remo Rey hat sich mit der neuen Realität abgefunden: «Ein Jahr ohne Hoch- oder Niedrigwasser ist eigentlich das Ausnahmejahr. Alle anderen Jahre sind die Normalität.»

Dass es zu einem Unterbruch bei der Unterseeschifffahrt kommt, glaubt er nicht: «Wir gehen davon aus, dass sich der Wasserstand auf einem tiefen Niveau einpendelt. Deshalb rechnen wir damit, Stein am Rhein weiterhin anfahren zu können.»

Die Wetter- und Pegeltrends zeichnen aber ein anderes Bild. Der Pegel, so die Prognosen, soll weiter fallen. Ob und wie lang die Schifffahrt angesichts dessen noch stattfinden kann, ist nicht sicher.

Der kritische Punkt jedenfalls ist längst überschritten.

* Name bekannt

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen