Darum gehts
- Bodensee-Wasserstand historisch tief, Badegäste frustriert, Blaualgen-Gefahr für Hunde
- Kursschiffe stoppen Betrieb, Boote teilweise auf dem Trockenen
- Vermietung von Stand-up-Paddles boomt, weniger Badegäste als üblich
Nadja (54) führt gerade ihre Hunde am Bodensee aus, ihre Schuhe sind mit Schlamm bedeckt. «Eigentlich wollte ich baden, aber beim Anblick des Ufers ist mir die Lust sofort vergangen», sagt sie zu Blick. Zuerst habe sie sich gefreut, dass so wenig Leute da sind – jetzt verstehe sie, warum: «So wenig Wasser – das habe ich noch nie erlebt.»
Wassersportler, die in diesen Tagen am Bodensee schwimmen wollen, sollten neben der Badehose auch Gummistiefel einpacken. Denn bis das Wasser für einen Schwumm tief genug ist, müssen Schwimmer ein ganzes Stück hinauswaten. Der Wasserstand im gesamten Bodensee ist aufgrund anhaltender Trockenheit und geringer Zuflüsse diesen Sommer historisch tief.
Während die Menschen am Untersee bald trockenen Fusses nach Deutschland spazieren können, ist die Lage am Obersee nur geringfügig besser. Aber auch dort sind die Auswirkungen spürbar, sichtbar und riechbar: Im Freibad Wiedehorn in Egnach TG zieht sich entlang des Ufers eine Schlammschneise. Das getrocknete Seegras verbreitet einen miefigen Geruch, und der Steg, der ursprünglich als Einstieg ins Wasser dienen sollte, steht fast komplett im Trockenen. Kurz vor der gelben Boje, die den Schwimmbereich im See abgrenzt, steht ein Pärchen – das Wasser reicht den beiden knapp über die Knie.
Der Bodensee, der grösste Trinkwasserspeicher Europas, der rund 4,5 bis 5 Millionen Menschen in Deutschland, der Schweiz und Österreich mit Wasser versorgt, steckt in einer historischen Krise.
Matsch-Frust bei Badegästen
Strandbesucherin Esther (67) ist deshalb in Sorge. Sie wohnt seit zehn Jahren in Egnach TG und sagt: «So dramatisch wie jetzt war es noch nie.»
Freude an der Situation hat niemand, ausser den drei Hunden von Spaziergängerin Nadja. Die Tiere wälzen sich überglücklich im Dreck und springen aufgeregt durch das lauwarm-matschige Wasser. Man müsse aber aufpassen, meint die Besitzerin: «Wegen des tiefen Wasserstands bilden sich vermehrt Blaualgen. Die sind für Hunde giftig, wenn sie aus dem See trinken.»
«Das ist doch nicht normal!»
Wenige Kilometer weiter, in der Badi Arbon Buchhorn, zeigt sich ein ähnliches Bild. Es ist gespenstig ruhig. Der Anblick des Ufers hat etwas Endzeitliches, die Szenerie wirkt ausgestorben.
Bademeisterin Daniela Keller (58) sagt: «Wir haben definitiv weniger Leute als sonst zu dieser Zeit.» Täglich sei zu beobachten, wie der Wasserspiegel sinke. Trotzdem bleibt sie positiv: «Die Gäste geniessen die Ruhe.»
Badegast Thomas (50) aus Bern sieht die Lage weniger entspannt: «Das ist doch nicht normal», meint er kopfschüttelnd. Ihm mache das schon grosse Sorgen: «Am Ende des Schwimmbereichs steht das Wasser knapp kniehoch.» Wirklich baden konnte er deshalb noch gar nicht. Er macht mit seiner Familie eine Velotour in den Ferien. Bereits auf der Anreise hätten sich ihm schockierende Bilder gezeigt: «Da stehen entlang des Ufers diverse Boote, die einfach auf dem Trockenen liegen.»
Kursschiffe haben Fahrten eingestellt
Im Hafen am Rheinspitz SG befinden sich ein paar wenige Boote, die von der Dürre noch nicht betroffen sind. Einer der Glücklichen ist der Bootsbesitzer Hannes Schiltknecht (55). Bei ihm herrscht deshalb keine Weltuntergangsstimmung: «Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich die Saison normal beenden kann», sagt er zu Blick. Der Hafenkanal sei tief, da er kürzlich ausgebaggert wurde. Allgemein sieht er die Situation gelassen: «Das Wetter diesen Sommer ist nun mal so, das können wir jetzt nicht ändern.»
Grössere Schiffe – wie etwa die Kursschiffe – haben aber Probleme. An der Anlegestelle Altenrhein der Schifffahrt Bodensee hängt ein Schild mit dem Hinweis: «Kursfahrten bis auf Weiteres eingestellt.»
Die Trockenheit ist eben nicht nur eine Unannehmlichkeit, sie hat schon jetzt wirtschaftliche Auswirkungen auf die Region. Und der grosse Regen ist nicht in Sicht.