Darum gehts
- Monatelange Hitze und Trockenheit setzen den Reben zu
- Um zu überleben, schliessen sie die Spaltöffnungen an den Blättern und stellen die Photosynthese ein
- Der Klimawandel wird den Rebbau grundlegend verändern
Eine Rebe möchte nur eines: angenehm leben und sich fortpflanzen. So ähnlich wie wir. Trauben produziert die Rebe nicht etwa, um grossartige Weine hervorzubringen. Nein, die Trauben sollen schlicht das Fortbestehen der Art garantieren. Vögel und andere Tiere fressen die Früchte und scheiden die darin enthaltenen Kerne wieder aus, sodass neue Rebpflanzen entstehen. So zumindest läuft es in «freier Wildbahn».
Reben, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben und deren Wurzeln tief in den Untergrund reichen, sind robust. Sie überstehen auch Trocken- oder Regenperioden ohne grösseren Schaden. Anders sieht das bei frisch angepflanzten Jungreben aus. Sie reagieren höchst sensibel auf Hitze und Trockenheit und werden deshalb in den ersten Jahren oft bewässert, bis ihr Wurzelwerk voll ausgebildet ist.
Schlaffe Blätter, gebremstes Wachstum
Die extreme Hitze und die seit Monaten andauernde Trockenheit hauen nun aber auch gestandene Reben um. Wenn die Rebe sich nicht mehr anders zu helfen weiss, nach Monaten des Durstes und der Bruthitze, schliesst sie die Poren (Spaltöffnungen oder Stomata genannt) auf der Unterseite ihrer Blätter.
Wenn sich diese Poren zum Schutz vor dem Austrocknen verschliessen, werden die Blätter schlaff und gelb, die Rebe stellt ihr Wachstum ein, und die Photosynthese kann nicht mehr stattfinden. Letztere ist ein lebenswichtiger Prozess, bei dem die Blätter Licht, Wasser und CO2 aufnehmen und dafür Sauerstoff und Wasserdampf abgeben. Vor allem aber produzieren sie dabei Traubenzucker. Das ist die Energie, welche die Rebe zum Überleben braucht. Und die Grundlage für den späteren Wein.
Bittere Folgen
Wenn die Reben unter Hitzestress leiden, verzögert sich die Traubenreife, dafür wird die Säure in den Beeren, welche den Wein frisch macht, viel zu schnell abgebaut. Und zu allem Übel werden die Tannine gern bitter. Mit Laubarbeiten (z.B. Beschatten von Trauben, damit sie keinen Sonnenbrand bekommen), Bodenbearbeitung (Humus speichert Wasser, Begrünung direkt unter dem Rebstock dagegen führt zu Konkurrenz ums Wasser), Ertragsregulierung und kluger Wahl des Erntezeitpunkts versuchen die Winzer zu retten, was zu retten ist.
Doch welche langfristigen Folgen hat die rasante Klimaerwärmung für den Rebbau? Allgemein werden Rebberge zunehmend in kühleren Höhenlagen oder auf einst verpönten Schattenhängen angelegt, zudem wird Rebbau tendenziell immer weiter im Norden betrieben. Mit Erfolg, wie das Beispiel England zeigt. Gut möglich also, dass in einigen Jahren der hitzeempfindliche Pinot noir aus Schweden kommt, während in der Schweiz Mittelmeersorten wie Primitivo oder Bobal gedeihen.
Augen auf bei der Sortenwahl
Besser für Hitzeperioden geeignet als unsere traditionellen Varietäten sind spätreifende Sorten, vor allem mediterrane Reben, die an die Hitze gewöhnt sind, wie etwa Syrah, Grenache oder Mourvèdre bei den roten und Fiano, Vermentino oder Assyrtiko bei den weissen Sorten. In diversen Forschungsanstalten im In- und Ausland wird zudem seit Jahren eifrig mit Neuzüchtungen experimentiert, die nicht nur resistent sind gegen Pilz- und andere Rebkrankheiten, sondern gewappnet gegen den galoppierenden Klimawandel.