Darum gehts
- Patrick F. (57) aus dem Aargau wegen Missbrauchs angeklagt, Unschuldsvermutung gilt
- Sexualstraftäter organisieren sich in geschlossenen Online-Netzwerken und tauschen Inhalte aus
- Europäische Ermittler deckten 2026 ein riesiges Netzwerk mit Opfern weltweit auf
Der Fall des Aargauers Patrick F.* (57) schockiert die Schweiz. Er soll eine Jugendliche (15), deren Mutter sowie eine weitere Frau teils wiederholt sediert, missbraucht und die Taten gefilmt haben. Am Montag erhob die Aargauer Staatsanwaltschaft Anklage, es gilt die Unschuldsvermutung.
Ob der Beschuldigte aus dem Aargau seine Taten im Austausch mit anderen plante oder sich in entsprechenden Netzwerken bewegte, ist nicht bekannt. Der Fall lenkt aber den Blick auf ein Phänomen, das Ermittler und Experten seit Jahren beschäftigt: Sexualstraftäter tauschen sich zunehmend in geschlossenen Online-Netzwerken aus.
Sogenannte «Keuschheitsprobe» als Eintrittsticket
Ein besonders erschütternder Fall wurde 2024 in Frankreich bekannt: Dominique Pelicot hatte seine damalige Ehefrau Gisèle (73) über Jahre hinweg betäubt, vergewaltigt und anderen Männern zur Vergewaltigung ausgeliefert. Der Fall machte deutlich, dass Sexualdelikte nicht immer von Einzeltätern im Verborgenen verübt werden, sondern mitunter auch mehrere Täter involviert sind. Erst vor zwei Wochen deckten europäische Ermittler zudem ein riesiges Netzwerk auf, dessen Mitglieder Frauen in mehreren Ländern missbraucht haben sollen.
«Wir beobachten seit Jahren, dass sich Sexualstraftäter zunehmend in geschlossenen Online-Netzwerken organisieren», erklärt der forensische Psychiater Marc Graf im Gespräch mit Blick. Dort tauschen sie Missbrauchsdarstellungen aus, bestärken sich gegenseitig und treiben sich zu neuen Taten an.
Um in diese Netzwerke hineinzukommen, verlangen die Mitglieder teilweise eine Art «Prüfung», erklärt Graf. Diese wird auch «Keuschheitsprobe» genannt. Täter müssen zeigen, dass sie auch selbst solche Taten verrichten. Dazu müssen Nutzer in regelmässigen Abständen eigene, neue Videos und Bilder hochladen. «Authentische, manchmal immer brutalere Videos sind wie das Eintrittsticket in diese Netzwerke», beschreibt Graf. In einer Recherche des «Spiegels» von 2020, die sich dem Thema Pädokriminalität widmete, fasst es ein Polizist wie folgt zusammen: «Wer mitspielen will, muss liefern.»
«Täter sind nicht empathielos»
Einmal drin, erleben viele Täter, dass sie «nicht alleine» sind. «Sie denken: Ah, das machen also auch andere. Es kann ja dann gar nicht so schlimm sein.» Eine gewisse Desensibilisierung stelle sich ein.
Der Experte beschreibt, dass die Männer, die in solchen Foren unterwegs sind, oft genau wissen, was sie tun. Es sei zudem ein Trugschluss, dass solche Täter an Empathielosigkeit leiden würden, erklärt Graf. «Sie wissen genau, was sie ihrem Opfer antun, und können mitfühlen. Aber das hält sie nicht von weiteren Taten ab.»
* Name bekannt