Darum gehts
- 250'000 Franken hat Wilfried M. an Krypto-Kriminelle verloren
- Sie täuschten ihn als «Finanzberater» und griffen auf sein Konto zu
- 2025 verursachte Online-Anlagebetrug in der Schweiz Schäden von 185 Millionen Franken
Anfang 2022 investierte Wilfried M.* (70) 250 Franken in Kryptowährungen. Am Schluss blieb ein Verlust von 250’000 Franken. Der Ostschweizer ist pleite. Sein Erspartes, seine Pensionskasse ist in den Händen von Krypto-Kriminellen.
Ein Inserat lockte Wilfried M. auf eine Webseite. «Höhle der Löwen – in sieben Tagen Geld verdienen», hiess es. Die Seite wirkte auf Wilfried M. professionell und vertrauenswürdig. So rutschte der 70-Jährige in einen Teufelskreis.
Modell-Rennautos vor dem Verkauf
«Die Aussicht auf mehr Geld wirkte auf mich verlockend», gesteht sich M. heute ein. Während er spricht, kullern Tränen über seine Wangen. Er sitzt auf seinem Sofa. Ein Blutdruckmessgerät liegt daneben. Statt mehr Geld hat er keins mehr. «Ich schäme mich», sagt er. Deshalb will er seinen richtigen Namen und sein Gesicht nicht in der Zeitung sehen.
Wie kam es dazu? Nach den ersten investierten 250 Franken sah Wilfried M. sein Geld auf einer Kryptoplattform wachsen. Der Kurs, und damit sein Vermögen, stieg. «Es wurde auf bescheidenem Niveau mehr und mehr.» Er sei überzeugt gewesen, dass das der Beginn von etwas Grossem sei. Doch: Sobald der Kurs stagnierte oder abnahm, meldeten sich die «Finanzberater» bei Wilfried M.
Nett und sympathisch – hinterhältig und kriminell
Sie versprechen eine kompetente Beratung, jederzeit erreichbar zu sein und eine saftige Rendite. In Wahrheit wollen sie nur eins: Geld! Die Krypto-Kriminellen sind international gut vernetzt, agieren aus dem Ausland. Ihre Opfer wählen sie gezielt aus. Es sind Leute wie Wilfried M.: älter und alleinstehend.
Als seine Bitcoins an Wert verloren hatten, meldeten sich die Gauner. «Ich sollte mehr einzahlen, damit das einbezahlte Geld nicht flöten geht», erinnert sich der Rentner. Schnell wuchsen die geforderten Beträge. 5000 Franken, dann das Zehnfache. «Unter Druck, mitten in der Nacht empfahlen sie mir, umgehend 50’000 Franken einzuzahlen. Ich folgte diesem Ratschlag», sagt er. Das war im Frühjahr 2022.
Misstrauen oder Zweifel hatte Wilfried M. damals nicht. Die Gauner boten ihm keinen Grund dazu: «Sie waren nett, sehr gesprächig und plauderten mit mir über das Leben, ich fühlte mich verstanden.» Es zeigt sich: Sie sagten ihm, was er hören wollte. Bis sie abtauchten.
Knall auf Fall hörte Wilfried M. von den Gaunern nichts mehr. Er schrieb ihnen, rief sie an und bekam keine Antwort. Das bis hierhin verlorene Geld in der Höhe von rund 180’000 Franken schrieb er ab. Nach Monaten des Frustes und Wartens gab Wilfried M. auf. «Was hätte ich tun sollen?» Eine Anzeige bei der Polizei machte Wilfried M. damals nicht. Sein Geld hätte er wohl so oder so abschreiben müssen.
Krypto-Krimineller bietet Hilfe an
Knapp dreieinhalb Jahre später, Ende 2025, meldete sich wieder ein «Finanzberater» bei Wilfried M. Er behauptet, dass er das verlorene Geld aus dem Jahr 2022 wiederbeschaffen könnte. «Also doch!», dachte sich der Ostschweizer. Er hofft, das verlorene Geld wiederzusehen.
Der Haken: Wenn er das Geld sehen will, müsse er dafür zuerst bezahlen. In den darauffolgenden Monaten überweist Wilfried M. erneut Geld. Bankauszüge, die Blick vorliegen, zeigen, dass er mehrere Zehntausend Franken auf Konten im Ausland überwiesen hat.
- Gehe nicht auf solche Artikel ein bzw. prüfe genau, ob du wirklich auf einer richtigen Seite des angegebenen Mediums gelandet bist.
- Lass dich von Verkäufern nie unter Druck setzen.
- Je grösser die versprochene Rendite ist, desto grösser ist das Risiko – hohe Gewinne mit minimalen Investitionen und ohne Arbeit sind zu schön, um wahr zu sein.
- Überprüfe, ob ein Finanzdienstleister von der Finanzmarktaufsicht (Finma) bewilligt ist. Ist ein Finanzdienstleister nicht bewilligt, ist besondere Vorsicht geboten.
- Überprüfe den Finanzdienstleister anhand von Erfahrungsberichten im Internet. Die Finma führt eine Warnliste.
Falls Sie bereits bezahlt haben:
- Brich den Kontakt zu den Betrügern ab.
- Zahle auf keinen Fall mehr Geld ein, auch nicht für angebliche Gebühren, die notwendig seien, um das verlorene Geld zurückzuholen.
- Sei vorsichtig, wenn sich später angebliche Anwälte oder Behörden melden, die versprechen, das Geld zurückzuholen, und dabei wiederum Gebühren verlangen.
- Erstatte Anzeige bei der zuständigen Polizei.
- Gehe nicht auf solche Artikel ein bzw. prüfe genau, ob du wirklich auf einer richtigen Seite des angegebenen Mediums gelandet bist.
- Lass dich von Verkäufern nie unter Druck setzen.
- Je grösser die versprochene Rendite ist, desto grösser ist das Risiko – hohe Gewinne mit minimalen Investitionen und ohne Arbeit sind zu schön, um wahr zu sein.
- Überprüfe, ob ein Finanzdienstleister von der Finanzmarktaufsicht (Finma) bewilligt ist. Ist ein Finanzdienstleister nicht bewilligt, ist besondere Vorsicht geboten.
- Überprüfe den Finanzdienstleister anhand von Erfahrungsberichten im Internet. Die Finma führt eine Warnliste.
Falls Sie bereits bezahlt haben:
- Brich den Kontakt zu den Betrügern ab.
- Zahle auf keinen Fall mehr Geld ein, auch nicht für angebliche Gebühren, die notwendig seien, um das verlorene Geld zurückzuholen.
- Sei vorsichtig, wenn sich später angebliche Anwälte oder Behörden melden, die versprechen, das Geld zurückzuholen, und dabei wiederum Gebühren verlangen.
- Erstatte Anzeige bei der zuständigen Polizei.
Auffällig ist: Es fliesst nicht nur Geld von Wilfried M.s Konto ab, es kommt auch Neues dazu. Weshalb? «Keine Ahnung, ich kenne die nicht», sagt der Rentner.
Recherchen zeigen: Die Geldbeträge kamen von anderen Krypto-Opfern. Sie wurden von Kriminellen dazu angestiftet. Wenig verwunderlich, floss das Geld auch zügig wieder von Wilfried M.s Konto ab. Davon wusste er nichts, weil die Kriminellen längst die Kontrolle über seinen Computer und sein Konto übernommen hatten. Die Zugangsdaten gab er regelmässig weiter.
Sie nutzten Wilfried M. als «Money-Mule» aus und transferierten ergaunertes Geld über sein Konto. Mehrfach sperrte es die Bank deshalb.
Eine dieser Zahlungen stammt von Fridolin J.* (81) aus dem Kanton Zürich. Erst durch den Anruf des Blick-Journalisten erfährt J. vom kriminellen Hintergrund seiner «Finanzberater». Seit Anfang Jahr hat der Zürcher über 40'000 Franken verloren. Mehrmals überwies er Geld auf andere Konten, weil die «Finanzberater» es forderten. Er ging davon aus, dass sie ihm bei seinen Krypto-Investitionen helfen. Auch hier: Fehlanzeige!
2025: Krypto-Gauner klauten 185 Millionen Franken
Seit mehreren Jahren beschäftigen Online-Anlagebetrüger die Schweizer Polizeikorps. Das Netzwerk digitale Ermittlungsunterstützung Internetkriminalität (Nedik) unter der Leitung der Kantonspolizei Zürich hat in den letzten Jahren jährlich zwischen 2000 und 2400 Fälle von Online-Anlagebetrug erfasst. Die Schadenssumme belief sich 2023 auf 147 Millionen Franken und 2024 auf 236 Millionen Franken. Letztes Jahr entstand ein Schaden von 185 Millionen Franken durch diese Betrugsmasche.
Seit Wilfried M. Ende letzten Jahres von den Kriminellen erneut kontaktiert wurde, hat er rund 70'000 Franken aus seiner Tasche auf fremde Konten im Ausland überwiesen. Erst auf dringendes Anraten seines Umfelds brach Wilfried M. ab.
Ende April erstattete der Ostschweizer bei der Polizei Anzeige. «250'000 Franken habe ich verloren. Meine Pensionskasse, mein Erspartes – alles haben sie mir genommen.» Wieder kämpft er mit den Tränen. «Diese Typen haben mein Leben ruiniert, dafür sollten sie büssen.»
Die Konsequenz für Wilfried M. ist offensichtlich. Verpackte Modell-Rennautos stehen aufgereiht am Boden. Es ist seine Sammlung. «Ich verkaufe alles, was ich habe, damit ich an Geld komme», erklärt der gebürtige Deutsche. Aus Scham will er vorerst keine Sozialhilfe beziehen, sagt er. «Ich möchte das alleine durchziehen.»
*Name geändert