Darum gehts
- Unbekannte Täterschaft attackierte Aarauer Rave am 30. August, sechs Opfer betroffen
- Polizei ermittelt drei Theorien: Terror, Amoklauf oder kriminelle Abrechnung
- Gefundene Patronenhülsen: Kaliber von 9 mm und 5,45 × 39 mm für AK-74-Gewehre
Am Montagmittag meldete die Kantonspolizei Aargau einen ersten Durchbruch bei den Ermittlungen zum Angriff in Aarau. Ein 43-jähriger Schweizer konnte unter dringendem Tatverdacht verhaftet werden. Weitere Informationen zur Verhaftung und dem Tatverdächtigen werden bei einer Pressekonferenz am Mittwoch um 14 Uhr veröffentlicht.
Trotz der Festnahme bleiben viele Punkte rund um die Schiesserei bei einem Rave in der Nacht auf Sonntag offen. Was war das Motiv der Täterschaft und gibt es noch weitere Angreifer? Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren weiter.
Anhand der Ausgangslage sowie der vorhandenen Hinweise verfolgen die Ermittler derzeit drei Theorien zum Hintergrund der Tat. «Die erste Hypothese ist ein Terroranschlag, die zweite ein Amoklauf, und die dritte umfasst ein kriminelles Geschehen mit uns derzeit unbekannter Motivlage. Etwa eine Abrechnung in einem bestimmten Milieu», betonte Polizeikommandant Michael Leupold bei einer Pressekonferenz am Sonntagabend.
Terroranschlag oder Amoklauf
Die Ausgangslage bei einem Terroranschlag und einem Amoklauf ist häufig die gleiche. Die Täterschaft hat das Ziel, so viele Menschen wie möglich zu verletzen. Bei einem Terroranschlag ist die Tat jedoch zum Beispiel politisch oder religiös motiviert und soll etwa die Gesellschaft einschüchtern oder einen Staat destabilisieren.
Bei einem Amoklauf steht meistens ein privates Motiv oder eine persönliche Krise der Täterschaft im Vordergrund.
Für beide Theorien spricht grundsätzlich der Tatort. Über 2000 Menschen feierten am Samstagabend gemeinsam auf der Pferderennbahn in Aargau. Ausserdem wurden mehrere Schüsse von der Täterschaft abgegeben. Das bestätigen einerseits die vielen Patronenhülsen am Tatort sowie Videos, auf denen eine Reihe an Schüssen zu hören ist.
Gegen beide Theorien spricht allerdings der Zeitpunkt der Tat. Die Schüsse wurden laut der Polizei kurz nach 2.30 Uhr am Sonntagmorgen abgegeben. Zu diesem Zeitpunkt war die Musik am Aarauer Rave bereits abgestellt, viele Besucher waren auf dem Heimweg. Von den ursprünglich Tausenden Besuchenden waren zum Zeitpunkt der Tat nur noch rund 100 vor Ort.
Auch fand in Aarau am selben Abend ein grosses Musikfestival mit deutlich mehr Besuchern statt, das ohne Zwischenfälle ablief. Die Täterschaft hätte also die Möglichkeit gehabt, eine deutlich grössere Schockwirkung zu erzielen.
Abrechnung im Milieu oder Beziehungsdelikt
Als drittes Motiv könnten sich die Beamten eine Abrechnung in einem bestimmten Milieu vorstellen. Auch ein Beziehungsdelikt liegt im Rahmen des Möglichen. Für beides gibt es derzeit jedoch wenig handfeste Beweise. Laut der Polizei ist zwischen der verstorbenen Italienerin und den fünf Verletzten keine Verbindung erkennbar.
Einen Anhaltspunkt könnten jedoch die am Tatort gefundenen Patronenhülsen geben. Zwei Kaliber wurden von der Polizei entdeckt. Mehrere 9-Millimeter-Hülsen und Hülsen vom Kaliber 5,45 × 39 mm. Letztere gehören zur Standardmunition des russischen Sturmgewehrs AK-74, es ist das leichtere und neuere Modell der berühmt-berüchtigten AK-47.
Sturmgewehre vom Typ AK sind bei organisierten kriminellen Gruppen weit verbreitet, da sie selten Fehlzündungen aufweisen und weniger kosten als vergleichbare Waffen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der «Cambridge University Press» aus dem Jahr 2013. So würden beispielsweise Mitglieder der Mafia in Italien häufig auf das russische Sturmgewehr setzen.
Die Polizei konnte bei einer Razzia in Sizilien Ende der 90er-Jahre zum Beispiel 50 AK-Sturmgewehre beschlagnahmen. Dieselben Modelle wurden auch 2006 in Neapel entdeckt. Damals konnten die Behörden einen gross angelegten internationalen Waffenhandelsring sprengen, der mehrere Mafia-Clans insbesondere mit Gewehren vom Typ AK belieferte.