Darum gehts
- Kanton Aargau und Gemeinde Untersiggenthal haben externe Untersuchung angeordnet
- Gemeinde zahlte nur Nothilfe statt Sozialhilfe trotz rechtlicher Verpflichtung
- Aargau fordert Nachzahlung von Sozialhilfe-Beträgen und prüft Härtefallstatus in Hinblick auf drohende Ausschaffung
Iwona L.* und ihre Tochter Paula L.* wurden 2023 Opfer eines mutmasslichen Missbrauchs durch den Aargauer Ex-Grossrat Patrick F.*. Er soll seine Haushälterin Iwona L., deren damals minderjährige Tochter Paula L. sowie seine Ex-Frau mit K.o.-Tropfen wehrlos gemacht und anschliessend sexuell missbraucht haben. Dabei habe er Filme und Bilder erstellt, so die Staatsanwaltschaft.
Iwona L. und ihre Tochter standen nach der Verhaftung von Patrick F. mittellos da und beantragten Hilfe bei der Gemeinde. Doch statt der ihnen zustehenden Sozialhilfe erhielten sie lediglich Nothilfe. Erst im Juni 2025 wehrte sich Iwona L. gegen diese Behandlung und reichte Beschwerde ein. Nun nehmen der Kanton Aargau und die Gemeinde Untersiggenthal Stellung und ordnen eine externe Untersuchung an. Diese soll ermitteln, ob die beiden mutmasslichen Missbrauchsopfer von den Aargauer Behörden zu wenig geschützt wurden.
«Das ist heute ein anderes Wissen als damals»
Adrian Hitz, Gemeindeammann von Untersiggenthal, äusserte sich nun erstmals gegenüber Tele M1: «Ob und wo Fehler passiert sind, wird die Untersuchung zeigen. Da sind wir froh, dass zwei Departemente vom Kanton zusammen mit uns gemeinsam die Untersuchung in Auftrag gegeben haben und aufzeigen, wo allenfalls Fehler passiert sind.» Im Fokus der Untersuchung steht dabei, warum die Gemeinde nur Nothilfe anstelle von Sozialhilfe an die beiden betroffenen Frauen ausgezahlt hatte. Auch die drohende Ausschaffung der beiden Frauen ist Bestandteil der externen Untersuchung.
Ende Juli hatte das Departement Gesundheit und Soziales des Kantons Aargau bereits entschieden, dass die Gemeinde Untersiggenthal rechtswidrig handelte. Die Gemeinde muss nun alle ausstehenden Sozialhilfe-Beträge seit mindestens Juni 2025 nachzahlen. Auch der Entscheid über einen Härtefallstatus in Hinblick auf die drohende Ausschaffung der beiden Frauen liegt nun beim Aargauer Verwaltungsgericht und dem Staatssekretariat für Migration (SEM).
Der Gemeindepräsident Adrian Hitz argumentiert auch mit einem anderen Wissensstand über das Ausmass des Missbrauchsskandals. «Das ist heute ein anderes Wissen als damals, als die beiden das erste Mal zu uns gekommen sind, weil man den Umfang gar nicht gekannt hat. Und auch deshalb sind wir noch heute der Meinung, dass die Leute damals mit dem damaligen Wissensstand richtig reagiert und richtig entschieden haben», sagte er gegenüber Tele M1.
* Namen bekannt