Darum gehts
- Mario Peter (43) aus Basel entwickelt Benzinpreiskarte machelo.ch für Transparenz
- Schweizer Grossanbieter lehnen Veröffentlichung von Preisen aus Wettbewerbsgründen ab
- In Deutschland und Frankreich gesetzliche Preistransparenz seit 2013 bzw. 2007
Man stelle sich vor, Media Markt würde die Preise für Fernseher nicht mehr online publizieren und dann sagen: «Die Preise sind gross und transparent in der Filiale angeschrieben.» Klingt absurd?
Genau das machen grosse Treibstoffanbieter in der Schweiz seit Jahrzehnten. Sie schreiben sich Transparenz auf die Fahne – die dann aber nicht weiter als bis vor die Tankstelle reicht.
Und dann sind da die Preise. Sie schiessen in die Höhe, wenn es auf der Welt zu politischen Spannungen kommt. Sind die Krisen ausgestanden, fallen die Spritpreise äusserst schwerfällig. Autofahrer in der Schweiz scheinen zunehmend genug davon zu haben.
Ein Zeichen dafür: Menschen wie Michael Knobel. Der 43-Jährige hat es sich zur Mission gemacht, mit billigen Spritpreisen eine Alternative zu den grossen Multis zu schaffen. Er eröffnet Tankstelle um Tankstelle und sorgt so immer wieder für Preisstürze der «Grossen» rund um seine neu eröffneten Standorte.
Dass der Preisüberwacher und die Politik in Sachen Preise immer wieder aktiv werden, ist ebenfalls ein Zeichen.
Benzinkarte für alle Bedürfnisse
Ein weiteres Zeichen dafür ist der Basler Mario Peter (43). Er hat eine interaktive Benzinpreiskarte erstellt, die auf einen Blick zeigt, was der Liter Treibstoff an welcher Tankstelle kostet. Die Karte heisst machelo.ch.
Mit der TCS-Benzinpreiskarte gibt es so etwas zwar schon, Peters Karte geht aber deutlich weiter. Bei ihm sieht man ohne Login, in welchen Regionen das Benzin gerade «extrem teuer» oder «extrem günstig» ist. Man sieht Preiskämpfe und kann nachvollziehen, weshalb eine «grosse Tankstelle» plötzlich 15 Rappen billiger als sein eigener Durchschnittspreis wird. Meistens hat ein kleiner Konkurrent in der Nähe etwas damit zu tun – in letzter Zeit war das oft Michael Knobel.
Zudem kann man bei machelo.ch alles auf die eigenen Bedürfnisse zuschneidern: Art des Treibstoffs, Shop, Kanton, alles kann man regeln, filtern und eingrenzen. Es gibt Alarme und Benachrichtigungen. Und: Spritpreise kann man innert Sekunden selber melden.
Bei seiner Recherche merkte Peter, wie undurchsichtig Benzinpreise in der Schweiz sind. «Ganz naiv habe ich mal bei den Grossen angefragt.» Er wollte deren Preise einsehen.
«So sinnvoll Transparenz aus Konsumentensicht erscheinen mag …»
Ein einziger dieser Grosshändler antwortet. Im Mail, das Blick vorliegt, sagt dieser, dass eine vollständige, tagesaktuelle Preistransparenz «unweigerlich eine Signalwirkung» auf den ganzen Markt haben würde.
Und: «Die Wettbewerbskommission (Weko) hat darauf hingewiesen, dass eine solche Preistransparenz – so sinnvoll sie aus Konsumentensicht erscheinen mag – das Risiko einer unerwünschten Angleichung der Preise unter den Mitbewerbern deutlich erhöht.» Das wolle die Weko nicht.
Aber: Das stimmt nicht ganz.
Das sagt die Weko
Grundsätzlich heisse man Preistransparenz willkommen, sagt Weko-Sprecherin Andrea Graber Cardinaux: «Gleichzeitig besteht das Risiko, dass Tankstellenbetreiberinnen die veröffentlichten Preise ihrer Konkurrentinnen leichter beobachten können.» Die Gefahr für Preisabsprachen steige.
Mario Peter lässt das nicht gelten: «Mir hat jemand von einer Tankstelle erzählt, dass die jeden Morgen in der Gegend herumfahren und schauen, wo welche Preise sind.»
Die Weko findet, eine Teiltransparenz könnte die Antwort sein. Beispielsweise sollen nicht alle, sondern nur die günstigsten Preise einer Region publik gemacht werden.
Rund um die Schweiz sind die Preise transparent
Vollständige Preistransparenz ist ausserhalb der Schweiz die Regel. In Deutschland gibt es seit 2013 eine «Markttransparenzstelle für Kraftstoffe», die Tankstellen gesetzlich verpflichtet, jede Preisänderung sofort zu melden. Ähnliches gilt in Frankreich seit 2007 und in Österreich seit 2011.
Mario Peter sagt: «Die grossen Benzinanbieter wissen genau, wo welche Preise herrschen – die Kunden aber nicht. Ist das fair?» Nein, sagt Peter. Und schiebt nach: «Die Benzinbarone verarschen uns – und das will ich nicht länger akzeptieren!» Doch die Benzin-Multis ignorieren Peter nicht nur, sie torpedieren ihn sogar.
Für Volenergy ist Preistransparenz «heikel»
Volenergy ist mit 700 Standorten der grösste Tankstellenbetreiber der Schweiz. Dazu gehören die Marken BP und Ruedi Rüssel. Eine Beteiligung bei machelo.ch sei für Volenergy «aus wettbewerbsrechtlichen und Datenschutzgründen heikel», schreibt Geschäftsführer Tankstellen, Matthias Hübscher, auf Anfrage.
Die Transparenz zweifelt er an: «Es fehlen die Rabatte auf den Treibstoffkarten und die diversen Rabatt- und Vorteilsaktionen.» Es müsse sichergestellt werden, dass Kunden durch eine solche App nicht zusätzliche Kilometer fahren. «Das macht weder ökologisch noch ökonomisch Sinn.»
Ebenfalls nicht begeistert von der Transparenz gibt man sich bei Coop Pronto, Avia und Shell. Agrola und Migrol geben sich eher offen, machen aber keine konkrete Zusicherung.
Benzin-Preisbrecher ist dafür
Fix dabei ist Michael Knobel (46): «Etzelpark Benzin unterstützt Preistransparenz vollumfänglich und ist bereit, sämtliche Tankstellenpreise digital offenzulegen.» Auch «Ecostop» macht bereits mit.
Dass die grossen Händler freiwillig mitmachen, glaubt Mario Peter nicht. «Aber ich habe eine stille Hoffnung.» Die Hoffnung auf eine Gesetzesänderung.