Darum gehts
- Willi Kindschi (84) soll der älteste aktive Skilehrer der Schweiz sein
- Er unterrichtet seit 66 Jahren, darunter auch die Kennedy-Familie
- Eine Karriereende ist nicht in Sicht, solange seine Gäste zu ihm kommen
Nervös laufen die Kinder aus der Gondelstation Rinerhorn in Davos GR. Der Druck steigt: Das wöchentliche Skischulrennen steht an. Wer ist die Schnellste?, fragen sich die Kleinen. Die jungen Skilehrerinnen und Skilehrer verteilen die Startnummern.
Ein Mann beobachtet das Treiben. Auch er trägt die blau-gelbe Jacke. Auf dem Namensschild steht: Willi. Kurz darauf lässt er seine modernen Carving-Ski auf den Schnee fallen, klickt sich in die Bindung, fädelt seine Hände durch die Schlaufen seiner Stöcke und stösst sich ab. Die Haltung stimmt, der Stockeinsatz sitzt, die Schwünge wirken ruhig und elegant.
Willi Kindschi ist 84 Jahre alt. Seit 66 Saisons arbeitet der Davoser als Skilehrer auf der Piste. Gemäss dem Schweizer Skilehrerverband gilt er als ältester aktiver Skilehrer des Landes.
Dass er diese Rolle innehaben soll, erstaunt ihn selbst. Als ihn Blick darauf anspricht, kann er es kaum fassen. Als junger Skilehrer lachte er über «die alte Chnöche». Jetzt ist er selbst einer.
Die Kennedys
Zu den frühen Gästen seiner Karriere gehörte die Familie Kennedy. Kindschi unterrichtete die Kinder von Robert F. Kennedy, dem Bruder des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy. Lange bevor Bodyguards zum Alltag der prominenten Familie gehörten.
«Mit den Kindern hatte ich es wirklich gut», sagt der Skilehrer, ohne weiter ins Detail zu gehen. Denn: Er dürfe nicht. «Ich durfte ein einziges Foto mit den Kindern machen. Mehr nicht.»
Bis Anfang der 70er arbeitete Kindschi in den USA als Skilehrer, vor allem in Aspen im Bundesstaat Colorado. Die Zeit prägte ihn nachhaltig. «Wir waren fünf Europäer – die Stars des Skigebiets.» Die zahlungskräftigsten und prominentesten Skifahrer wollten zu ihnen.
Der Reiz und Ruf von Skilehrern glänzte damals. Auf den Pisten der 70er glich ihr Ansehen dem von Pilotinnen und Piloten. Elegant, souverän, sportlich – eine Zunft mit grosser Ausstrahlung.
Stall statt Après-Ski
Diese «goldenen Zeiten» erlebte er später auch im Davoser Landwassertal. Wochen- und monatsweise buchten ihn die Reichen und Schönen als Privatlehrer. Immer wieder auch Prominente: Kriegsminister, Bundesräte, Autorinnen oder Wirtschaftsleute. Doch er ist zurückhaltend mit Geschichten zu Prominenten und beschwichtigt: «Wir sind hier nicht in St. Moritz oder Zermatt», sagt er und lächelt. «In Davos logieren die Armen.»
Kindschi hofiert nicht mit schlüpfrigen Après-Ski-Geschichten. Spitzbübisch erklärt er: «Wir mussten abends nach Hause und die Kühe im Stall melken.» Da blieb kaum Zeit für den Spass neben der Piste. Zumal seine Frau tagsüber den Stall schmiss.
Er bremst in einer Kurve und wartet, bis der Reporter ankommt. Als es um den Schnee geht, kommt er ins Schwärmen. Die heutigen Pisten seien dank des Kunstschnees in einem sehr guten Zustand. «Früher hatten wir nur Naturschnee – das sind Welten.» Heute werde viel besser präpariert. «All die Bömps sind verschwunden», sagt er. Stundenlang tanzten die Skifahrer früher im Parallelschwung über die Buckelpiste. Von Carving war da noch keine Rede.
Diese Veränderung brachte den gelassenen Skilehrer zum Zweifeln. Als die Carving-Entwicklung die Skischule erreichte, spürte er, wie sich das Leben eines Anfängers auf der Piste anfühlte. «Ich wusste wirklich nicht mehr weiter, verstand das Prinzip nicht», erinnert er sich.
Zum ersten Mal stellte er sich eine Frage, die ihn tief verunsicherte: «War es das mit dem Skifahren?» Kindschi biss sich durch. Er lernte eine neue Technik; blieb auf der Piste.
66 Skilehrer-Saisons ohne Kinder
Letzte Saison zählte er 70 Skitage. Diesen Winter werden es 50 bis 60 Tage. «Der Schnee zum Saisonstart war nicht optimal», erklärt er. Und krank sei er auch noch gewesen – nicht tragisch, bloss erkältet, sagt er.
Wenn er nicht unterrichtet, fährt er morgens oft privat Ski. «Mit Kollegen drehen wir paar Runden, dann trinken wir Kaffee.»
Spurlos geht das Alter nicht an ihm vorbei. «Hochlaufen kann ich nicht mehr. Mein Herz mag nicht mehr», sagt er, nachdem er für den Fotografen mehrmals den Hang hochsteigen musste. Skitouren unternimmt er keine mehr, fährt jedoch weiterhin E-Bike. Und bei schlechtem Wetter bleibt er lieber zu Hause. «Dann verliere ich im Kopf schneller die Orientierung.»
Im Gegensatz zu vielen anderen Skilehrern hat Kindschi nur sehr wenige Kinder unterrichtet. «Mich interessierte es nicht», sagt er. Stattdessen konzentrierte er sich auf Privatstunden mit Erwachsenen. «Mit der Zeit entwickelten sich Freundschaften.» Man verbringt viel Zeit auf dem Lift, auf der Piste oder in der Beiz. Neben dem Unterricht blieb genug Zeit für private Themen, so Kindschi. Er ist gleichzeitig Lehrer, Seelsorger, Freund, Berg-Guide und Mentaltrainer.
Er hebt seine Ski auf, bindet sie zusammen und grinst. Bloss sein melierter Schnauz verrät sein Alter.
Nächste Woche reist ein über 80-jähriges Paar aus Dänemark an. Kindschi erwartet Action. Seit über 25 Jahren kommen die beiden jedes Jahr nach Davos. Immer mit Willi Kindschi als Skilehrer. Er sagt: «Solange die Dänen kommen, arbeite ich als Skilehrer. Auch nach der 66. Saison höre ich nicht auf.»