Darum gehts
- Drei schwere Unfälle ereigneten sich in Melchsee-Frutt zwischen Dezember und Januar
- Familienvater (41†) erliegt einem tödlichen Unfall am 24. Januar
- 10 Jahre ohne schwere Unfälle, jetzt drei an verschiedenen Orten
Dreimal hat es im Zentralschweizer Skigebiet Melchsee-Frutt OW während der aktuellen Skisaison schon schlimm geknallt: Am 21. Dezember verunfallte ein 17-jähriger Jugendlicher auf der Skipiste Bonistock – Bettenalp. Nach dem Überfahren einer Kuppe stürzte und verletzte er sich trotz Helm schwer am Kopf. Er starb im Spital.
Am 30. Dezember stürzte ein 57-jähriger Mann vom Sessellift im Distelboden. Kurz vor dem ersten Mast stürzte er acht Meter in die Tiefe. Er zog sich lebensbedrohliche Verletzungen zu. Der Mann ist mittlerweile ausser Lebensgefahr.
Ebenfalls hochdramatisch ist der aktuelle tödliche Unfall: Am letzten Samstag rammte ein Snowboarder (29) einen Familienvater (41†) und dessen Kind (6) auf der Skipiste Erzegg. Der Skifahrer wurde am Kopf getroffen, er starb noch auf der Unfallstelle. Sein Sohn und der Unfallverursacher wurden leicht verletzt.
Ungewöhnliche Unfallhäufung
Das als Familienskigebiet bekannte Melchsee-Frutt steht unter Schock. «Wir waren die letzten 10 Jahre von Todesfällen bei uns im Gebiet zum Glück verschont geblieben. Dass es diese Saison bereits zwei Todesopfer sind, schmerzt sehr und macht uns betroffen», sagt Bettina Hübscher (47), Geschäftsführerin der Sportbahnen. «Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen und Verletzten und bestürzt über die Ereignisse. Aktuell steht auch die Betreuung der involvierten Mitarbeitenden an erster Stelle. Wir haben langjährige und erfahrene Personen im Pisten- und Rettungsteam. Solche Ereignisse sind aber auch für geübte Personen, die diese Arbeit schon lange ausführen, nicht einfach. Bei Bedarf können wir auf ein Careteam zurückgreifen, das uns unterstützt.»
Die Untersuchungen laufen noch, darum kann die Geschäftsführerin noch nichts Genaueres zu den Unfallursachen sagen. Aber eines sei jetzt schon klar, wie sie gegenüber Blick sagt: «Die drei Unfälle haben nichts miteinander zu tun. Die Häufung kann man nicht erklären. Es ist eine extrem unglückliche Konstellation.» Die Unfälle seien an drei unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten passiert – und würden sich in der Unfallart deutlich unterscheiden. «Wir hatten einen Selbstunfall, einen Sturz aus dem Sessellift und eine Kollision.»
Keine Massnahmen für die Bergbahnen
Die Geschäftsführerin sieht denn auch keine Massnahmen, die jetzt ergriffen werden müssten. Sie sagt: «In allen drei Fällen haben die Bergbahnen nichts falsch gemacht, das haben erste Untersuchungen ergeben.» Nach dem Sturz aus dem Sessellift kamen Vertreter der Sust, der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle, ins Skigebiet. «Sie haben bereits am Abend des Unfalls die Bahn wieder freigegeben», erklärt Hübscher.
Die Geschäftsführerin sieht aktuell auch keinen Bedarf, weitere Massnahmen zu treffen. «Wir machen gemäss den Vorgaben auf die FIS-Regeln aufmerksam und weisen auf Gefahrenstellen hin, aber letztendlich ist jeder Schneesportler selber in der Verantwortung, sich demgemäss auf der Piste zu verhalten.»
Polizei ermittelt in den drei Fällen
Mit den Untersuchungen der drei Unfälle beschäftigt sich die Alpine Einsatzgruppe (AEG) der Kantonspolizei Obwalden. Blick konnte mit Thomas Geisser (49) sprechen, dem Leiter der Gruppe. Er erklärt, was die Polizisten bei den Ermittlungen auf der Piste beachten müssen. «Wir gehen ähnlich vor wie bei einem Verkehrsunfall», sagt der Kantonspolizist. «Die Spurensicherung und Tatbestandsaufnahme gestalten sich aufwändiger als bei einer Kollision zwischen zwei Fahrzeugen. Das macht die Einsätze im Schnee anspruchsvoller», sagt Geisser. «Die Bergung der Verletzten hat Priorität. Wenn wir am Unfallort ankommen, sind die schon oft wegtransportiert worden», sagt Geisser. «Darum sind wir sehr froh, wenn etwa der Pistenrettungsdienst Aufnahmen gemacht hat.»
Bei einer Kollision, wie etwa letzten Samstag, kann die Ausrüstung in der Beweisführung wichtig sein: «Helme, Ski, Schuhe und Stöcke stellen wir sicher», sagt Geisser. «Natürlich würden alle Beteiligten befragt.»
Fahrlässige Tötung?
Eine Kollision mit Todesfolge oder schweren Verletzungen kann für den Verursacher schwere Folgen haben. «Dann geht es um fahrlässige Tötung oder fahrlässige Körperverletzung», so Thomas Geisser. «Hierzu untersuchen wir, ob die FIS-Regeln eingehalten wurden.» Gleichzeitig nimmt die AEG auch das Skigebiet unter die Lupe: «Wir kontrollieren, ob die Richtlinien der Schweizerischen Kommission für Unfallverhütung auf Schneesportabfahrten eingehalten wurden: Sind die Pistenkreuzungen ausgeschildert? Hat es nicht abgesperrte gefährliche Hindernisse?»
Wie schnell die Untersuchungsergebnisse vorliegen, ist noch unsicher. Sicher hingegen ist bereits jetzt: Die Verantwortlichen im Skigebiet Melchsee-Frutt hoffen nach der Unfallserie wieder auf einen unfallfreien Wintersport-Betrieb.