«Der Gletscher ist sehr schlecht dran»
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Glaziologe über Griesgletscher:«Er ist sehr schlecht dran»

6 Meter Eis geschmolzen, 30 Gletscher verschwinden – Glaziologe schlägt Alarm
2026 ist ein Massaker für Schweizer Gletscher!

Sechs Meter Eis in einem Jahr verloren: Glaziologe Matthias Huss misst den dramatischen Rückgang des Griesgletschers im Wallis. Der Sommer 2026 gehört zu den schlimmsten für Schweizer Gletscher.
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ETH-Glaziologe Matthias Huss auf dem Griesgletscher: «Er liegt auf dem Sterbebett.»
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Der Griesgletscher im Wallis verlor seit Herbst sechs Meter Eis
  • Hitze und wenig Schnee lassen Schweizer Gletscher überdurchschnittlich schnell schmelzen
  • 9,4 Milliarden Liter Schmelzwasser seit Herbst 2025 vom Griesgletscher abgeflossen

«Sechs Meter», misst Matthias Huss (46). Er zeigt auf die grosse graue Stange in seiner Hand. «So viel Eis ist hier in weniger als einem Jahr geschmolzen.» Der Glaziologe steht auf dem Griesgletscher beim Nufenenpass im Kanton Wallis. «Verrückt», sagt er. Der Gletscher leidet, schwitzt und schmilzt. Im Hitzesommer 2026 besonders stark, wie Huss sagt. «Für die Gletscher ist er einer der schlimmsten.»

Zwischen dem letzten Herbst und Mitte August hat der Griesgletscher hier sechs Meter Eis verloren. Insgesamt sind 9,4 Milliarden Liter Schmelzwasser abgeflossen. Bis im Herbst wird es noch mehr.
Foto: Raphaël Dupain

Huss schultert seinen Rucksack und kraxelt auf seinen Steigeisen den Gletscher hoch. Der Griesgletscher ist einer von 1300 Gletschern in der Schweiz. Er gehört zu den mittelgrossen und zieht sich über knapp fünf Kilometer. Aber: nicht mehr lange. «Er schmilzt so schnell wie kein anderer Schweizer Gletscher», so Huss. Das liege an seiner Form, der Höhenlage und dem lokalen Klima.

30 Gletscher oder mehr verschwinden bis im Herbst

In einer schwarzen Tasche trägt Glaziologe Huss lange Bohrstangen. «Wir bohren heute neue Löcher für die Stangen, die im Eis nicht mehr halten», erklärt er. Der ETH-Forscher gehört zu den bekanntesten seines Fachs. Als Chef des Schweizer Gletschermessnetzes (Glamos) kennt er fast jeden Gletscher im Land. Wie es ihnen geht? «Sehr schlecht», sagt er zu Blick. Wenig Schnee im letzten Winter und hohe Temperaturen im Sommer seien die offensichtlichen Gründe dafür. 

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«Wir rechnen mit einem der schlechtesten Sommer seit Messbeginn», so Huss. Im Rekordsommer 2022 sind sechs Prozent des Eises geschmolzen. Wie viel es dieses Jahr sein wird, kann der Glaziologe erst Ende September sagen. Klar ist: Die Gletscher schmelzen alle überdurchschnittlich schnell. Zahlen von Glamos zeigen: Im aktuellen Sommer floss deutlich mehr Schmelzwasser von den Gletschern ab als im Schnitt. «Der Schaden von vier Hitzewellen ist klar sichtbar.»

Vor Tagen kursierte die Meldung, dass der Bella-Tola-Gletscher im Wallis tot sei. Bilder sollen dies beweisen, hiess es. Glaziologe Huss ist skeptisch: «Ein Foto sagt zu wenig. Erst das nächste Gletscherinventar in zwei Jahren wird Klarheit schaffen.» Wissenschaftlich für tot erklärt wird ein Gletscher in der Schweiz, sobald er weniger als eine Hektare Eis hat. Ob das beim Bella-Tola-Gletscher der Fall sei, wisse man aktuell nicht. «30 Gletscher oder auch mehr dürften bis Ende Sommer sang- und klanglos verschwinden.» 

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In einer Umfrage von Blick sagten 85 Prozent von knapp 6000 Leserinnen und Lesern, dass ihnen das Gletschersterben Sorgen mache. Glaziologe Huss sieht es gleich: «Wenn ich als Mensch diesen Zerfall und den Tod unserer Gletscher sehe, bin ich traurig!» Das Eis unter den Füssen knackst. Kleine Bächlein plätschern über das Eis in Bahnen runter, bis sie durch ein Loch tief ins Gletscherinnere stürzen. Schnee gibt es weit und breit keinen. 

Kein Gletscher, kein Wasser

Gemäss den Messdaten ist der Schnee auf den Gletschern seit Ende Juni weg. Im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten ist der Schneeschutz über einen Monat zu früh verschwunden. Das heisst: «Die Gletscher sind zwei Drittel des Sommers nackt», so Huss.

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«Was die Gletscher aktuell im Sommer an Eis verlieren, kann durch den Winter bei weitem nicht kompensiert werden», ist sich Huss sicher. Seine Messung zeigt: Der Griesgletscher hat seit letztem Herbst bis jetzt über 9 Milliarden Liter Wasser verloren. Das ist so viel, wie die Landwirtschaft pro Jahr für die Bewässerung von Gemüse braucht.

Das sei zwar kurzfristig gut für die Wasserversorgung, aber schlecht für die Zukunft, so Huss. «Wenn wir keine Gletscher mehr haben, fliesst in einem heissen, trockenen Sommer auch kein Wasser vom Berg.»

In über hundert Jahren haben die Schweizer Gletscher mehr als die Hälfte an Eis verloren.
Foto: Blick Grafik

Seit über 20 Jahren arbeitet der Zürcher Oberländer als Glaziologe. «Früher passierte der Gletscherschwund über Generationen hinweg.» Die Schmelze war langsam, aber stetig. Seit 2022 veränderte sich das Tempo drastisch. Huss zeigt ein Beispiel: «Schau, vor zwei Jahren war der grosse Felsen dort noch knapp im Eis.» Weil sich das Gestein stärker erwärmt, schmilzt das Eis noch schneller – eine Negativspirale. Heute liegt der Felsen zehn Meter über dem Eis.

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Glaziologe Matthias Huss bohrt metertiefe Löcher. Darin versenkt er die grossen Messstangen.
Foto: Raphaël Dupain

«Die rasante Entwicklung ist faszinierend und erschreckend zugleich», findet der Forscher. Immer wieder bleibt er stehen und staunt. «Wer es nicht glaubt, soll selbst auf einen Gletscher.» Im Unterschied zur Vergangenheit hatten die Gletscher seit dem Rekordjahr 2022 keine Zeit mehr zur Erholung. «Je häufiger es so heiss ist, desto mehr gehts ihnen an den Kragen», so Huss. 

Huss packt seine Bohrmaschine aus dem Rucksack, setzt sie auf das Eis und bohrt. Das Eis spritzt nach oben. Ein kleiner Eisberg häuft sich um das Bohrloch. Die Messstange steckt er ganz rein und sagt: «Ende September wird sie wieder aus dem Eis gucken.»

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Der Griesgletscher dürfte noch einige Jahrzehnte hier sein, sagt Huss. Aber: «Er liegt auf dem Sterbebett», fügt er hinzu. Ein gesunder Gletscher bekommt in den höchsten Lagen noch jährlich Schneenachschub – das Gletscherfutter. Schmilzt der Schnee nicht, wird er zu Eis gepresst, so wandert er langsam nach unten. «Der Griesgletscher fliesst nicht mehr – er ist praktisch tot.» 

Ruhig liegt der Gletscher nicht in seinem Sterbebett. Er zerbricht in sich selbst, öffnet kleine Risse, grosse Spalten und Krater. Huss bleibt vor einem 50 Meter grossen Loch stehen, schweigt. Später sagt er: «Das ist neu!» Vor einem Monat war er das letzte Mal auf dem Gletscher. Vieles ist und wird anders. Seine Arbeit als Sterbebegleiter der Gletscher ebenfalls.

Der Griesgletscher zerfällt. Unter dem Eis bildet das Schmelzwasser Kavernen, bis sie zusammenbrechen, wie hier – ein 50 Meter breiter Krater.
Foto: Raphaël Dupain
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