Darum gehts
- Die verheerende Brandkatastrophe in der Bar Le Constellation forderte 41 Todesopfer
- Das Barbetreiberpaar Jacques und Jessica Moretti wurde befragt, Jacques Moretti kam in Polizeigewahrsam
- Das Feuer wurde durch Sprühkerzen an Champagnerflaschen ausgelöst
Bund plant Opfer-Unterstützung von bis zu 50'000 Franken
Von Mattia Jutzeler, Redaktor am Newsdesk
Die Familien und Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana sollen finanziell unterstützt und entschädigt werden. Da sind sich Bund und Kantone einig. Das Wallis entlastet die Angehörigen der Opfer mit einem Beitrag von 10'000 Franken. Diese Unterstützung wurde allerdings erst mehrere Wochen nach der Brandkatastrophe ausgezahlt. Für einige der Familien eine zu lange Wartezeit.
Jetzt möchte auch der Bund den Angehörigen und Opfern finanziell unter die Arme greifen. Das teilt Bundesrat Beat Jans verschiedenen Parlamentariern in einem Sondierungsgespräch am Freitag mit, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet. Geplant seien Solidaritätsbeiträge in der Höhe von 30'000 bis 50'000 Franken pro Fall.
Der Bundesrat wolle die Hilfe am Mittwoch in ein dringliches Gesetz schreiben, heisst es im Bericht weiter. Im März sollen dann National- und Ständerat im Eilverfahren über die Solidaritätsbeiträge entscheiden.
Der Plan des Bundes stösst nicht nur auf Zustimmung. Kritiker bemängeln, dass solche Soforthilfen primär Sache von Gemeinde und Kanton seien. Ausserdem erhalte das Wallis per Ende April 109 Millionen Franken aus der Gewinnausschüttung der Nationalbank – doppelt so viel wie budgetiert. Dieses Geld solle anstelle der Solidaritätsbeiträge des Bundes zur Entlastung der Opfer genutzt werden, so die Kritiker.
Sondierungen des Bundesrats für runden Tisch
Von Sandra Marschner, Redaktorin am Newsdesk
Um die Brandkatastrophe von Crans-Montana zu bewältigen, will der Bundesrat auf einen runden Tisch setzen. Am Freitag fand hierzu ein erstes Sondierungsgespräch statt, teilte das Bundesamt für Justiz (BJ) mit.
Geleitet wurde das Sondierungsgespräch vom Direktor des BJ Michael Schöll. Ziel des Gesprächs sei es gewesen, Erwartungen und offene Fragen zu klären. Berücksichtigt wurden laut Communiqué Standpunkte der Opfer, der Versicherungen, der zuständigen Behörden des Bundes, des Kantons Wallis und der Gemeinde Crans-Montana.
Am runden Tisch sollen die Opfer, ihre Angehörigen, betroffene Versicherungen, potenziell leistungspflichtige Personen sowie zuständige Behörden zusammenkommen. Dies soll helfen, den Dialog zu vereinfachen und mit der Zustimmung der Betroffenen Vergleichsverhandlungen zu unterstützen. Durch eine Vergleichslösung könnten langwierige Gerichtsprozesse vermieden werden, welche namentlich für die Opfer und deren Angehörige mit vielen Unsicherheiten verbunden und entsprechend belastend sein können, hiess es weiter in der Mitteilung.
Brisante Aussagen um Moretti-Ziehsohn Jean-Marc G.
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Jean‑Marc G.* gilt als Ziehsohn der Morettis. Er war in der Unglücksnacht von Crans-Montana ebenfalls vor Ort. Die französische Zeitung «Le Figaro» berichtet nun, dass es G. war, der im Le Constellation den Befehl weitergegeben hat, die Türen zu schliessen. Ein Opferanwalt hat deshalb seine formellen Anklage beantragt, schreibt «Le Figaro».
Derweil ist unklar, wie und ob G. in der Brandnacht vor Ort war und wie seine Rolle ausgesehen hat. G. selbst versicherte, er habe nicht im Constellation gearbeitet oder höchstens gelegentlich ausgeholfen, um die Eismaschine oder die Lautsprecher zu reparieren, erklärte er im Januar gegenüber BFMTV.
Laut «Le Figaro» werfen die Aussagen des zweiten Türstehers, wir haben am Mittwoch im Ticker darüber berichtet, ein anderes Licht auf den Abend. Der Security betonte, Jean-Marc habe ihm «Anweisungen» gegeben, da er – ebenso wie Jessica Moretti – «für die Veranstaltung verantwortlich» gewesen sei und die «Kassierungen» vorgenommen habe.
«Die neuen geschilderten Elemente, insbesondere die hierarchische Position von Jean-Marc G. und seine Beteiligung an der Diskussion über das Verriegeln der Ausgänge, lassen sehr schwerwiegende Verdachtsmomente hinsichtlich seiner möglichen Verantwortung für die Katastrophe entstehen», schreibt der Opferanwalt in einem am Donnerstag an die Staatsanwaltschaft gerichteten Brief, der «Le Figaro» vorliegt.
Er fügt hinzu: «Es scheint, dass die gegen Jean-Marc G. bestehenden Verdachtsmomente derselben Art sind wie jene, die dazu geführt haben, Jessica und Jacques Moretti den Status von Beschuldigten zuzuerkennen, sowie zu den daraus folgenden Zwangsmassnahmen.»
* Name bekannt
Das berichten italienische Brandopfer über die Unglücksnacht
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
In den letzten Tagen und Wochen haben italienische Überlebende der Brandkatastrophe von Crans-Montana gegenüber der Römer Staatsanwaltschaft ausgesagt. Nun haben die Ermittler einen ersten Untersuchungsbericht vorgelegt.
Sie enthalten laut «Corriere della Sera» übereinstimmende Aussagen. Diese lauten wie folgt.
1. Alle Notausgänge im Le Constellation waren verschlossen. Diese Aussage deckt sich mit einer Aussage des zweiten Türstehers aus der Brandnacht. Zudem wurden keine Feuerlöscher eingesetzt.
2. Das Feuer breitete sich innert Sekunden aus. Mein Kollege Mattia Jutzeler hat hier das Phänomen Flashover erklärt.
3. Jessica Moretti (40) sei umgehend aus dem Lokal geeilt, schildern die Jugendlichen. «Sie ist weggelaufen», zitiert die italienische Zeitung.
Die Bar-Betreiberin gab ihrerseits an, sich sofort aus dem Lokal begeben zu haben, um die Feuerwehr zu alarmieren. Sie habe den Gästen gesagt, sie sollen die Bar sofort verlassen.
Einige Jugendliche berichteten zudem, dass in dem Lokal – obwohl die maximale Kapazität erreicht war – nur Einlass gewährt wurde, wenn man Getränke kaufte. «Es wurden bis zu 270 Euro für eine Flasche Champagner verlangt, und es gab keine Altersbeschränkungen. Minderjährige konnten die Bar besuchen und alkoholische Getränke konsumieren.»
Italienische Strafverfolgungsbehörden treffen in Bern ein
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Jetzt beginnt der Showdown zwischen den Staatsanwaltschaften: Im Rahmen der Ermittlungen zum Brand in Crans-Montana VS findet am Donnerstag in Bern ein Treffen zwischen den Strafverfolgungsbehörden Italiens und des Kantons Wallis statt. Ziel des Treffens ist die Klärung der Zusammenarbeit zwischen den beiden Staatsanwaltschaften.
Italien hat ein offizielles Rechtshilfeersuchen an die Schweiz gestellt, dem die Walliser Staatsanwaltschaft bereits Ende Januar grundsätzlich zugestimmt hat. Bedeutet: Die italienischen Behörden erhalten Zugang zu den bereits erhobenen Beweismitteln. Was von dem Gipfel zu erwarten ist, hat meine Kollegin Céline Zahno hier zusammengefasst.
Die Walliser Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud steht nach Ermittlungsfehlern und Vorwürfen der Befangenheit immer stärker unter Druck. Das Treffen mit dem Mafia-Jäger Francesco Lo Voi (68) und seinem Team dürfte kein Kafi-Tratsch werden. Am Mittwoch hat sie erstmals über den hohen Druck und die Belastung für ihre Familie gesprochen. Mein Kollege Daniel Macher liefert dir hier die wichtigsten Aussagen.
Ex-Ständerat Lombardi: «Es geht darum, Stimmung gegen die Schweiz zu machen»
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Seit der Brandkatastrophe von Crans-Montana ist das Verhältnis zwischen der Schweiz und Italien angespannt. Der ehemalige Ständerat Filippo Lombardi (69) trat in mehreren italienischen Talkshows auf und versuchte, das Vorgehen der Walliser Justiz zu erklären. Im Interview mit der «NZZ», erklärt Lombardi, wie er die Stimmung wahrnimmt.
Im Moment nehme er nicht mehr an italienischen Sendungen teil. «Das hat momentan keinen Zweck», erklärt Lombardi. Das Klima sei noch zu stark belastet. In der Brandnacht von Crans-Montana kamen auch sechs italienische Opfer ums Leben.
«Die italienische Politik instrumentalisiert das Thema Crans-Montana gleich doppelt», so Lombardi. «Einerseits geht es darum, Stimmung gegen die Schweiz zu machen. Gegen ein Land, das bisher immer als Vorbild galt. Andererseits will Giorgia Meloni in den Köpfen der Wähler verankern, dass es gut ist, wenn die Regierung die Justiz über die Staatsanwaltschaften beeinflussen kann.»
Nun setzt der Tessiner seine Hoffnungen auf das Treffen zwischen der Walliser Staatsanwaltschaft und italienischen Ermittlern, das am Donnerstag stattfinden wird.
Durch ein gemeinsames Ermittlungsteam könnte sich die Lage beruhigen, glaubt Lombardi. Gleichzeitig stellt er klar, dass dies für die Aufklärung des Dramas wenig bringen wird.
«Für die Walliser Staatsanwaltschaft gibt es keine Ermittlungsansätze, bei denen Italien eine Rolle spielt und helfen könnte, wie zum Beispiel bei mafiösen Hintergründen.» Im Fall von Frankreich sehe dies anders aus. «Ein gemeinsames Untersuchungsteam Schweiz-Frankreich könnte die Vergangenheit von Jacques Moretti und die Herkunft seiner Gelder beleuchten.»
Neues Video aus der Brandnacht aufgetaucht
Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am Newsdesk
Ein neues Video aus dem Le Constellation zeigt, wie die Gäste in der Brandnacht ausgelassen tanzen. Die Sprühkerzen brennen, das neue Jahr soll gefeiert werden – dann bricht das Feuer aus, das 41 Menschen das Leben kosten wird. Diese Szenen werden auf dem Video, das nun von dem italienischen Nachrichtenportal Tg3 gezeigt wird, klar ersichtlich. Am Schluss sieht man nur noch, wie Personen die Treppe hochstürmen.
Beatrice Pilloud äussert sich zu Kritik an ihrer Person
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Nach dem Bar-Inferno von Crans‑Montana steht Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud weiter unter Druck – nun spricht sie erstmals ausführlich darüber. Vor einem Treffen mit dem römischen Chefermittler Francesco Lo Voi kritisiert sie Medien und öffentliche Vorverurteilung: «Es gibt auch Journalisten, die vor unserem Haus warten. Das geht doch zu weit.»
Im Interview mit dem «Walliser Boten» verteidigt sie zudem Kommunikation und Ermittlungen und reagiert auf Vorwürfe.
Warum die Kritik dennoch nicht verstummt – und was hinter der Filz-Debatte steckt, kannst du hier nachlesen.
Begehren eingereicht: Staatsanwältinnen sollen in Ausstand treten
Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am Newsdesk
Das Kantonsgericht Wallis prüft ein Ausstandsbegehren im Fall des Brandes von Crans-Montana. Laut Béatrice Pilloud, Generalstaatsanwältin, fordert ein Anwalt den Rückzug von fünf Staatsanwältinnen, darunter Pilloud selbst. Das schreibt Pilloud in einer Medienmitteilung am Mittwochabend.
Die Vorwürfe basieren auf bekannter Kritik an dem Vorgehen der Justiz mit der Brandkatastrophe in Crans-Montana. Die Unschuldsvermutung bleibt bestehen. Das Begehren wurde bereits am 6. Februar eingereicht. Am Mittwoch wurde nun das Ausstandsbegehren - zusammen mit der Stellungnahme der Staatsanwaltschaft und dem vollständigen Dossier - dem Kantonsgericht übermittelt. Dieses wird darüber entscheiden.
Weiter habe die Staatsanwaltschaft am Mittwoch die Verfügung des Zwangsmassnahmengerichts erhalten, in der die Kaution für die Geschäftsführerin der Bar "Le Constellation" endgültig auf 200'000 Franken festgelegt werde. Dieser Betrag wurde nach einer entsprechenden Untersuchung durch das Gericht festgesetzt, wie bereits im Entscheid vom 12. Januar angekündigt worden war. Der Betrag wurde auf das Konto der Staatsanwaltschaft einbezahlt, wie es weiter hiess.
Sicherheitsmann belastet Morettis: «Sie sagte, die Tür muss geschlossen bleiben»
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Türsteher Stefan I.* (†31) hätte fliehen können – doch der 31-Jährige stürzte sich in die Flammen, um in der Brandnacht Gäste der brennenden Bar Le Constellation zu retten. Seinen Mut bezahlte der Serbe mit seinem Leben. Der Sicherheitsmann ist eines der 41 Opfer von Crans-Montana.
Nun kommt heraus: In der Brandnacht arbeitete noch ein zweiter Sicherheitsmann in der Bar. Er überlebte wurde aber schwer verletzt, wie die italienische Zeitung «La Repubblica» berichtet. Der Mann sagte laut der Zeitung am Mittwochmorgen vor der Sittener Staatsanwaltschaft aus. Zunächst war unklar, wie viele Sicherheitsleute in der Bar anwesend waren, da nur ein Vertrag ausgestellt worden sei.
Die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtete nach dem Verhör, dass der Befragte vor allem Jessica Moretti belastete: «Ich habe Jessica mit den Mitarbeitern sprechen hören.» Die Anweisung an das Personal des Constellation habe offenbar gelautet, die beiden Sicherheitstüren geschlossen zu halten. «Sie sagten, die Türen müssen geschlossen bleiben.» Laut dem Security-Mitarbeiter sollte dadurch vermieden werden, dass die Gäste das Lokal einfach verlassen. «Sie hatte Angst, dass die Kunden gehen würden, ohne zu bezahlen.»
* Name bekannt