Darum gehts
- Gemeindepräsidenten in Graubünden und Wallis missachten demokratische Standards und Verantwortung
- 41 Tote nach Brandschutzversäumnissen in Crans-Montana erschüttern Vertrauen
- Stimmbeteiligung bei Ilanz-Wahl 2025 nur 25 Prozent, Lohn 166'000 Franken
Wer kontrolliert eigentlich die Gemeindepräsidenten? In der Schweiz braucht es kein Schloss, keine Krone und keinen Hofstaat, um Macht zu konzentrieren. Ein Gemeindehaus genügt.
Der Zampano von Ilanz
Eine Petition ist das harmloseste Instrument unserer direkten Demokratie. Mehr als eine Bittschrift ist sie nicht. Doch Marcus Beer (64), Gemeindepräsident von Ilanz GR, behandelte die Senioren, die bargeldlose Parkuhren kritisierten, wie lästige Untertanen.
Nachdem Blick die Sache publik machte, entschuldigte sich Beer – und drehte den Spiess um. Er stellte die Vertrauensfrage. Doch das lokale Mini-Parlament musste passen: Ein Misstrauensvotum und eine damit verbundene Abwahl kennt die Gemeindeverfassung nicht. Der Dorfkönig zog gestärkt davon.
Ilanz/Glion im Bündner Oberland zählt rund 5000 Einwohner. Die meisten Unterländer steigen hier nur um – nach Brigels, Obersaxen, Flims. Wer hier lebt, ist froh, wenn überhaupt jemand den Gemeindepräsidenten macht. Beer wurde 2025 ohne Gegenkandidaten wiedergewählt. Stimmbeteiligung: magere 25 Prozent.
Für sein 80-Prozent-Amt erhält er gemäss lokalem Entschädigungsgesetz und kantonalen Lohnklassen 166’000 Franken im Jahr. Ein paar Hundert Stimmen bei den Wahlen mobilisieren reicht – und man regiert für Jahre.
Neben ihm arbeitet ein professioneller Gemeindeschreiber. Die Gemeinderäte sind Milizler. Wer wie Beer Vollprofi ist unter Nebenamtlichen, bestimmt die Spielregeln.
Der Kapitän von Crans-Montana
Noch krasser zeigt sich das Machtgefälle in Crans-Montana VS. Nach der Inferno-Tragödie in der Bar Le Constellation kam ans Licht: Jahrelang gab es keine Brandschutzkontrollen – obwohl sie vorgeschrieben sind.
Gemeindepräsident Nicolas Féraud (55) räumte ein, man habe die Kontrollen schleifen lassen. Später kam aus: Der Brandschutz-Zuständige verlangte mehr Mittel – der Gemeinderat wies ihn ab.
41 Menschen starben. Politische Verantwortung bleibt ein Fremdwort. In jedem Unternehmen wäre ein CEO nach solchen Versäumnissen weg. Féraud bleibt im Amt.
Er weiss, wie es läuft. Seit über 13 Jahren ist er Gemeindepräsident, seit 2017 führt er die Fusionsgemeinde Crans-Montana. Er nennt sich «Kapitän», den die neue Grossgemeinde brauche. Jahressalär gemäss «Nouvelliste» 180’000 Franken. In Crans-Montana ist Macht kein Amt, sie ist ein Netzwerk. Wer den Gemeindepräsidenten angreift, legt sich mit einem ganzen Geflecht an.
Milizsystem: Stärke und blinder Fleck
Starke Gemeindepräsidenten sind nicht per se ein Problem. Wer eine Gemeinde führt, braucht Rückgrat, Zeit und Kompetenz. Ein guter Lohn ist kein Skandal. Er ist die Voraussetzung, wenn man fähige Leute will – und keine Feierabendpolitiker.
Doch das Fundament bröckelt. Die Bindung mit der Wohngemeinde schwindet. Man wohnt dort, wo die Miete bezahlbar ist – nicht unbedingt dort, wo man sich zugehörig fühlt.
Die Folge: Es wird immer schwerer, Menschen für ein lokales Milizamt zu gewinnen. In Wassen UR wurde ein Bauer gegen seinen Willen gewählt. Amtszwang statt Ambition. Wo nur wenige Verantwortung tragen, wächst der Dorfkönig.
Einmischen, mitreden, abstimmen
Unser Milizsystem ist eine Stärke. Lokalpolitik ist das Fundament der Schweiz. Doch sie funktioniert nicht von selbst. Wer keine Dorfkönige will, muss sich einmischen. Abstimmen. Zur Gemeindeversammlung gehen. Mitreden. Nachfragen.
Ein Gemeindepräsident ist kein Monarch auf Zeit. Er arbeitet im Auftrag der Bürger. Wer wegschaut, darf sich nicht wundern, wenn im Gemeindehaus einer sitzt, der sich für unersetzlich hält.
Anders gesagt: Jedes Dorf bekommt den Gemeindepräsidenten, den es verdient.