Darum gehts
- Marcus Beer (64), Gemeindepräsident von Ilanz, sorgt mit Aussagen für Empörung
- Er bezeichnete eine Petition als «Schande der Alten gegenüber den Jungen»
- Beer gilt als Förderer der Jungen, war Lehrer und Richter
Marcus Beer (64) steht in der Kritik. Anfang Februar machte der parteilose Gemeindepräsident von Ilanz GR eine Gruppe von Petitionärinnen und Petitionären zur Schnecke – die scharfen Worte wurden auf Video aufgezeichnet.
Hintergrund des Krachs: Für ein neues Parkier-Regime in der Gemeinde Ilanz, das Zahlen per Twint oder Parkingpay fördern soll, wurden alte Münzautomaten entfernt. Ältere Menschen und jene, die mit dem bargeldlosen Bezahlen überfordert seien, würden damit benachteiligt und diskriminiert, so die Argumente der Petitionäre.
Die Petition sei «eine Schande der Alten gegenüber den Jungen», sagte Beer sichtlich aufgebracht am 6. Februar. Er ging sogar noch weiter: «Die Jugend zahlt diesen Scheissdreck, den ein paar Alte hier durchsetzen.» Damit sorgte er für einen Sturm der Entrüstung.
Später entschuldigte sich Beer für seinen Ausbruch, liess aber auch eine Anzeige raus, weil er ohne sein Einverständnis gefilmt worden war. Im selben Atemzug stellte er die Vertrauensfrage. Am Mittwochabend gibt das Gemeindeparlament seine Einschätzung ab, ob Beer noch tragbar ist.
Wer ist dieser Mann? Dass Marcus Beer mit seinen 64 Lenzen schon immer ein grosses Herz für die Jungen hatte, ist auf jeden Fall erwiesen. Ein paar Monate nach seinem Amtsantritt gab es erstmals eine Jugendsession in Ilanz. Zur Debatte stand unter anderem ein Skatepark. Damals sagte Beer: «Wir hoffen sehr, dass wir von den Anliegen, die die Jugendlichen vorgebracht haben, auch etwas umsetzen können.» Die erste Jugendsession sei «fantastisch, ein Riesenerfolg» gewesen.
Der Lehrer
Marcus Beer wurde 1961 geboren und stammt ursprünglich aus der Region Breil/Brigels in der Surselva. Aufgewachsen in Danis-Tavanasa, besuchte er das Gymi in Disentis/Mustér und studierte danach Recht an der Universität Freiburg. 1991 begann er als Lehrer am Bildungszentrum Surselva, wo er auch über zehn Jahre Schulleiter war. Er ist «da dus linguatgs» und spricht neben Deutsch auch Rätoromanisch.
Als sich der Bündner Grosse Rat 2014 im Rahmen der Teilrevision des kantonalen Mittelschulgesetzes gegen Informatikmittelschulen (IMS) aussprach, reagierte der zukunftsorientierte Beer masslos enttäuscht. Er sagte gegenüber der «Südostschweiz»: «Da wird von den Randregionen immer verlangt, sie sollen innovativ sein. Doch wenn man innovativ ist, wird das von der Politik verhindert.»
Der Richter
Beer hatte nicht nur in der Schule die Zügel in der Hand, sondern auch im Gerichtssaal. Der studierte Jurist wurde im Jahr 2001 zum nebenamtlichen Richter am Bezirksgericht Surselva (heute Regionalgericht Surselva) in Ilanz gewählt und war dort bis ins Jahr 2020 tätig.
Vor vier Jahren kam es zu einem Highlight seiner Karriere: Der damals 61-jährige Beer wurde im zweiten Anlauf zum Gemeindepräsidenten von Ilanz/Glion gewählt. Im ersten Wahlgang war er noch Zweiter geworden, hinter seinem Herausforderer Claudio Quinter von der Mitte. Im zweiten Wahlgang gaben dann 68 Stimmen mehr den Ausschlag für Beer. 2025 wurde er wiedergewählt. Bis 2029 – es sei denn, das Parlament entzieht ihm am Mittwoch das Vertrauen und er geht freiwillig.
Der Austeiler
Dass Beer politisch austeilen kann, ist nicht erst seit dem Video aus dem Rathaus belegt. In einem Leserbrief zu Spesenvorwürfen gegen Bündner SP-Grossräte – unter anderem gegen den heutigen Nationalrat Jon Pult (41) – aus dem Jahr 2016 schrieb Beer in der «Südostschweiz»: «Die Unverfrorenheit gewisser Politiker ist wirklich erstaunlich und macht mich sprachlos. Ich empfehle den Betroffenen, einmal über folgende Begriffe lange und intensiv nachzudenken: Masslosigkeit, Arroganz, Volksvertreter.»
Der Schweigende
Ein Blick in die Einwohnerstatistik von Ilanz zeigt: 2023 lebten 5200 Menschen in der «ersten Stadt am Rhein». Knapp über 3000 davon waren älter als 41 Jahre alt, 1600 davon sogar 61 Jahre und älter. Ob man seine eigene Wählerschaft derart vor den Kopf stossen sollte?
Blick bot Marcus Beer mehrmals ein Gespräch an. Er wollte sich zum Eklat im Rathaus nicht äussern. Blick berichtet heute Abend von der Parlamentssitzung in Ilanz.