Petition gibt Ilanzer Gemeindepräsident Marcus Beer den Rest
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«Es ist zum Davonlaufen!»:Petition gibt Gemeindepräsidenten den Rest

Bei Übergabe von Bargeld-Petition
«Schande der Alten» – Gemeindepräsident verliert die Fassung

In Ilanz GR wurde eine Petition für den Erhalt von Parkuhren überreicht. Gemeindepräsident Marcus Beer war nicht erfreut und schimpfte über «Schande der Alten gegenüber den Jungen». Er hat nun sogar Strafanzeige eingereicht.
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Sie sorgen in Ilanz/Glion für Diskussionsstoff: Auf gewissen Parkplätzen kann man nur noch digital bezahlen.
Foto: Petitionäre bargeldloses Parkieren

Darum gehts

  • Ilanz/Glion ersetzt Parkuhren mit QR-Codes, nur digitale Zahlung möglich
  • Petition mit 1686 Unterschriften fordert Bargeldzahlung auf allen Parkplätzen
  • Neue Parkuhr kostet 5000 Franken
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Robin WegmüllerRedaktor Wirtschaft

In Ilanz GR, dem Hauptort der Surselva, kochen die Emotionen hoch. Für Aufregung sorgt das neue Parkierungskonzept, das die Stadt derzeit umsetzt. Sie liess gewisse Parkuhren entfernen, an denen Besucher bisanhin mit Münz bezahlen konnten. Ersetzt wurden die Parkuhren durch einfache Schilder mit QR-Codes. Heisst: Parkieren können da nur noch Personen, die digital via Twint oder Parkingpay zahlen. 

Dagegen hat sich Widerstand formiert. Ein Komitee um Ingrid Albin und Berta Caminada (77) lancierte eine Petition. Insgesamt fordern 1686 Personen aus der Region, dass auf allen öffentlichen Parkplätzen von Ilanz/Glion mit Bargeld bezahlt werden kann. Am Freitagmorgen fand die Übergabe der Petition statt. Und dabei kam es zu einem Eklat – inklusive einer Anzeige. Es existieren Videoaufnahmen und Bilder davon, die Blick vorliegen.

«Es ist zum Davonlaufen»

Was ist genau passiert? Gemeindepräsident Marcus Beer (parteilos, 64) verlor kurzzeitig die Fassung. An die Petitionäre gerichtet sagte er: «Ihr seid verantwortungslos». Die Petition nannte er «eine Schande der Alten gegenüber den Jungen». Und: «Eine solche Petition ist zum Davonlaufen.»

Beim Petitionskomitee ist man schockiert. «Es war schlimm für mich», sagt Berta Caminada (77) zu Blick. «Herr Beer hat uns nicht ausreden lassen. Einige Petitionäre sind von weit her gekommen. Da muss ein Gemeindepräsident doch zuhören. Das geht einfach nicht so.» 

Auf seine verbale Entgleisung angesprochen, erklärt sich der Ilanzer Gemeindepräsident: «Ich schäme mich, zu dieser selbstsüchtigen, verantwortungslosen Generation zu gehören, die immer nur für sich schaut und keine Rücksicht auf finanzielle Belastungen der jungen Generation nimmt.» Er bezieht sich darauf, dass die Petitionäre grösstenteils älteren Semesters sind. Deren Argumentation, man habe selbst hart gearbeitet und Steuern gezahlt, zählt für Beer nicht.

«Dass viele junge Menschen und Familien heute hart arbeiten müssen, um anständig leben zu können, wird von diesen Egoisten ausgeblendet», so der Gemeindepräsident. «Und dann kommen die Senioren und wollen dies und das, egal ob daraus steuerliche Mehrbelastungen für die Jugendlichen entstehen.» Die Solidarität zwischen den Generationen sei längstens aufgekündigt. «Das macht mich wütend.» Wegen der Video- und Tonaufnahmen im Gemeindehaus hat Beer nun eine Anzeige wegen Persönlichkeitsverletzung eingereicht.

Neue Parkuhr kostet 5000 Franken

Die Auseinandersetzung zeigt einmal mehr: In der Bargeld-Debatte geht es um mehr als Münzen und Nötli. Nach dem Rundumschlag argumentiert Beer: «In Ilanz sieht unser neues Parkierungsregime vor, dass an vier bis fünf Orten verteilt über die ganze Stadt die Möglichkeit besteht, mit Bargeld zu zahlen. Wir haben also ein gemischtes Regime, das niemanden diskriminiert.»

Die entfernten Parkuhren hatten technisch das Lebensende erreicht. Ein Ersatz wäre teuer gewesen, eine Parkuhr kostet gegen 5000 Franken. Zu viel aus Sicht der Gemeinde. «Bei der Leerung der Münzbehälter konnten wir feststellen, dass einzelne Parkuhren über Wochen kaum mit Münzen bedient wurden», so Gemeindeschreiber Michael Spescha.

«Bin auf nahe gelegene Parkplätze angewiesen»

Auf der anderen Seite sprechen die Petitionäre von einer Diskriminierung gegenüber Älteren, technisch weniger Bewanderten und sowieso bereits sozial Benachteiligten, die sich kein Smartphone leisten können. «In Ilanz kann ich noch an zwei Orten mit Bargeld bezahlen», meint Caminada, die auch dafür kämpft, dass man im Bündnerland weiterhin ein Billett im Postauto mit Bargeld zahlen kann. «Ich laufe an Krücken und bin auf nahe gelegene Parkplätze angewiesen, wenn ich zum Beispiel zum Zahnarzt muss.» Die Stadt sei das wichtigste Zentrum der Surselva, deshalb seien viele auf die Parkplätze angewiesen.

Für die Petitionäre ist klar: Reagiert die Gemeinde nicht innerhalb von drei Monaten auf ihren Vorstoss mit der geforderten Änderung, werden sie eine kommunale Volksinitiative lancieren. Das dürfte dann die emotionale Debatte um die Parkuhren weiter anheizen.

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