Darum gehts
- Schweizer Bevölkerung lehnt Bargeld-Abschaffung ab, trotz wachsender Smartphone-Zahlungen
- Twint-App mit 6 Millionen Nutzern und 800 Millionen Transaktionen jährlich
- 31 Prozent aller Zahlungen erfolgen per Smartphone, Bargeld verliert Marktanteil
Schweizerinnen und Schweizer werden hässig, wenn sie nicht mehr mit Münz und Nötli bezahlen können. Bäckereien, die Bargeld aus dem Laden verbannen, müssen zurückkrebsen. In Graubünden sammeln Bürger Tausende von Unterschriften, damit sie das Billett im Postauto wieder mit Münz beim Chauffeur lösen können. Und wenn Banken wie etwa die Migros Bank von ihren Kunden am Schalter kein Münz mehr annehmen, ist die Entrüstung gross in der Blick-Community.
Doch im Alltag zeigt sich ein anderes Bild: Bezahlt wird immer häufiger mit dem Handy. Bargeld verliert mehr und mehr an Bedeutung. Das zeigt ein Blick auf den Swiss Payment Monitor von ZHAW und Universität St. Gallen, über den die «NZZ» zuerst berichtet hat. Nur noch jeder vierte Einkauf wird heute bar bezahlt. Vor sechs Jahren – also vor Corona – war es noch fast jeder zweite.
Bereits 31 Prozent aller Zahlungen werden inzwischen mit dem Smartphone abgewickelt. 2019 waren es erst 3 Prozent. Damit ist das Handy das meistgenutzte Zahlungsmittel der Schweiz. Kreditkarten haben an Marktanteil verloren.
Twint boomt – 800 Millionen Transaktionen
Treiber dieser Entwicklung ist vor allem Twint. Die Bezahl-App der Banken hat über 6 Millionen Nutzer und mehr als 800 Millionen Transaktionen pro Jahr. Hinzu kommen Apple Pay, Google Pay und Mobile-Banking-Apps. Für viele ist es deshalb schlimmer, wenn sie ihr Handy vergessen, als wenn das Portemonnaie zu Hause liegen bleibt.
Selbst im Laden beim ganz normalen Tageseinkauf – in der Studie «Präsenzgeschäft» genannt –, verliert Bargeld an Boden. Zwar liegt es dort mit 28 Prozent noch knapp vorne, doch das Zahlen per Handy holt mit 25 Prozent zackig auf. Im Onlinehandel («Distanzgeschäft») ist der Wandel dagegen längst vollzogen: Über 70 Prozent aller Transaktionen laufen mobil, die gute alte Rechnung spielt im Online-Shopping praktisch keine Rolle mehr.
200 Franken in der Nachttischschublade
Parallel zu dieser Entwicklung verschwindet die Infrastruktur. Konkret: In den letzten fünf Jahren wurden in der Schweiz rund 1000 Bancomaten abgebaut – von knapp 7000 auf unter 6000 Automaten. Das schmeckt vielen nicht. Fast jeder Zweite findet, der Zugang zu Bargeld habe sich verschlechtert. Trotzdem tragen acht von zehn Schweizerinnen und Schweizern weiterhin Bargeld bei sich – im Schnitt haben sie laut dem Swiss Payment Monitor noch 50 Franken im Portemonnaie oder Hosensack. Und 200 Franken zu Hause in der Nachttischschublade.
71 Prozent der Schweizer lehnen eine Abschaffung des Bargelds klar ab – deutlich mehr als noch vor drei Jahren. Damals haben sich noch 60 Prozent der Befragten gegen eine Abschaffung ausgesprochen. Das zeigt: Je digitaler der Alltag wird, desto stärker scheint der Wunsch nach einem physischen Gegengewicht zu werden. Eine Befindlichkeit, die auch die Initianten der Bargeldinitiative aufnehmen, über die am 8. März abgestimmt wird.
Ein grosser Teil der Befragten gibt an, bereits technische Störungen erlebt zu haben – sei es mit Kartenterminals, Apps oder Netzausfällen. Deshalb greifen sie in Notfällen gerne auf Bargeld zurück.