Darum gehts
- Ilanzer Gemeindepräsident Marcus Beer rastet wegen Bargeld-Petition Anfang Februar aus
- Beer nennt ältere Menschen «Last», Anzeige wegen heimlicher Videoaufnahme erfolgt
- Am Mittwoch stellt er dem Gemeindeparlament die Vertrauensfrage
Ein starker Auftritt war es allemal. Wenn auch kein sonderlich sympathischer. Der Gemeindepräsident von Ilanz GR, Marcus Beer (64, parteilos), kanzelte Anfang Februar im Rathaus des Surselver Hauptorts eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern nach Strich und Faden ab.
Die Gemeinde setzt derzeit ein neues Park-Regime durch. Dafür wurden gewisse Münz-Parkuhren entfernt und mit QR-Codes auf Schildern ersetzt. Heisst: Parkieren können nur noch die, die digital mit dem Handy zahlen. Aber das möchten und können nicht alle.
Eine Gruppe sammelte seit den Weihnachtstagen deshalb Unterschriften und überbrachte dem Gemeindepräsidenten diese in Form einer Petition. Sie wollen, dass man weiterhin auch mit Cash zahlen kann.
«Die Alten sind unsere Last»
Zu viel für den Präsi: «Wissen Sie eigentlich, dass Sie zulasten der Jugend arbeiten? Die Jugend zahlt diesen Scheissdreck, den ein paar Alte hier durchsetzen.» Und dann lässt er sich zu einer verheerenden Aussage hinreissen: «Die Alten sind unsere Last.»
Die Petitionäre filmen das Ganze – auch das geht dem Vorsteher der Gemeinde Ilanz gehörig gegen den Strich. Später erstattet er Anzeige wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte, er sei «heimlich» gefilmt worden. Das Video verbreitet sich rasant, Medien aus dem In- und Ausland berichten.
«Dann gings schon los»
«Ich wollte nur eine Petition abgeben», sagt Ingrid Albin (50) aus Siat GR, das zu Ilanz gehört. Sie stand im Video direkt neben dem wütenden Gemeindepräsidenten.
Blick trifft die Petitionärinnen im Ilanzer Schneetreiben. «Ich bin schockiert, dass es eine solche Reaktion gegeben hat.» Die Gruppe insistiert: Es sei komplett ohne ihr Zutun eskaliert: «Wir sind rein, haben ihm die Hand gegeben und einen guten Morgen gewünscht. Und dann gings schon los.»
Kollegin Lucia Alpiger (54) aus Ladir GR (Gemeinde Ilanz) ergänzt: «Wir sind nicht gegen Twint oder Parkingpay. Wir wollen einfach, dass das Bargeld ebenfalls erhalten bleibt!»
«Ich hätte meine Sachen gepackt und wäre gegangen»
Der Kopf der Bargeld-Bewegung ist Berta Caminada (77). Sie ist eine Art Grande Dame des Bargelds und macht sich nicht zum ersten Mal für Nötli und Münz stark. Nachdenklich sagt sie in einem Ilanzer Café zu Blick: «Dass alte Leute hier so drangekommen sind, schmerzt mich.» Sie lässt die Entschuldigung des Gemeindepräsidenten per Medienmitteilung nicht gelten: «Er hat sich nicht für den Inhalt seiner Worte entschuldigt. Hätte er das gemacht, sähe es anders aus.»
Von Caminada hört man keine öffentliche Rücktrittsforderung. Aber sie sagt: «Wäre mir das passiert, hätte ich meine Sachen gepackt und wäre gegangen.»
Rücktritt steht im Raum
In einem Statement kroch der Gemeindepräsident zu Kreuze: «Meine Reaktion war emotional und unprofessionell. Dafür entschuldige ich mich.» Gleichzeitig stellte er die Vertrauensfrage: «Das Parlament wird darüber entscheiden können, ob ich für das Amt des Gemeindepräsidenten noch tragbar bin.»
Auch wenn der Kanton Graubünden ein Amtsenthebungsverfahren nicht kennt, dürfte das Votum des Rats heute Mittwochabend deutliche – wenn auch nur symbolische – Signalwirkung haben. Beer entscheidet letztlich selbst, ob er abdankt.
Hinter vorgehaltener Hand wird Ilanz deutlich
Blick hört sich am Dienstag in Ilanz um. Vor die Kamera will fast niemand. Während Räumungsfahrzeuge ihre Runden drehen und dicke Flocken vom Himmel schweben, erklärt ein Ilanzer aufgebracht die Medien zum Feind. Die Berichterstattung rund um den Gemeindepräsidenten sei «lächerlich».
Viele kritisieren Marcus Beer. «Er hätte einfach seinen Mund halten sollen», sagt eine Passantin. «In dieser Situation hatte er den Hut des Gemeindepräsidenten auf, seine persönliche Meinung hat dort nichts zu suchen.» Ein anderer Ilanzer ist deutlich undiplomatischer: «Von einem Juristen hätte ich mehr erwartet. Der soll verreisen!»
Dönermann beruhigt – Gemeindepräsident schweigt
Einer, der vor die Kamera tritt, ist Kadir Ayhan (36), der Dönermann im Dorf. «Wir wissen, dass der Herr Beer ein bisschen temperamentvoll ist. Es war ein Ausrutscher, den ich nicht so scharf verurteile.»
Die Bargeld-Petition unterstützt er, Unterschriftenbögen lagen bei ihm im Bistro auf. Von einem Rücktritt hält Ayhan nichts: «Herr Beer ist ein Lieber. Er soll weitermachen.» Lachend fügt er an: «Er soll einfach ein bisschen aufpassen, das Ganze ein bisschen geduldiger angehen.»
Blick bot dem Gemeindepräsidenten mehrmals das Gespräch an. Einmal schreibt er zurück, dass die Parkordnung aktuell überarbeitet werde. «Vor Abschluss dieser Arbeiten macht eine Stellungnahme daher keinen Sinn.»
Das sehen viele anders. Und spätestens heute Abend wird er wohl etwas zu seinem verunglückten Auftritt sagen müssen. Blick berichtet live von der Parlamentssitzung in der Schulaula in Ilanz.