Darum gehts
- Bauernverband sagt Nein zur Individualbesteuerung, Bäuerinnen-Verband mit Stimmfreigabe
- Landwirtinnen wollen aber fairen Lohn und finanzielle Sicherheit
- Alice Ambrosetti: «Ein Lohn für beide Ehepartner muss zur Norm werden»
Bauernpräsident Markus Ritter (58) geht gegen die Individualbesteuerung auf die Barrikaden. «Sie bringt für die Bauernfamilien erhebliche Nachteile mit sich», sagte der St. Galler Mitte-Nationalrat beim Auftakt der Nein-Kampagne. Viele Bauernfamilien müssten künftig «eine künstliche, jährliche neu zu verhandelnde Einkommens- und Vermögensaufteilung» vornehmen, warnte er. Besonders kritisch beurteilte er die Auswirkungen auf Familien mit Kindern. Habe ein Elternteil ein tiefes oder kein steuerbares Einkommen, was in der Landwirtschaft häufig der Fall sei, würden die Kinderabzüge künftig teilweise oder ganz ins Leere laufen.
Der Bauernverband kämpft Seite an Seite mit SVP, Mitte, EVP und EDU in einer konservativen Allianz gegen die Abstimmungsvorlage vom 8. März. Mit dem Systemwechsel rücke das Ziel in den Fokus, dass «beide Partner steuertechnisch möglichst gleich viel Einkommen ausweisen sollen», monierte der Verband in einer früheren Stellungnahme. Sein Fazit: «Das Konfliktpotenzial in den Beziehungen aufgrund dieser Entwicklung ist erheblich.»
«Viele Bäuerinnen führen eigenen Erwerbszweig»
Doch die bäuerlichen Fronten sind alles andere als klar. Gerade unter Bäuerinnen finden sich auch befürwortende Stimmen. «Vielerorts gelten Bäuerinnen als ‹nicht erwerbstätig›, obwohl sie auf dem Hof mit anpacken», sagt Biobäuerin Regina Fuhrer-Wyss (66) zu Blick. Die ehemalige SP-Grossrätin und frühere Präsidentin der Kleinbauern-Vereinigung sieht aber in der Individualbesteuerung einen Anreiz, dass die Landwirtinnen einen korrekten Lohn erhalten.
Sie verweist auf Ritters Aussage, wonach viele Bäuerinnen kein oder nur ein kleines Einkommen hätten. «Genau das ist doch das Problem. Wir müssen dafür sorgen, dass auch die Frauen ein faires Einkommen erhalten», so Fuhrer. «Wenn Paare als gleichberechtigte Partner den Hof managen, ist die Individualbesteuerung die beste Lösung.»
Gerade für junge Frauen sei dies mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. «Viele Bäuerinnen führen einen eigenen Erwerbszweig – beispielsweise die Hühnerhaltung oder Direktvermarktung – und erwirtschaften so ein eigenes Einkommen», erklärt die Bernerin. Die Einkommensaufteilung vorzunehmen, sei kein Kunststück. Ihren Hof haben mittlerweile ihre beiden Kinder – ein Sohn und eine Tochter – übernommen. «Das landwirtschaftliche Einkommen teilen sie sich.»
«Lohn und Sozialschutz für beide!»
«Ein Lohn für beide Ehepartner muss zur Norm werden», fordert Alice Ambrosetti (34), die die Tessiner Bäuerinnen präsidiert und für die SP politisiert. Ein Bauernbetrieb sei eine Einheit, für den Paare gemeinsam Verantwortung tragen würden. «Geteilte Verantwortung auf dem Hof bedeutet aber auch Lohn und Sozialschutz für beide!»
Ohne eigenes Einkommen zu arbeiten, sei ein Risiko – vor allem im Rentenalter, aber auch im Laufe eines Lebens, das nicht immer geradlinig verläuft, sagt Ambrosetti. Viele Bäuerinnen würden Gefahr laufen, im Alter in Armut zu geraten – etwa nach einer Scheidung. Für die Altersvorsorge sei ein eigenes Einkommen daher ein grosser Vorteil.
Wenn ein eigenes Gehalt für die Bäuerin als zu heikel angesehen werde, sei dies ein klares Zeichen dafür, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern noch nicht erreicht ist. «Wir müssen hier endlich vorwärtsmachen», so die zweifache Mutter. «Die Individualbesteuerung stärkt die Bäuerinnen, denn ihre Arbeit verdient nicht nur Anerkennung, sondern mit einem gesicherten Einkommen auch finanzielle Sicherheit während ihres ganzen Lebens.»
Dass der Systemwechsel zu übermässiger Bürokratie führe, hält sie für «eine Ausrede, die eine echte Autonomie und Unabhängigkeit der Bäuerinnen verhindert».
Stimmfreigabe bei Bäuerinnen-Verband
Im Gegensatz zum Bauernverband hat der Bäuerinnen- und Landfrauenverband übrigens Stimmfreigabe beschlossen, da das neue Gesetz sowohl negative als auch positive Auswirkungen mit sich bringe. Kritisch betrachtet der Verband etwa die vorgesehenen Steuerausfälle oder die höhere Steuerbelastung für rund 14 Prozent der Steuerpflichtigen.
Am 8. März kommt die Individualbesteuerung an die Urne. Doch was bedeutet der Systemwechsel für dich selbst? Das Ja-Komitee hat dazu einen Online-Rechner lanciert. Über diesen können Einzelpersonen wie auch Ehe- und Konkubinatspaare – ob mit oder ohne Kinder – ausrechnen, was der Systemwechsel für sie bedeuten würde. Den Individualsteuer-Rechner findest du über folgenden Link: https://ja-zur-individualbesteuerung.ch/steuerrechner/
Am 8. März kommt die Individualbesteuerung an die Urne. Doch was bedeutet der Systemwechsel für dich selbst? Das Ja-Komitee hat dazu einen Online-Rechner lanciert. Über diesen können Einzelpersonen wie auch Ehe- und Konkubinatspaare – ob mit oder ohne Kinder – ausrechnen, was der Systemwechsel für sie bedeuten würde. Den Individualsteuer-Rechner findest du über folgenden Link: https://ja-zur-individualbesteuerung.ch/steuerrechner/
Positive Effekte orten die Bäuerinnen aber insbesondere für die Frauen. In ihrer Stellungnahme schreiben sie dazu: «Die Individualbesteuerung beseitigt steuerliche Hindernisse für die Erwerbstätigkeit von Frauen, stärkt die finanzielle Eigenständigkeit und kann somit zur Verbesserung der Altersvorsorge sowie zur Verringerung des Renten-Gendergaps beitragen.»