Interne Dokumente zeigen
IT-Puff beim Seco kam mit Ansage

Die Seco-Verantwortlichen wussten von gravierenden Sicherheits- und Leistungsproblemen. Trotzdem ging das 200-Millionen-Franken-Projekt Asal 2.0 online. Mit dramatischen Folgen für Tausende Arbeitslose.
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Steht seit Januar wegen des IT-Debakels um die Arbeitslosengelder in der Kritik: Seco-Chefin Helen Budliger Artieda.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Das 200-Millionen-Franken-IT-System Asal 2.0 verursachte massive Probleme seit Januar
  • Interne Dokumente zeigen: Sicherheits- und Leistungsprobleme waren vor dem Start bekannt
  • 71 Sicherheitsmängel entdeckt, 27 davon kritisch, 150'000 Arbeitslose betroffen
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Annalena MüllerPolitredaktorin SonntagsBlick

Im Januar ging bei den Arbeitslosenkassen nichts mehr. Tausende Arbeitslose warteten auf ihre Leistungen – vielfach monatelang. Der Grund: Das brandneue, 200 Millionen Franken teure IT-System des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) funktionierte nicht. 

Nun zeigen Recherchen: Seco-Chefin Helen Budliger Artieda und Projektleiter Jérôme Cosandey wussten um die massiven Probleme der Plattform – und entschieden dennoch, sie online zu nehmen. Bis heute spielen die Verantwortlichen den Skandal herunter. Obwohl das IT-Debakel zahlreiche Menschen um ihre Existenz fürchten lässt und künftig zu massiven Mehrkosten für die Kantone führt.

Das ist geschehen: Bis Ende 2025 arbeiteten die 32 Arbeitslosenkassen der Schweiz mit einem IT-System aus den 1980er-Jahren. Die neue Plattform namens Asal 2.0 sollte Prozesse standardisieren und die IT beim Seco zentralisieren. 

Initiiert wurde das Projekt 2016 von Budliger Artiedas Vorgängerin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch. Von Anfang an war es schlecht geführt – dies stellte die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) in insgesamt sechs Prüfungen fest. Sie warnte immer wieder, dass viele Fragen rund um die Tauglichkeit und Performance des Projekts offen seien. Zuletzt im Mai 2025, nur acht Monate vor der geplanten Live-Schaltung.

Chaotische Projektführung

Bereits 2022 war mit Helen Budliger Artieda eine neue Hausherrin im Seco eingezogen. Konfrontiert mit der chaotischen Projektführung und den ausufernden Kosten von Asal 2.0 einerseits und der veralteten Plattform andererseits, setzte Budliger Artieda 2023 die gesamte Führungscrew des Projekts auf die Strasse. Richten sollte es Jérôme Cosandey. Seine Aufgabe: die neue Plattform im Januar 2026 online zu schalten. Cosandey erreichte das Ziel, wenn auch mit einer Plattform, die ständig abstürzte, und Arbeitslose und Sachbearbeiter gleichermassen verzweifeln liessen.

Nun zeigen interne Dokumente: Alle Probleme, die nach der Live-Schaltung auftraten, waren vorher bekannt. 

In den Monaten vor dem Launch liess das Seco die Plattform auf Herz und Nieren prüfen. Die Zürcher IT-Firma Eraneos schaute sich die Sicherheit an. Diese ist wichtig, da auf Asal 2.0 sensible Daten von Hunderttausenden Personen gespeichert werden, die in der Schweiz arbeitssuchend sind oder es waren. Deloitte prüfte zur gleichen Zeit die IT-Architektur, sozusagen die Statik des IT-Gebäudes.

Prüfung legte massive Mängel offen

Die Berichte hält das Seco unter Verschluss. Nach einem mehrmonatigen Tauziehen und mithilfe des Öffentlichkeitsgesetzes erhielt SonntagsBlick Einsicht in beide Dokumente. Trotz der zum Teil stark geschwärzten Berichte wird deutlich: Weder die Sicherheit noch die Architektur der Plattform bekamen grünes Licht von den Testern. Bei der Sicherheit fanden die Experten 71 Mängel, 27 davon mit hoher oder kritischer Priorität. Handlungsbedarf wurde auf verschiedenen Ebenen markiert. So wies das für die Tests genutzte System «erhebliche Sicherheitsmängel auf».

Die Architekturprüfung förderte ebenfalls zahlreiche Probleme zutage. Die Prüfer kritisierten die unnötige Komplexität der Plattform. In der Folge sei Asal sowohl bedienungsunfreundlich als auch nach der Live-Schaltung schwer zu warten. Ein weiterer zentraler Kritikpunkt betraf die Performance, also die Zeit, die das System braucht, um zu antworten – zum Beispiel, wenn ein Sachbearbeiter Informationen über einen Arbeitssuchenden eingibt. Laut den Testern sei völlig unklar gewesen, ob die Plattform den Anforderungen genügen würde.

Experte: Launch hätte verschoben werden müssen

Matthias Stürmer, Professor an der Berner Fachhochschule, zieht in Anbetracht der Mängelliste die Augenbrauen hoch. «Das sind sehr viele Warnzeichen für ein solches Grossprojekt», sagt er. Stürmer kennt sich mit dem Thema aus: Er forscht zur Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und hat schon viele IT-Debakel gesehen. Zum Fall des Seco meint er: Das Seco hätte den Launch verschieben müssen, «weil am Funktionieren des Systems Existenzen hängen». Stürmer meint damit die rund 150'000 Arbeitslosen der Schweiz, die von den Leistungen der Versicherungen abhängig sind.

Eine Verschiebung wäre möglich gewesen. IBM, das das alte System aus den 1980ern betrieb, garantierte gegenüber dem Seco dessen Instandhaltung bis Ende 2026. Zu den neuen Erkenntnissen schreibt das Seco: «Alle als relevant eingestuften Sicherheitsprobleme wurden vor dem Go-Live behoben.» Auf die Warnungen vor Leistungsproblemen reagiert das Amt mit der gleichen Aussage wie in den letzten Monaten: «Die im Betrieb nach der Einführung aufgetretenen Probleme waren in dieser Ausprägung im Vorfeld nicht vorhersehbar.» Auch von Problemen, die bis heute andauern, will das Seco nichts wissen.

In Bundesbern mangelt es also weiterhin an Problembewusstsein. Das zeigt auch die Beförderung von Jérôme Cosandey zum stellvertretenden Direktor des Seco im April durch Bundesrat Parmelin. Dass auch heute noch Arbeitslose auf ihre Leistungen warten und sich Auszahlungen neu Angemeldeter teilweise um Monate verzögern, ist für Bern offenbar nebensächlich.

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