Grosses IT-Puff beim Seco
Arbeitslose verzweifelt – «mein Portemonnaie ist leer!»

Seit Januar kämpft das Seco mit Problemen beim neuen Auszahlungssystem fürs Arbeitslosengeld. Es herrscht Chaos: Betroffene sind hilflos, Zürich setzt eine Taskforce ein. Es gibt Verwirrung um Vorschüsse. Schweizweit ist im Januar erst jeder vierte Franken geflossen.
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Eine Systemumstellung sorgt bei den Arbeitslosenkassen für Probleme.
Foto: PETER KLAUNZER

Darum gehts

  • Seit Januar sorgt Software Asal 2.0 für Chaos bei Arbeitslosenkassen
  • Betroffene warten seit Dezember auf Auszahlungen, viele in finanzieller Not
  • Erst 135,5 Mio. CHF von benötigten 540 Mio. CHF für Januar ausgezahlt
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Diese Software-Umstellung ging in die Hosen! Ein neues Auszahlungssystem mit dem Namen Asal 2.0 sorgt seit Januar schweizweit für Chaos bei den Arbeitslosenkassen. Es wird von allen 33 Arbeitslosenkassen zur Auszahlung der Taggelder genutzt. Mitarbeitende sind am Anschlag, Auszahlungen verzögern sich, und Arbeitslose bangen um ihr Geld. Viele der 147'000 Arbeitslosen im Land sind betroffen. Teils warten sie bereits seit Dezember auf ihr Geld. Seit Tagen sorgen die Missstände schweizweit für Schlagzeilen.

Der Betroffene Jannis Z.* meldet sich am Montagmorgen bei Blick. Es sei alles noch viel schlimmer. «Die gesamte IT der Arbeitslosenkasse funktioniert nicht», sagt er. Noch immer würden keine Auszahlungen erfolgen. Eine Frist, wann er endlich sein Geld bekommt, habe man ihm nicht nennen können. «Die Sachbearbeiterin hat mir am Telefon gesagt, dass nicht einmal ihr Login funktionieren würde.» Die Angestellten hätten keinen Zugriff auf ihr IT-System.

Tatsächlich hat das Portal job-room.ch, auf dem Versicherte ihre Dokumente einreichen sollen, gröbere technische Probleme. Letzten Donnerstag ging dort gar nichts. Und noch immer heisst es auf der Website: «Liebe Neukunden, bitte beachten Sie, dass die Aktivierung der eServices ‹Arbeitsbemühungen›, ‹Arbeitsunfähigkeit› und ‹Dokumente hochladen› bis zu 24 Stunden dauern kann.»

«Haben Sie etwas Geduld!»

Jannis Z. kritisiert die Kommunikation seiner Arbeitslosenkasse und des auf Bundesebene zuständigen Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). «Immer wieder sagt man mir nur, dass ich halt etwas Geduld haben soll», sagt er zu Blick. «Wie soll ich Geduld haben? Mein Portemonnaie ist leer!», sagt er verärgert. «Wenn ich aber einmal eine Frist verpasse, dann werde ich gnadenlos sanktioniert!»

Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» packt eine Mitarbeiterin aus. Die Telefonleitungen seien chronisch überlastet. Die durchschnittliche Wartezeit betrage eine Stunde. Zwei Betroffene hätten sie aus Notunterkünften angerufen, weil sie seit Dezember kein Geld mehr bekommen. Und ihre Wohnungen verloren hätten. «Viele, die jetzt anrufen, sprechen nur schlecht Deutsch. Sie haben die Aufforderung zum früheren Einreichen schlicht nicht verstanden und stehen nun vor dem Nichts», sagt sie.

Verwirrung um Vorschüsse

Das Seco bestätigt auf Blick-Anfrage die technischen Probleme. «Diese verursachen derzeit einen Arbeitsstau bei den Arbeitslosenkassen.» Die Systemumstellung führe bei den Kassen zu einem «vorübergehend erhöhten operativen Aufwand» und damit zu «einer längeren Dossierbearbeitungszeit.»

Am Freitagabend soll sich das Seco laut «Tages-Anzeiger» mit einem dringlichen E-Mail an alle Arbeitslosenkassen gewandt haben: «Bitte gewährt bei anspruchsberechtigten Versicherten Vorschüsse.» Von Blick darauf angesprochen, widerspricht das Seco. Man habe «keine besonderen Anweisungen in Bezug auf Vorschüsse an die Arbeitslosenkassen erteilt». Verwirrung total.

Das Gesetz sieht aber solche Vorschüsse in bestimmten Fällen vor. Das Seco erläutert in einer Weisung, wer darauf Anspruch hat: Die betroffene Person muss alle Anspruchsvoraussetzungen für Arbeitslosengeld erfüllt haben. Und zudem «glaubhaft darlegen können, dass sie auf den Vorschuss angewiesen ist». Hier aber beisst sich die Katze in den Schwanz. Überlastete Arbeitslosenkassen dürften kaum die Kapazitäten haben, um zusätzliche Anträge für Vorschüsse zu bearbeiten. 

Zürcher Kasse setzt eine Taskforce ein

Gewisse Arbeitslosenkassen haben auf die Probleme bereits reagiert. So hat jene des Kantons Zürich – eine der grössten des Landes – extra eine Taskforce eingesetzt, teilt ein Sprecher gegenüber Blick mit. «Wir setzen sämtliche verfügbaren personellen Ressourcen für die pünktliche Auszahlung der Taggelder ein.» Man unterstütze die Versicherten bei Problemen bei der Datenerfassung. «Damit es zu keinen Verzögerungen kommt, werden Zahlungen in solchen Fällen direkt ausgelöst», sagt der Sprecher. Bei komplexeren Dossiers könnten solche dennoch nicht ausgeschlossen werden.

Aufatmen können Versicherte der Arbeitslosenkasse des Kantons St. Gallen. «Heute Montag wurden die am Freitag und Samstag erfassten Auszahlungen im Betrag von 2 Millionen Franken freigegeben», sagt ein Sprecher zu Blick. Die Arbeitslosenkasse des Kantons St. Gallen liege diesbezüglich im Soll. Die Wirtschaftsdirektion des Kantons Bern verweist an den Bund.

Erst ein Viertel ausbezahlt

Laut dem Seco könne es während der Stabilisierungsphase zu unvorhergesehenen Problemen kommen. Aber: «Ein grosser Teil der technischen Schwierigkeiten konnte bereits gelöst werden.»

Deshalb ist man beim Staatssekretariat zuversichtlich, dass die Arbeitslosen im Februar ihr Taggeld fristgerecht erhalten. «Zum gegenwärtigen Zeitpunkt geht das Seco weiterhin davon aus, dass die Auszahlung der Arbeitslosenentschädigungen innerhalb des folgenden Monats gewährleistet ist.» Für den Januar hat die Behörde bisher 135,5 Millionen Franken ausgezahlt. Tönt nach viel. Ist aber wenig: Das entspricht etwas mehr als einem Viertel des gesamt auszubezahlenden Betrags.

*Name von der Redaktion geändert 

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