Darum gehts
- Ein Hitzeaktionsplan rettete in Genf einen dehydrierten Mann im Park
- Die Spitex Imad führte bis Freitag über 13'000 Kontrollanrufe und 150 Hausbesuche durch
- Nur 8 von 26 Kantonen haben WHO-konforme Hitzeaktionspläne, BAG reagiert spät
Er geht nicht ans Telefon. Keine Reaktion auf das Klingeln an der Tür. Die Mitarbeitenden der Genfer Spitex Imad wissen: Wenn jemand aus ihrer Patientenliste nicht reagiert, kann jede Stunde zählen. Sie suchen – und finden den alten Mann in einem Park, wo er manchmal spazieren geht. Er ist dehydriert, ihm ist übel, die Hitze setzt ihm zu. Ein paar Tage später ist er wieder daheim. Ein kurzer Aufenthalt im Spital, dann kann der Mann nach Hause zurückkehren.
Dieser Fall ereignete sich dieser Tage im Raum Genf. Die Notlage des Betagten wurde dank des kantonalen Hitzeaktionsplans rasch entdeckt. Dieser wurde vor zehn Tagen aktiviert, die Genfer Spitex Imad hat daraufhin ihre Hitzewelle-Einsatzzentrale mobilisiert. 2500 Personen sind aktuell bei der öffentlichen Spitex als Risikopatientinnen und -patienten eingestuft.
Genfer Spitex gilt als Vorbild
Während einer Hitzewelle werden sie alle täglich kontaktiert oder besucht. Aufgrund der aktuellen Temperaturen hat Imad deshalb bis Freitag bereits gut 13’000 Kontrollanrufe gemacht und gut 150 ausserordentliche Hausbesuche absolviert. Dabei berücksichtigt die Spitex nicht nur eigene Klienten. Melden Gemeinden Probleme bei Risikopersonen, werden diese ebenfalls von Imad aufgesucht.
Mit ihrem Konzept hat die Genfer Organisation laut Spitex Schweiz eine Vorreiterrolle inne. Die Pflegeorganisationen werden während einer Hitzewelle besonders gefordert: Spitex-Klientinnen leben zu Hause, oft in schlecht isolierten Altbauwohnungen oder Dachwohnungen ohne Klimaanlage, häufig allein. Trinken oder essen sie zu wenig, fällt das oft weniger schnell auf als beispielsweise im Pflegeheim.
Dabei wird das Risiko weitgehend unterschätzt. Hitze ist in der Schweiz die Naturkatastrophe mit den meisten Todesopfern – noch vor Hochwasser oder Lawinen. Mehrere Hundert Todesfälle werden jedes Jahr auf hohe Temperaturen zurückgeführt, wie Studien des Swiss TPH zeigen. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein.
Universitätsspital Zürich: 10 Prozent mehr Notfälle
Gleichzeitig steigen die Hospitalisierungen. Beim Universitätsspital Zürich sind die Konsultationen auf dem Notfall um zehn Prozent gestiegen. Die Diagnosen gleichen sich: Dehydrierung, Kreislaufkollaps, Erschöpfung. Hinzu kommen gefährliche Störungen im Elektrolythaushalt, der Körper verliert lebenswichtige Salze. Und: Hitze stresst das Herz. Betroffen sind vor allem Menschen, die zu wenig trinken, sich draussen körperlich belasten oder bereits krank sind.
In Genf werden solche Notfälle auch dank des Hitzeaktionsplans entdeckt. Doch was Genf macht, bleibt schweizweit die Ausnahme. Laut einer Erhebung im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) verfügen nur acht von 26 Kantonen über einen solchen Hitzeaktionsplan, der den Mindestanforderungen der Weltgesundheitsorganisation entspricht. Sechs davon liegen in der Westschweiz, hinzu kommt das Tessin – und mit Basel-Stadt erst ein einziger in der Deutschschweiz. 19 Kantone befürworten zwar einen nationalen Hitzeplan, doch der Bund-Leitfaden soll frühestens Ende 2026 vorliegen.
Dabei zeigt die Erfahrung von Imad: Die meisten Notlagen lassen sich abwenden. 2025 mussten von 27'374 Hitze-Anrufen letztlich nur 11 Patientinnen und Patienten hospitalisiert werden. Die übrigen wurden rechtzeitig versorgt – zu Hause. Und selbst wer ins Spital muss, kommt meist rasch wieder zurück. Wie der alte Mann im Park, den so schnell wohl niemand vermisst hätte, wäre da nicht dieser eine Kontrollanruf gewesen.