Darum gehts
- Der Partykeller in Crans-Montana wurde zur tödlichen Falle
- Im Wallis gelten andere Regeln beim Brandschutz
- Die Welt schaut auf die Schweiz – und will Aufklärung
Die Schweiz trauert. Am Bundeshaus wehen die Fahnen auf halbmast. Das Land gedenkt der Opfer der Silvesternacht in Crans-Montana: mindestens 40 Tote, 119 Verletzte, darunter viele Schwerverletzte. Es ist eine der schlimmsten Katastrophen der Schweizer Geschichte – und sie ist menschengemacht.
Der erste Tag galt der Solidarität. Der zweite Tag gehört den Fragen.
Wie um Himmels willen konnte das geschehen?
Die Hinweise sind erschreckend klar: ein Club im Untergeschoss, in dem über 160 Gäste feierten. Deckenelemente aus hoch brennbarem Schallschutz. Eine Pyro-Show mit Funkenregen – vom Club im Werbespot beworben. Offenbar keine funktionierende Sprinkleranlage. Dann der Flashover: eine Feuerwalze, die den Raum in Sekunden zur Todesfalle machte. Und fatal: ungenügende Fluchtwege.
Die Gemeinde kontrolliert selbst
Das Forensische Institut Zürich erstellt jetzt ein Gutachten zum Fall. Die zentrale Frage stellt sich jetzt schon: Wurde dieser Club tatsächlich korrekt kontrolliert – und bewilligt?
Im Kanton Wallis gilt eine Besonderheit: Anders als in den meisten anderen Kantonen gibt es keine obligatorische Gebäudeversicherung. Der Brandschutz liegt nicht beim Kanton, sondern bei den Gemeinden – dort, wo jeder jeden kennt. Auch Crans-Montana hat einen eigenen Brandschutzbeauftragten: zuständig für Kontrollen, zuständig für Sicherheit. Die politische Verantwortung trägt der Gemeinderat.
Der Gemeindepräsident konnte an einer Medienkonferenz vom Donnerstag nicht sagen, ob der Club für so viele Gäste überhaupt bewilligt war.
Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud markiert Entschlossenheit: Sie setze alles daran, die Tragödie aufzuklären. Mehrere Personen, darunter die Barbetreiber, wurden einvernommen, verhaftet wurde allerdings niemand. Offenbar sieht die Staatsanwältin keine Verdunkelungsgefahr.
Dabei geht es nicht um Vorverurteilung. Es geht um Verantwortung.
Beim Bergsturz von Blatten vom Mai stand die ganze Schweiz hinter dem Wallis. Weil es keine obligatorische Gebäudeversicherung gibt, half die Glückskette. Freiwillige aus dem ganzen Land spendeten, um die Schäden zu lindern. Wissenschaft und Zivilschutz handelten vorbildlich. Der Staat funktionierte.
Jetzt blickt nicht nur die Schweiz aufs Wallis – sondern die ganze Welt. Unter den Opfern sind Menschen aus mehreren Ländern. Hunderte Angehörige warten auf Gewissheit.
Diesmal war es keine Naturgewalt
Noch sind die meisten Toten nicht identifiziert. Noch kämpfen Dutzende Schwerverletzte um ihr Leben. Ärztinnen, Pfleger, Notfallteams – aus dem Wallis, aus der ganzen Schweiz und darüber hinaus – leisten Unglaubliches. Ihnen gilt jetzt unser Respekt.
Für Schuldzuweisungen ist es nicht der Moment – für Urteile erst recht zu früh. Doch die drängenden Fragen werden beantwortet werden müssen. Früher oder später. Ehrlich und transparent.
Diesmal war es keine Naturgewalt, die das Unglück brachte. Kein Bergsturz – sondern ein System, das die Tragödie nicht verhindert hat.
Die Fahne auf halbmast ist ein Zeichen der Trauer. Aber Betroffenheit reicht nicht. Verantwortung ist keine Geste. Verantwortung ist ein Auftrag.
Der Staat muss handeln. Und Antworten liefern.