Darum gehts
«Wir gehen davon aus, dass das Feuer von Wunderkerzen ausgegangen ist, die an Champagnerflaschen montiert waren.» Das sagt die Walliser Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud (50) am Freitag an der dritten Medienkonferenz zum Brand in Crans-Montana.
Von dort ausgehend sei die Decke in Brand geraten. Entsprechende Videos haben sich bereits am späten Donnerstagabend in den weltweiten Medien verbreitetet. Auf den Fotos und Videos ist zu sehen, wie der Schaumstoff, der als Schallschutz an der Decke angebracht war, Feuer fängt, das sich schlagartig ausbreitet.
Einfache Wunderkerzen lösten damit wohl eine der grössten Schweizer Tragödien der jüngeren Geschichte aus. Was als ausgelassene Nacht begann, endete in einem Inferno.
Seit Freitag sind auch erstmals genauere Zahlen bekannt: 40 Menschen starben beim Brand in der Silvesternacht in der Bar «Le Constellation». 119 wurden verletzt, davon über 80 schwer, viele befinden sich auch heute noch in kritischem Zustand: «Zahlreiche Patienten wurden intubiert und in ein künstliches Koma versetzt», erklärt Freddy-Michel Roten, Direktor der Walliser Rettungsorganisationen an der Pressekonferenz. Ob alle Verletzten überleben, ist ungewiss.
Beide Barbetreiber befragt
Im Fokus der Ermittlungen stehen auch die Umbauten im «Le Constellation»: «Wir schauen uns an, welche Materialien beim Umbau verwendet wurden.» Die beiden Betreiber der Bar seien bereits befragt worden. Auch die allgemeinen Brandschutzmassnahmen stehen auf dem Prüfstand. Wie waren die Notausgänge angelegt? Gab es genügend Feuerlöscher und war die Bar überfüllt?
Noch sei offen, ob gewisse Personen strafrechtlich verfolgt würden. Es sei aber möglich, dass eine Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet werde, erklärt Pilloud. Bevor die Schuldfrage geklärt werde, gäbe es aber Wichtigeres zu tun. «Unsere Priorität liegt immer noch bei der Identifizierung der Verstorbenen, damit die Familien mit ihrer Trauerarbeit beginnen können.»
Zumindest bei den Verletzten ist man damit schon weit, wie Polizeikommandant Frédéric Gisler erklärt: «113 der insgesamt 119 Personen konnten formal identifiziert werden.» Die Betroffenen stammen aus aller Welt. 71 Personen sind Schweizer, 14 Franzosen, 11 Italiener, 4 Serben, dazu je ein Bosnier, ein Belgier, ein Luxemburger, ein Pole und ein Portugiese. Das jüngste, bisher bekannte Opfer ist erst 16 Jahre alt.
«Sie hatte zwei Flaschen mit Wunderkerzen»
Was genau sich in dieser Nacht in der Bar abspielte, schildern Augenzeugen gegenüber Blick. Die beiden Schweizer Nathan (19) und Axel (19) sind nach eigenen Angaben mit Kollegen im Untergeschoss der Bar, als der Brand plötzlich ausbricht. Nathan erzählt: «Eine Frau sass auf den Schultern einer anderen Dame. Sie hatte zwei Flaschen mit Wunderkerzen.» Sie habe diese so hoch geschwenkt, dass sie die Decke berührt hätten und diese plötzlich Feuer fing.
Plötzlich bricht Panik aus: «Alle wollten daraufhin raus, aber es gab einen Stau vor der Treppe», sagt Axel. Den beiden gelingt die Flucht, weil sie ein Fenster mithilfe eines Tisches einschlagen, wie sie sagen.
Das Feuer breitet sich blitzschnell aus. Es kommt zu einem sogenannten «Flashover», ein sich schlagartig ausbreitendes Feuer. Innert Minuten steht die gesamte Bar in Vollbrand. Später sei es gemäss Zeugenaussagen auch zu Explosionen gekommen.
«Viele sehr junge Menschen flohen aus der Bar»
Um 1.30 Uhr wird die Polizei alarmiert. Nur wenige Minuten später stehen die ersten Einsatzkräfte vor der Bar. Der Ersthelfer Léandre (32) aus Crans-Montana beschreibt schreckliche Szenen: «Ich war eine der ersten Personen vor Ort. Viele sehr junge Menschen flohen aus der Bar. Wir zogen diejenigen heraus, die noch bei Bewusstsein waren, es war ein riesiges Chaos!» Er versuchte, so gut wie möglich zu helfen, doch die Menschen verbrannten bei lebendigem Leibe.
Laut dem Augenzeugen Rayan Guiren (18) aus London seien Dutzende Menschen mit verbrannten Gesichtern vor der Bar gelegen. Besonders tragisch: «Es handelte sich wohl um eine Party speziell für Jugendliche. Viele Eltern kamen und suchten nach ihren Kindern.»
Der ehemalige Schüler der International School «Les Roches» Crans-Montana, Laurent* (30), war früher auch regelmässig in der Bar: «Ich bin überrascht, dass es so lange ging, bis etwas passierte.» Die Sicherheitsvorschriften seien sehr lasch gewesen. «Menschen rauchten im Innern, du konntest tun, was du willst.»
Rettungskräfte reagieren rasch
Am 1. Januar um 4.14 Uhr wird eine Helpline eingerichtet, gegen 5 Uhr sind alle Verletzten versorgt. Der Lösch- und Rettungseinsatz dauert bis in die Morgenstunden des 1. Januar.
Die Zahlen zu den Rettungsmassnahmen verdeutlichen die Dramatik des Infernos: 30 Gendarmen, 60 Inspektoren, 70 Feuerwehrleute und etwa 150 Sanitäter standen im Einsatz, unterstützt von 42 Ambulanzen und 13 Helikoptern. Rund 80 Personen wurden mit Helikoptern und Krankenwagen in Spitäler gebracht, die restlichen können sich selber in Pflege begeben.
Am Donnerstag ruft Bundespräsident Parmelin eine fünftägige Staatstrauer aus. Die Flaggen am Bundeshaus werden auf halbmast gesetzt. Seine Worte hallen nach: «Es handelt sich um eine der schlimmsten Tragödien in der Geschichte dieses Landes.»
* Name geändert