Sergio Fertittas Tracks
Schweizer Musikproduzent liefert Hits für Weltstars

Er schreibt und produziert für Stars wie Coolio und Snoop Dogg, für Bligg und Baschi. Ausserhalb der Branche ist Sergio Fertitta jedoch kaum bekannt. Nun kommt sein Film in die Schweizer Kinos.
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Sergio Fertita komponierte und produzierte in den USA für Weltstars wie Snoop Dogg und Frank Ocean. In der Schweiz bis heute für Bligg, Baschi und Dieter Meier.
Foto: Joseph Khakshouri

Darum gehts

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Ruth Brüderlin
Schweizer Illustrierte

Der Weltstar stand fassungslos im Tonstudio. «Wo sind die Girls, wo sind die Joints?», fragte US-Rapper Coolio und grinste: «Bist du sicher, dass du die Hip-Hop-Tracks komponiert hast, die ich bekommen habe?» Die Antwort von Sergio Fertitta (54): «Ich trinke keinen Alkohol und rauche nicht. Aber ich verstehe etwas von Musik.»

Die Zusammenarbeit mit Coolio öffnet ihm Türen. Stars wie Jermaine Jackson von den Jackson Five, Bruder des berühmten Michael, besuchen Fertittas Tonstudio, das damals noch in der Zürcher Agglo-Gemeinde Wallisellen liegt. Dort produziert er 2006 den Track «Gangsta Walk» von Coolio und Snoop Dogg. Mit der Gage leistet sich Fertitta eine dicke Goldkette und übersiedelt, 34-jährig, nach Los Angeles. Sein Ziel: mit Michael Jackson arbeiten. Dazu sollte es nicht kommen, Jackson stirbt im Juni 2009.

Fertitta, Sohn eines Sizilianers und einer Zürcherin, aufgewachsen mit zwei Geschwistern im unglamourösen Zürich-Altstetten, muss im US-Musikbusiness wieder von vorne anfangen. Seine Gold- und Platin-Auszeichnungen aus der Schweiz interessieren niemanden. Zwar hat er ein US-Netzwerk, muss aber dennoch Klinken putzen: «Ich klapperte mit meinem Material Studio um Studio ab.»

Es funktioniert, Fertitta etabliert sich. Er produziert Musik und Musikvideos und wird zu gut bezahlten Songwriting-Camps eingeladen, in denen Profis im Team Songmaterial für grosse Stars kreieren. «Für Bruno Mars oder Britney Spears zum Beispiel», sagt Sergio Fertitta. Sein Name erschien kaum – womit er nie ein Problem hatte. Er ist gern im Hintergrund. Die Auszeichnungen an den Wänden seines Studios in Zürich-Altstetten zeugen von seinen Erfolgen.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Tinnitus – und alles ist anders

Dabei verlief seine Karriere nicht ohne Rückschläge. «Ich arbeitete für grosse Studios, hatte aber keine Hobbys und keine Freundin, nur Affären und viel Junkfood», sagt Sergio Fertitta. «Finanziell ging es mir gut, aber ich arbeitete rund um die Uhr, fühlte irgendwann eine innere Leere und war müde. Ich wollte nach Hause.»

Zurück in der Schweiz, lernt er Oliver Höner kennen und schreibt 2013 den offiziellen «Art on Ice»-Song. Kurz darauf produziert er für Bligg das Album «Service Publigg». Es holt Doppel-Platin. Und dann passiert es: Ein heftiger Tinnitus setzt ihn ausser Gefecht. «Töne, selbst Geräusche verursachten mir heftige Schmerzen. Ich musste alles absagen, das Studio einlagern und mich komplett zurückziehen.»

Von einem Tag auf den anderen war er weg vom Fenster, wusste nicht, ob er überhaupt je wieder arbeiten kann. Rückzug in die Stille, Konzentration auf Freunde und Familie, materiellen Ballast abwerfen – das half. Das Gehör erholte sich, den Tinnitus nimmt er nur noch manchmal als leichtes Brummen wahr. Sergio Fertitta ist «back on track», komponiert und produziert wieder: für Bligg, für Baschi, für Dieter Meier von Yello.

Liebe auf den zweiten Blick

Auch privat gibt es Good News. Vor fast sechs Jahren sieht er Valeria Jacob (50). Auf Tinder. Es ist ein Wiedersehen. Vor 17 Jahren strebte Valeria eine Karriere als Sängerin an und ging in Sergios Studio. Sie waren sich auf Anhieb unsympathisch. «Ich fand ihn arrogant, er hielt mich für einen Eisblock», erzählt Valeria und lacht lauthals. Sie erinnerte sich auch nicht an ihn, als er sie auf Tinder anschrieb. «Früher hatte ich die Haare noch auf dem Kopf, heute sind sie auf dem Kinn», meint Sergio.

Dennoch: Es war ein Match. Heute lebt das Paar mit drei Katzen in einer behaglichen Duplex-Wohnung mit Terrasse im Zürcher Oberland und geht sonntags gern in die Dorfbäckerei zum Zmörgele. Valerias Mutter ist Brasilianerin, ihr Vater Schweizer, sie sprachen in der Familie Englisch. Als Valeria neun ist, zieht die Familie aus Brasilien in die Schweiz. Sie muss in der Schule Hochdeutsch lernen, Schweizerdeutsch und Französisch. «Und draussen mit den Nachbarskindern Italienisch», sagt Valeria – in akzentfreiem Schweizerdeutsch.

Und nun also das gemeinsame Herzensprojekt: der Kinofilm «Do Re Mi Fa So lauft’s». Es geht um die beinharte Realität im Musikbusiness. Um Sex gegen Verträge, zu allem bereite Künstler, bestechliche Influencer, Verrat, Freundschaft – und um ganz viel Musik. Produziert und finanziert hat Sergio Fertitta das Werk selber, mit eigenem Geld. Die Co-Produktion übernahm Valeria Jacob.

Neben Künstlern als Laiendarsteller sind Profis an Bord: Pascal Ulli als schmieriger Manager, Nina Burri als pfiffige Agentin und Beat Schlatter, der als abgetakelter Himmelsbote E. T. im Einkaufswagen schiebt.

Letzte Woche feierte «Do Re Mi Fa So lauft’s» in Zürich Premiere. «Musik-Clips zu produzieren, macht mir Spass», sagt Fertitta. «Ich wollte aber etwas machen, das tiefer geht, meinen Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform bieten und zeigen, was sie in diesem Ego-Business erwartet.» Laut Fertitta sind es fiktive Charaktere und Storys – aber basierend auf Begebenheiten, die er selbst mitbekommen hat: «Ich bin seit 32 Jahren im Business, da sieht man einiges.»

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