Darum gehts
- Jesse Rinderknecht aus Winterthur wird internationales Model seit Juni 2025
- Entdeckt in Biarritz, läuft seitdem für Celine und Paris Fashion Week
- Mit 1,90 m und 9-Monats-Vertrag: Celine sicherte sich das Schweizer Gesicht
«Hey, lasch du d Janine in Rueh!» Jesse Rinderknecht (22) rennt über eine Wiese am Stadtrand von Winterthur, während vor ihm vier Geissen seines Nachbarn wild herumhüpfen. Schämpi, die frechste der Truppe, ignoriert seinen Befehl gekonnt. Jesse lacht nur, dreht um und führt die Tiere zur nächsten Weide. Kurz darauf trotten sie ihm brav hinterher, schön in einer Reihe. Ein Bild, das Jesse kennt. Nur spielt es sich manchmal nicht im Grünen ab, sondern auf den Laufstegen der Modemetropolen. Und statt Geissen laufen dort andere Models hinter ihm her.
Innerhalb weniger als eines Jahres lief Jesse Rinderknecht dreimal an der Paris Fashion Week, stand für internationale Kampagnen vor der Kamera und sicherte sich einen neunmonatigen Exklusivvertrag mit dem französischen Luxuslabel Celine. In der Modewelt gilt der Winterthurer zurzeit als eines der spannendsten Schweizer Gesichter. Weitere grosse Marken zeigen bereits Interesse an ihm.
Roadtrip Richtung Laufsteg
Dabei wollte der gelernte Grafikdesigner gar nie Model werden: «Ich hielt die Modelwelt ehrlich gesagt immer für blöd und oberflächlich», gesteht er. Mit seinen 1,90 Metern hörte er früher immer wieder die Frage: «Wieso modelst du nicht?» Seine Antwort war klar: nichts für ihn. Dachte er zumindest.
Bis zum Juni 2025. Jesse war mit seinem Oldtimer entlang der französischen Küste unterwegs. In Biarritz machte er halt an einem Motorradfestival. Dort wurde er prompt von einem Scout der renommierten Pariser Modelagentur Success entdeckt. Der machte ein paar Fotos von Jesse. Zwei Tage später sass er bereits bei Anproben im Modehaus Celine in Paris und ergatterte gleich seinen ersten Job an der Paris Fashion Week.
Die Modelagentur bringt Jesse im Schnelldurchlauf die wichtigsten Grundlagen des Modelns bei. Rasch findet er Gefallen daran, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen und daran, diese einmalige Chance zu nutzen. Für Mode selbst begeistert er sich aber bis heute nur bedingt. Auch die Grossstädte, die zum Modelleben dazugehören, seien nicht wirklich seins. «Zu Hause gefällt es mir einfach am besten.» Wohl auch, weil der Kontrast kaum grösser sein könnte.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Keine Spur von Starallüren
Zusammen mit seinem besten Freund Sven Stamm (23) wohnt er seit letztem Herbst in einem 500 Jahre alten Bauernhaus in Winterthur. Das Haus knarzt, die Balken hängen tief. «Ich schlage mir immer noch den Kopf an», so Jesse und lacht. Selbst bei der Dusche mussten sie improvisieren: Weil die Decke für seine Grösse zu tief war, wurde über der Dusche kurzerhand ein Stück herausgehoben, bis in die Wohnung der Nachbarn darüber. «Zum Glück waren sie damit einverstanden!»
In Jesses Zimmer hängen Designerstücke zwischen alten Lederjacken und Secondhandware. «Ich trage die Kleider schon gern», sagt er über die Klamotten von Celine. «Aber ich würde sie mir selbst nicht kaufen.» Viel wohler fühle er sich in Kleidung, die auch mal dreckig werden darf. «Ich trage lieber Gummistiefel als Designer!»
Jesse liebt nämlich die Natur, pflanzt gern im Garten an, spielt mit seinen zwei Büsi oder geht fischen. Am liebsten verbringt er seine Zeit aber mit Freunden, beispielsweise mit Sven. Kennengelernt haben sich die beiden vor sieben Jahren beim Skaten. Ungewohnt sei es für Sven gewesen, Jesse plötzlich geschniegelt auf riesigen Plakaten zu sehen. «Es ist mega lustig, weil es überhaupt nicht der Jesse ist, den ich kenne», findet Sven. Trotzdem freue es ihn, dass sein Freund diese Chancen bekomme. Abgehoben sei Jesse wegen seines Erfolgs keineswegs. «Er ist ganz der Alte.»
Und Jesse selbst scheint sich darüber auch wenig Gedanken zu machen. Angst, sich in der Fashionwelt zu verlieren, hat der Single jedenfalls keine. «Wenn es mir zu viel wird, höre ich einfach auf», meint er locker. «Ich bin niemandem etwas schuldig.»
Jesse betont, wie schnelllebig diese Branche ist. Jobs verschwinden manchmal kurzfristig wieder. «Es ist immer ein wenig ein On-off.» Wenn dann ein Modeljob reinkomme, könne man davon gut leben. Denn Jesse machte beim Modeln keinen Umweg, sondern startete direkt im lukrativen High-Fashion-Bereich. «Mit einem Auftrag einer grossen Marke kommst du schon ein, zwei Monate über die Runden.» Gelegentlich hilft er daneben noch in seinem alten Beruf als Grafikdesigner aus.
Schöne Gene
Mit der glamourösen Welt verbunden ist Jesse Rinderknecht eigentlich schon länger. Seine Grosstante ist Dominique Rinderknecht, Miss Schweiz 2013. Ganz so eng sei der Kontakt zwar nicht, erzählt er, doch an Familienfesten sehe man sich. Dominique freue sich sehr über seine Karriere und habe ihm vor allem eines mitgegeben: sich selber zu bleiben.
Bis jetzt scheint das ziemlich gut zu funktionieren. Dass Jesse Rinderknecht plötzlich seine alte Welt hinter sich lässt, wirkt jedenfalls eher unwahrscheinlich. Dafür leuchten seine Augen noch immer viel zu sehr, wenn er über Lagerfeuer, Geissen oder Oldtimer spricht.