Darum gehts
Stillstehen war noch nie die Stärke von Rapper Stress. Andres Andrekson, wie der 49-Jährige bürgerlich heisst, boxt, trainiert, surft, fährt Snowboard oder springt auf dem Trampolin. Doch an diesem Vormittag sitzt er erst einmal im Wohnzimmer seines grosszügigen Zuhauses in Zollikerberg ZH.
Denn gerade muss er sich bremsen. In den Indonesien-Ferien machte ihm ein Bandscheibenvorfall einen Strich durch die Rechnung: Die Schmerzen wurden so stark, dass er notfallmässig in die Schweiz zurückflog und operiert werden musste. Seither kämpft er sich Schritt für Schritt zurück in seinen sonst so aktiven Alltag.
Und der nimmt gerade wieder ordentlich Fahrt auf: Mit «How To Heal» hat Stress ein neues Album veröffentlicht, mit «Wie mit Stress umgehen» legt er gleich noch ein Buch nach. Darin schaut er zurück auf die schwierigsten Kapitel seines Lebens – Kindheitstrauma, Depression, alte Ängste – und erzählt, was ihm geholfen hat, heute anders mit ihnen umzugehen.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Die Musik spielt dabei eine besondere Rolle. «Musik hat mir mehr als einmal das Leben gerettet», sagt Stress. In schwierigen Zeiten haben Songs von Künstlern wie Eminem seinem Schmerz einen Platz gegeben. Heute möchte er etwas zurückgeben. Doch während er auf dem Album vom Heilen singt, wird er gerade selbst daran erinnert, dass Heilung Zeit braucht. «Geduld gehört definitiv nicht zu meinen Kernkompetenzen», gesteht er. Aber: «Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann. Alles andere muss ich loslassen.»
Liebe geht durch den Magen
Seine Achtsamkeit macht auch vor dem Kühlschrank nicht halt. Seit 2023 ernährt sich Stress vegetarisch und hat das Kochen für sich entdeckt. Shakshuka, Chili oder Quinoa-Bowls tischt er am liebsten auf. Und falsche Bescheidenheit kommt ihm dabei nicht auf den Teller: «Ich kann alles gut kochen!»
Besonders gern bekocht er seine Partnerin, mit der er seit 2022 zusammen ist. Sie steht nicht in der Öffentlichkeit und will ihre Privatsphäre bewahren. Dass sie beruflich in einer ganz anderen Welt lebt, gefällt Stress. So dreht sich zu Hause nicht alles um Musik, Konzerte und sein Leben als Rapper. Stattdessen hört er auch mal genüsslich die neusten Geschichten aus ihrem Büro und kennt inzwischen sämtliche Kollegen, ohne manche je getroffen zu haben. «Ich weiss alles über sie und kenne jedes Drama!», erzählt er lachend. Die Unterschiede tun ihm gut. «Meine früheren Beziehungen waren wohl richtig für den Menschen, der ich damals war. Diese passt zu dem Menschen, der ich heute bin.»
Dazwischen liegt viel Arbeit an sich selbst. Im neuen Buch lässt Stress deshalb auch seine Ex-Frau Melanie Winiger (47) zu Wort kommen. Acht Jahre waren die beiden ein Paar, vier davon verheiratet. Winiger erinnert sich an einen Mann mit «einem Ego von beachtlichem Format» und vielen Schutzmauern. Gleichzeitig sei er loyal und ehrlich gewesen. Stress wollte diese Aussensicht bewusst im Buch. «Wenn man ein Buch darüber schreibt, wie man mit Stress umgeht, fand ich es lustig, Menschen erzählen zu lassen, wie es tatsächlich war, mit mir umzugehen.» Und er kann heute über sein früheres Ich lachen.
Mehr noch: Er übernimmt heute Verantwortung für sein Verhalten. «Es gab Phasen, in denen ich kein besonders angenehmer Mensch war. Es tut mir leid für die Leute, die damals um mich herum waren.» In der Therapie lernte er zu verstehen, woher seine heftigen Reaktionen kamen. Sein Hass auf Staus etwa habe weniger mit dem Verkehr zu tun als mit dem Gefühl, keine Kontrolle zu haben. Ein Gefühl, das er aus seiner Kindheit nur zu gut kennt.
Gemeinsam statt allein
Heute versucht er, innezuhalten, bevor die Emotionen übernehmen. «Ich will nicht reagieren, ich will handeln.» Auch als Partner habe ihn das verändert. Streit versetzt ihn heute nicht mehr gleich in Alarmbereitschaft. Ein Konflikt bedeute schliesslich nicht, dass die Liebe infrage gestellt wird. Stattdessen versucht er, besser zu kommunizieren.
«Früher habe ich Probleme mit mir selbst ausgemacht und geglaubt, als Mann alles allein aushalten und lösen zu müssen.» Inzwischen sagt er seiner Partnerin, wenn er viel um die Ohren hat und deshalb gereizter ist. Das verhindere so manches Missverständnis.
Langsam zurück in den Alltag
Am Nachmittag steht Physiotherapie in der Universitätsklinik Balgrist an. Dort arbeitet Stress daran, wieder fit zu werden. Sein ausgeprägtes Körpergefühl beeindruckt selbst die Physiotherapeutin Evelyn Bärtschi. Leichter macht das die Übungen allerdings nicht. Stress verzieht vor Schmerzen das Gesicht, beisst sich durch und konzentriert sich auf jede Bewegung.
Danach wartet etwas Angenehmeres: ein Spaziergang. Die Runden ums Zuhause gehören für Stress inzwischen genauso dazu wie das Wandern, für das ihn seine Partnerin begeistert hat. «Das hätte ich nie von mir gedacht.» Gerade diese einfachen Momente schätzt er mittlerweile besonders. «Mehr braucht es manchmal nicht, um glücklich zu sein.»