Darum gehts
- Atelier Oï aus La Neuveville entwirft für Louis Vuitton und Ikea
- Das Studio kombiniert Kreativität, Materialhandwerk und internationale Luxusmarken
- 20'000 Materialmuster und Schweizer Grand Prix Design im Juni 2026
Drinnen riecht es nach Holz, draussen glitzert der See. Im ehemaligen Strassenmotel am Rand von La Neuveville am Bielersee beginnt eine Geschichte, die so gar nicht nach Provinz klingt. Anfang der 90er Jahre haben drei Freunde in der beschaulichen Ortschaft beschlossen, dass gutes Design kein Grossstadtpflaster braucht. 2009 wurde das einstige Motel am Ortsrand von La Neuveville zum Moïtel umgebaut.
Heute ist es die Heimat von Atelier Oï – einem Studio, das für Louis Vuitton, Casa Fendi, Bulgari oder Ikea entwirft und trotzdem lieber auf Schilf, See und Weinberge blickt als auf Pariser Boulevards. Im Inneren wirkt das Moïtel weniger wie ein Büro, mehr wie ein bewohnter Materialplanet: Stoffbahnen, Holzlamellen, Glasfragmente, Miniaturen, Prototypen. Eine Materialbibliothek mit Zehntausenden Mustern füllt Regale und Schubladen, als hätte jemand den Begriff «Moodboard» in drei Dimensionen übersetzt. «Wir arbeiten nicht in den Disziplinen, sondern zwischen den Disziplinen», sagt Mitgründer Aurel Aebi – Architektur, Produktdesign, Szenografie fliessen hier ineinander.
Drei Köpfe, eine klare Handschrift
Der Name «oï» leitet sich vom russischen «troïka» ab: ein Dreigespann, das ziemlich gut beschreibt, wie Aurel Aebi (60), Armand Louis (60) und Patrick Reymond (63) seit über drei Jahrzehnten ziehen. Bevor im Studio eine Linie gezeichnet wird, liegt fast immer ein Stück Material in der Hand. Wie biegt sich das? Wie klingt es? Was passiert, wenn man es schneidet, erhitzt, näht? «Wir nennen das Denken mit den Händen – erst wenn wir etwas anfassen, begreifen wir es wirklich», sagt Aebi. Aus diesem Ansatz entstehen Objekte, die oft überraschend einfach wirken und technisch hochkomplex sind: eine Hängematte aus Leder für Louis Vuitton, bei der das Material nicht Verkleidung, sondern «Haut» ist. Ein Stuhl, der aussieht, als wäre er aus überbreiten Ledergürteln geflochten. Leuchtende Textilskulpturen für die Milan Design Week, die sie «Storytexture oder Storytektur» nennen – nicht Geschichten erzählen, sondern buchstäblich bauen.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Architektur, Design und Inszenierung
Während draussen Züge vorbeirauschen und Schiffe über den See ziehen, besprechen innen Teams von Louis Vuitton oder Bulgari ihre nächsten Schritte mit Atelier Oï. Gleichzeitig tüftelt das Studio für Ikea an Produkten, bei denen der Preis feststeht, bevor der erste Strich gesetzt ist. Luxus, Serienfertigung, Kunstinstallationen – alles unter demselben Dach. «Kreativität braucht einen Rahmen», sagt Aebi. «Wenn alles offen ist, wird es schwierig. Wie beim Hochsprung: Ohne Latte fehlt die Spannung.» Es ist einer der Sätze, die erklären, warum dieses Studio international gebucht ist und im Juni mit dem Schweizer Grand Prix Design ausgezeichnet wird und trotzdem wirkt es hier oben eher wie eine konzentrierte Werkstatt als wie eine glatte Design-Maschine.
Auch im Umgang miteinander verweigert Atelier Oï das klassische Star-Designer-Narrativ. «Wir sind keine One-Man-Show, sondern eine Troika – ein Wagen, der von drei Pferden gezogen wird. Wenn eines müde wird, ziehen die anderen zwei mit», sagt Aebi. Entscheidungen werden nicht herunterdekliniert, sondern ausdiskutiert, bis die Spannung stimmt. Für die jüngere Generation im Studio sehen sich die drei heute eher als Dirigenten: Sie orchestrieren, statt zu dirigieren, und denken bereits laut darüber nach, wie man ein Studio weitergeben kann, das längst zur Marke geworden ist – ohne dass alles an einem Namen hängt.
Architektur als Denkraum
Wer aus diesem Moïtel-Kosmos nach draussen tritt, muss nur ein paar Schritte gehen, um zu verstehen, wie privat dieses Denken weitergeht. Oberhalb des Ateliers steht Aurel Aebis Kubus-Haus – ein Wohnhaus, das sich anfühlt, als hätte jemand die DNA von Atelier Oï in einen sehr persönlichen Massstab übersetzt. Drei breite, flache, asymmetrisch angeordnete Betontreppen führen hinauf, eher Installation als Haustreppe. Die Eingangstür: riesig, aus Holz, skulptural. Man will sie anfassen, bevor man sie öffnet – ein erster, leiser Hinweis darauf, wie wichtig Haptik hier ist. Im Inneren dominieren zwei Materialien, die auch viele ihrer Projekte prägen: Holz und Leder. Matte Holzstühle gruppieren sich um einen grossen, schlichten Esstisch aus Eichenholz, der auf den ersten Blick eher nach Atelier- als nach Showroom-Möbel wirkt. Nichts glänzt, nichts protzt, alles lädt dazu ein, benutzt zu werden. Die offene Küche ist reduziert, modern, aber nicht kühl – sie wirkt wie eine Fortsetzung des Tisches, nicht wie eine abgetrennte Funktionszone. Es ist ein Haus, das spürbar von jemandem bewohnt wird, der Oberflächen ernst nimmt, aber Patina noch ernster.
Minimalismus mit Wärme
Zwischen Wohnzimmer und Musikzimmer öffnet sich eine Durchreiche, in der Dutzende kleine 2CV Citroën Modellautos in Reih und Glied stehen – sortiert im gesamten Farbspektrum. Es sieht aus wie eine Miniaturversion dieser berühmten Materialbibliothek aus dem Moïtel: Farben, Formen, Geschichten im Kleinformat. Dahinter verbirgt sich ein Klavier, auf dem Aebis Tochter Dune (15) gerne spielt.
Hier, im Übergang von Wohnraum zu Musikraum, treffen Klang, Kindheit und Sammlerblick aufeinander – ein poetischer Moment, der viel über diesen Haushalt erzählt: Nichts ist reine Deko, alles ist in Gebrauch, alles darf spielen. Ein offener Gang verbindet den Essbereich mit dem Badezimmer, das man vom Tisch aus sehen kann. Statt Türe und Flur herrschen Blickachsen und Übergänge. Die Badewanne liegt bündig im Boden, mehr Becken im Raum als Objekt am Rand – ein architektonischer Kniff, der zeigt, wie selbstverständlich hier mit Volumen und Ebenen umgegangen wird. Es ist dieselbe Logik wie im Studio: Zonen werden nicht nur funktional, sondern atmosphärisch gedacht.
Ein Haus als geometrische Setzung
Im Wohnzimmer dann die grosse Geste: eine Fensterfront, die fast die gesamte Wand einnimmt und den Blick über den Bielersee öffnet. Wasser, Wald, Weinberge – Schichten einer Landschaft, die schon im Moïtel die Kulisse bildet. Hier, im privaten Wohnzimmer, wirkt der See noch unmittelbarer. Man versteht, warum Aebi sagt, sie hätten ihr Studio bewusst nicht in einer Metropole angesiedelt: Die Welt kommt zu ihnen und geht wieder, der See bleibt. «Alle unsere Mitbewerber sind in den Metropolen», sagt er. «Wir sind hier in einem 4000-Seelen-Dorf. Das ist das Coole: nahe an der Natur, nah am See und von hier aus sind wir in ein paar Stunden in Mailand, Paris oder Hongkong.» So schliesst sich der Kreis zwischen Arbeits- und Lebenswelt. Ob im Moïtel mit seinen 20'000 Materialien oder im Kubus-Haus mit seinen Modellautos, Holzstühlen und Betontreppen: Alles erzählt von einer Haltung, die auf Berührung, Teamgeist und Herkunft setzt und daraus eine Zukunft baut, die bis nach Hongkong reicht. Atelier Oï denkt mit den Händen. Und man hat das Gefühl: In diesem Haus dürfen auch die Augen, Ohren und Herzen der Bewohnerinnen und Bewohner ständig mitdenken.