Alpiner Gürtel im Trend
So wurde der Appenzeller Gurt zum Mode-Statement

Der Appenzeller Gurt war nie modisch. Genau deshalb wirkt er heute wieder zeitgemäss. Zwischen Streetstyle, Handwerk und bewusster Reduktion erlebt ein alpiner Klassiker eine stille Renaissance.
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Die Sonne steht traditionell für Leben, Naturkraft und Schutz.
Foto: PD

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Der Appenzeller Gurt wird zum modischen Statement, nicht nur Tradition
  • Hergestellt aus pflanzlich gegerbtem Leder für nachhaltige Qualität
  • Seit 2012 über 10'000 Gurte verkauft, auch international erfolgreich
Valeska Jansen
Style

Man erkennt den Appenzeller Gurt sofort: schweres Leder, gestanzte Messingbeschläge, Motive von Kühen, Sennen, Sonne und Brauchtum. Er ist dort verankert, wo Tradition sichtbar wird, wo Handwerk zählt und Funktion Vorrang vor Inszenierung hat. Und doch wird der traditionelle Gürtel heute neu interpretiert.

Streng genommen gehört der Sennen- oder Appenzeller Gurt – im Dialekt auch Chüeligurt genannt – zu keiner Sennentracht. Sein Ursprung liegt nicht in der Bekleidung, sondern im Handwerk, genauer gesagt in der Sennensattlerei. Der Sennensattler arbeitet nach einer jahrhundertealten Technik, die bis heute eine treue Anhängerschaft hat. Neben beschlagenen Hosenträgern, Schuhschnallen, Glocken und Treicheln entstehen dort Gürtel aus kräftigem Leder, versehen mit Silber- oder Messingbeschlägen. Viele Ornamente, die heute als typisch gelten, stammen ursprünglich von den Hosenträgern, die allerdings üppiger beschlagen sind als die Gurte. Sie weisen jedoch die gleichen Formen, die gleiche Symbolik und handwerkliche Sprache auf.

Es braucht sehr viel Gefühl, um die Motive vorsichtig auf dem Gurt zu platzieren.

Über den genauen Ursprung der Gürtel erzählt fast jeder Sennensattler seine eigene Geschichte. Häufig ist von den 1920er- und 1930er-Jahren die Rede, als die Gurte zunächst mit einfachen Polsternägeln versehen waren und erst später ornamentale Beschläge erhielten. Eine überlieferte Anekdote erzählt von einer Gräfin, die nach Appenzell reist und sich einen Gurt wünscht, der den dortigen Hundehalsbändern gleicht – schwer, dekoriert, sichtbar.

Zwischen Brauchtum und Trendsetting

Ob Legende oder Wahrheit: Die Geschichte verweist auf das, was den Gurt bis heute ausmacht – seine Betonung der Funktionalität, seine Nähe zu Tier, Arbeit und Alltag. Diese handwerkliche Tradition bildet Jahrzehnte später die Grundlage für ein Unternehmen, das den Appenzeller Gurt aus dem Regionalen löst. Seit seiner Gründung 2012 bewegt es sich bewusst an der Schnittstelle von Brauchtum und Trendsetting. Der klassische Gurt bleibt das Herzstück, doch sein Kontext verschiebt sich: weg vom folkloristischen Objekt, hin zu einem kulturellen Statement.

Für Gründer Caspar Eberhard, 47, war von Beginn an klar, dass es nicht um Nostalgie geht: «Ich glaube, wir haben es wirklich geschafft, dass der Appenzeller Gurt als Fashion Piece wahrgenommen wird und nicht nur als Heritage der Schweiz.» Früh sucht der Betrieb den Dialog mit anderen ästhetischen Welten. Kollaborationen mit Musik-, Mode- und Designschaffenden sorgen national wie international für Aufmerksamkeit. Dabei geht es nie um Folklorereproduktion, sondern um Übersetzung. «Es war mir wichtig, den Appenzeller Gurt ein bisschen aus dem Ethnobereich herauszunehmen und dass man ihn mit jedem Stil kombinieren kann», erklärt Eberhard.

Abweichungen gehören dazu

Gefertigt werden die Gurte bis heute in traditioneller Handarbeit. Leder wird geschnitten, geprägt, genäht, die Beschläge einzeln gesetzt. Das verwendete Leder stammt überwiegend von Schweizer, teils von süddeutschen Kühen. Gegerbt wird es nicht mit Chrom, wie es in der industriellen Lederproduktion üblich ist, sondern vegetabil – also pflanzlich, umweltfreundlicher und ungiftig. Die langsamere Gerbung braucht Zeit, entwickelt jedoch eine natürliche Patina und verleiht dem Material jene Tiefe, die industriell kaum reproduzierbar ist. Kleine Abweichungen gehören dazu. Sie gelten nicht als Mängel, sondern als Teil des Objekts.

Qualität steht bewusst über Tempo, sagt der gebürtige St. Galler: «Die Idee ist bei uns schon, dass man etwas hat, das auch lange hält und nicht einfach nur für eine Saison.» Ziel ist, dass die Gürtel nicht nur getragen, sondern auch weitergegeben werden. Die Firma sucht zudem gezielt nach gebrauchten Exemplaren, um sie zu restaurieren und erneut in den Umlauf zu bringen. Dadurch soll aufgezeigt werden, dass die Gurte auf Dauerhaftigkeit ausgelegt sind – in einer Zeit, die von einer Wegwerfmentalität geprägt ist. Dieser Fokus auf das Dauerhafte öffnet zugleich den Weg für neue Formen.

So ein Gurt besteht neben dem Leder, aus vielen zusätzlichen Werkteilen, so wie z.B. der Dorn in der Schnalle, oder kleine Nieten, als Gegenstück zu den Metallapplikationen.
Foto: Anna-Tina Eberhard, Laura Kneissl

Im neuen Laden im Zürcher Niederdorf am Stüssihofstatt 7 – und im Onlineshop – gibt es neben dem klassischen Appenzeller Gurt hochwertige Hundehalsbänder sowie stilvolle Clogs. Die Produkte, die das traditionelle Lederhandwerk in den urbanen Alltag übertragen, sind keine historischen Zitate, sondern zeitgenössische Objekte – reduziert, funktional, kompromisslos.

In einer Modewelt permanenter Neuerfindung wirken sie wie ein Gegenentwurf. Man sieht die Gurte heute an jungen Kreativen in Cafés, kombiniert mit Jeans und weissem T-Shirt. Die Clogs tauchen in urbanen Kontexten auf, getragen zu weiten Hosen oder Arbeitsjacken, während die Hundehalsbänder in Parks sichtbar werden. Alles wirkt selbstverständlich, nichts verkleidet. Was all diese Objekte verbindet, ist ihre Konsequenz. Sie sind nicht nachhaltig, weil es im Trend liegt, sondern weil sie dafür gemacht sind zu bestehen. Sie sind nicht authentisch, weil man es behauptet, sondern weil man es ihnen ansieht. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum man sie heute wieder trägt. Nicht aus Nostalgie, sondern aus dem Wunsch nach etwas Echtem heraus.

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