Darum gehts
- Queen Elizabeth II. wäre am 21. April 2026 100 Jahre alt
- Ihre Weihnachtsansprache 2021 rührte Millionen mit emotionalen Worten zu Tränen
- 96-jährige Monarchin prägte 70 Jahre, 300 Mio. sahen ihre Krönung 1953
Zum 100. Geburtstag erhalten alle britischen Bürgerinnen und Bürger eine Glückwunschkarte der jeweils herrschenden Monarchin oder des regierenden Königs. Queen Elizabeth II. selbst erlebte ihren 100. leider nicht: Sie starb am 8. September 2022 im Alter von 96 Jahren. Am 21. April wäre Elizabeth Alexandra Mary Windsor 100 Jahre alt geworden.
Hätte sich die Queen wohl selbst zu diesem grossen Tag beglückwünscht? Zuzutrauen wäre es ihr mit ihrem Humor. Ihrer Mutter, der Queen Mum, schickte Elizabeth II. zum 100. Wiegenfest am 4. August 2000 eine ganz persönliche Grussbotschaft: «An deinem 100. Geburtstag sendet dir die ganze Familie die besten Wünsche für diesen besonderen Tag, Lilibet.» Tony Nichols, der persönliche Postbote der Königin, fuhr damals im roten Postwagen vor dem Clarence House in London vor, wo die Queen Mum lebte, und überreichte den Brief der Tochter. Elf andere 100-Jährige bekamen an dem Tag ebenfalls eine Karte der Königin – allerdings mit «Elizabeth R» unterzeichnet (das R steht für das lateinische Wort Regina, was übersetzt «Königin» bedeutet), und nicht mit ihrem Kosenamen «Lilibet».
Als die Queen am 8. September 2022 starb, herrschte weltweit Fassungslosigkeit. TV-Programme wurden unterbrochen, das Empire State Building in New York strahlte zu ihren Ehren in majestätischem Lila und Silber. Am Eiffelturm wurden alle Lichter gelöscht. Das Wahrzeichen von Paris «trug» Schwarz, als die britische Königin Geschichte war. Was der Tod der Queen auslöste, brachte der einstige Erzbischof von Canterbury, Justin Welby (70) in einem Satz auf den Punkt. «Sie war immer da gewesen und plötzlich nicht mehr; die Welt hat sich ein Stück auf der Achse verschoben.»
Obwohl seit über dreieinhalb Jahren tot, wird die Queen noch immer schmerzlich vermisst. Sieben Jahrzehnte stellte sie in einer immer komplexeren und schnelllebigen Welt eine – zumindest scheinbar – immerwährende Konstante dar. Man sehnt sich nach der ruhigen Entschlossenheit der Ausnahmeregentin, der Zuversicht, die sie etwa während der Pandemie an den Tag legte. Während im April 2020 der britische Premier Boris Johnson selber mit Covid im Spital landete, ergriff die Königin das Wort und schwor das Volk auf einen gemeinsamen Kampf gegen die Pandemie ein. «Wir werden siegen», machte sie Mut. Ihre Ansprache dauerte vier Minuten, doch sie reichte, um dem Volk in einer Zeit der Unsicherheit, Trauer und wirtschaftlicher Sorge Stabilität einzuimpfen.
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Sie ermahnte, verblüffte und söhnte aus
Im Jahr zuvor, als im Land eine erbitterte Fehde wegen des anstehenden Austritts Grossbritanniens aus der EU tobte, hatte die Queen, ohne das Wort «Brexit» je in den Mund zu nehmen, ihre Landsleute ermahnt, «gut übereinander zu reden, unterschiedliche Standpunkte zu respektieren, Gemeinsamkeiten auszuloten und dabei niemals das grössere Bild aus den Augen zu verlieren». Bei ihrer eigenen Suche nach neuen Antworten in der modernen Zeit setzte die Regentin auf «altbewährte Rezepte, die zeitlos sind und die ich allen empfehle». Und sie zeigte mit fortschreitendem Alter Gefühl: 2021 würdigte die Königin in ihrer traditionellen Weihnachtsansprache ihren acht Monate zuvor verstorbenen Ehemann Prinz Philip als «meine Stärke und mein Anker» und erinnerte sich an sein «verschmitztes Funkeln». Ihre posthume Liebeserklärung an den Mann, mit dem sie über 73 Jahre verheiratet war, rührte zu Tränen.
Die Queen war eine Brückenbauerin par excellence: 1961 reiste sie nach Ghana, um den damaligen Präsidenten Kwame Nkrumah vom Bruch mit ihrem geliebten Commonwealth und einer Hinwendung zur Sowjetunion abzuhalten – die britische Regierung hatte sie noch davon abhalten wollen. Doch die Bilder gingen um die Welt: der strahlende Nkrumah tanzend mit der Monarchin. Dass Elizabeth II. es mit ihrem elftägigen Staatsbesuch in der Bundesrepublik Deutschland 1965 erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg schaffte, beide Nationen miteinander auszusöhnen, gilt bis heute als ihre bedeutendste diplomatische Leistung. 2011 verblüffte sie bei ihrem historischen Staatsbesuch in Irland die Gäste im Dublin Castle mit einer Begrüssung auf Gälisch. Der geliebte Onkel ihres Mannes Philip, Lord Mountbatten, war Opfer eines tödlichen IRA-Anschlags geworden. Dennoch begegnete sie den Iren mit grossem Respekt – und erntete dafür sehr viel Anerkennung. Die Monarchin sah es als ihre Aufgabe, über den Dingen zu stehen, zu versöhnen, statt zu entzweien, wie es heute an der Tagesordnung ist.
Mit ihrer gewinnenden Art und auf den vielen Reisen wurde die Queen auch in den ehemaligen Kolonien grösstenteils respektiert: Die indigenen Salish in Kanada nannten sie «Mother of All People», die Bewohner Papua-Neuguineas «Mama Belong Big Family». Im einstigen Rhodesien (der heutigen Republik Simbabwe) war sie für die Menschen «Great White Mother of Africa». Neuseelands Maori nannten sie «Te Kotuku Rerengatahi» («Der weisse Reiher, der einzeln fliegt»). Ihrem Charme und ihrer Aura konnten sich auch sonst beinharte Männer in Machtpositionen schwer entziehen – noch weniger ihrem Sinn für Überraschungen. Anlässlich der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in London 2012 posierte die damals 86-Jährige in einer Action-Szene an der Seite des britischen Geheimagenten James Bond. «Vor 30 Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen. Und es ist immer noch unvorstellbar, dass es passiert ist», wundert sich der deutsche Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert bis heute.
Die Queen war eine Vorreiterin
Die Queen pflegte traditionelle Werte, aber sie war nicht von gestern. Schon zu Beginn ihrer Karriere setzte sie auf neuste Technologien: Bei ihrer Krönung 1953 bestand sie entgegen dem Rat von Premierminister Winston Churchill partout darauf, die Feier im Fernsehen übertragen zu lassen. Weltweit verfolgten 300 Millionen Menschen den Mega-Event live. Als eines der ersten Staatsoberhäupter verschickte Elizabeth II. eine E-Mail, setzte 2014 ihren ersten Tweet auf Twitter ab, postete fünf Jahre später einen alten handgeschriebenen Brief auf Instagram (der 1843 an ihren Ururgrossvater Prinz Albert geschrieben worden war), und sie brachte im Sommer 2020 ihren ersten Zoom-Call hinter sich. «Ah, da sind Sie ja», gab die überraschte Queen von sich, als sie die neuseeländische Generalgouverneurin Cindy Kiro auf dem Bildschirm entdeckte.
Auch ihr einzigartiger Humor fehlt. Sogar mit 96 schaffte es die Queen, nicht nur Kindern ein Lachen ins Gesicht zu zaubern, sondern auch Erwachsene zum Schmunzeln zu bringen. Zu ihrem Platin-Jubiläum traf sie die berühmte Kinderbuchfigur Paddington im Palast zum Tee: Als der Bär ein Marmeladensandwich aus seinem roten Hut zieht und mit «Ich habe immer eins für Notfälle dabei» kommentiert, quittiert die Queen das verschmitzt mit «Das habe ich auch» und zieht zwei Toastscheiben mit Marmelade aus ihrer Handtasche – «für später».
Noch ehe Frauenemanzipation zum grossen Thema wurde, jagte sie, reparierte Autos eigenhändig und war berufstätige Mutter. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten setzte sich die Queen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, legte etwa die wöchentliche Audienz für die Premierminister so, dass sie ihre Kinder noch selbst zu Bett bringen konnte. Auch im Umgang mit Philip glich sie modern anmutende Spannungen in der Ehe mit tadelloser Haltung aus: Sie war nicht nur reicher, sondern als Königin ranghöher, was das royale Hofzeremoniell oft unbarmherzig deutlich machte.
Welches Rollenvorbild die Queen auf Englands Thron eingenommen hatte, erkannte Margaret Thatcher, Grossbritanniens erste Premierministerin, früh. Als junge konservative Abgeordnete schrieb sie 1953 in einem Zeitungskommentar: «Wenn, und dafür beten viele von Herzen, die Thronbesteigung Elizabeths II. tatsächlich aufräumt mit den letzten Vorurteilen gegen Frauen in Spitzenpositionen, dann wird für Frauen wahrhaftig ein neues Zeitalter anbrechen.» Obschon die «Eiserne Lady» und die Queen nie warm miteinander wurden, behielt die Politikerin recht.
Ach wie schön wäre es, wenn die Worte von Helen Mirren ebenso wahr würden: Die britische Schauspielerin lieferte in «Die Queen» eine gefeierte Darstellung der 1,60 Meter kleinen Elizabeth II. ab und erhielt dafür 2007 den Oscar. In ihrer Dankesrede sagte sie über die Queen: «Sie stand mit beiden Füssen fest auf dem Boden, einem Hut auf dem Kopf, einer Handtasche am Arm – und meisterte so viele Stürme.» Als Mirren daraufhin die goldene Statue in die Höhe reckte und rief: «Ladys und Gentlemen, ich gebe Ihnen ‹Die Queen!›», sprach sie Abermillionen aus dem Herzen.