Nick Cave in Montreux
Das kontrollierte Chaos des Rock-Gottes

Am Sonntagabend verwandelten Nick Cave und seine Bad Seeds das Auditorium Stravinski am Montreux Jazz Festival in eine grosse, elektrische Messe – exzessiv, manchmal chaotisch, aber von intensiver Leidenschaft geprägt.
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Der 68-jährige Nick Cave schreitet durch die Menge seiner treuen Fans.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Aldous Harding und Nick Cave begeistern am Montreux Jazz Festival 2026
  • Harding fasziniert mit surrealer Performance, Cave liefert ein kontrolliertes Chaos
  • Cave beeindruckt mit zweistündigem Konzert und ist trotz 68 Jahren voller Energie
Claude Ansermoz

Zwei einzigartige Persönlichkeiten der Indie-Rock-Szene traten beim Montreux Jazz Festival am Sonntagabend nacheinander auf die Bühne des Auditorium Stravinski: Aldous Harding (36), die unerschütterliche Priesterin der Pop-Exzentrik, gefolgt von Nick Cave (68), dem grossen elektrischen Prediger. Die Schöne und das Biest sozusagen. Eine Schöne, die niemals versucht, schön zu sein, und ein Biest, das voll und ganz zu seinem Brüllen steht.

Aldous Harding wirkt wie eine Figur, die einem verstörenden Traum entflohen ist. Ihre Musiker, im Halbkreis um sie angeordnet, bilden den minimalistischen Rahmen. Sie scheint nie ganz da zu sein. In ihrem Trainingsanzug, mit einem Blick, der manchmal in die Leere abdriftet, singt sie, als würde sie selbst erst erkennen, was aus ihrem Mund kommt, aus dem sie kaum die Worte hinauslässt.

Magnetisch

Die Neuseeländerin pflegt diese Distanz. Bei «I Ate the Most» streicht sie fast zeremoniell mit ihrem Gesicht über einen würfelförmigen Holz-Shaker. Bei «One Stop» sorgt ein hartnäckiger Keyboard-Rhythmus für eine trockene, hypnotische Spannung. Dann kommen die Brüche: die Stimmen, die in die tiefen Töne abtauchen, bevor sie in kindliche Höhen klettern, dazu die Grimassen und die wie ausgerenkt wirkenden Arme.

Sie hat etwas Magnetisches und Soghaftes, selbst wenn es an Parodie grenzt. Bei «Leathery Whip» übertreibt sie die hohen Töne mit fast schon komischer Akribie; «Passion Babe», fast schon ein Boogie, entlockt ihr ein erstes Lächeln. Später zieht sie ihre Jacke aus und enthüllt ein cremefarbenes Tanktop. Ihre marionettenhafte Gestik vermittelt den Eindruck, dass sie zugleich Puppenspielerin und Marionette ist. Ihre Harfenistin, Mali Llewelyn, verleiht dem Ganzen einen märchenhaft-kristallklaren Klang.

Einnehmend und rätselhaft: Die neuseeländische Singer-Songwriterin Aldous Harding fasziniert das Publikum im Auditorium Stravinski mit ihrer minimalistischen Pop-Exzentrik.
Foto: keystone-sda.ch

Nicks Stunde

Über ihre Gitarre gebeugt, das Kinn auf deren Kante gestützt, scheint Harding stets so zu tun, als wüsste sie nicht, was sie dort eigentlich tut. Genau das macht sie so faszinierend.

Um 22.15 Uhr betritt dann Nick Cave den Saal, als gehörte er ihm schon immer. Ein Glaubender, der zu den Gläubigen predigt. Dreiteiliger Anzug, Krawatte, glitzernde Backgroundsängerinnen im Rücken und dazu die bewährte Maschinerie der Bad Seeds. Der Kontrast ist sofort spürbar. Wo Harding sich zurückzieht, füllt Cave den ganzen Raum. Er brummt, schüttelt Hände, geht auf das Publikum zu, spielt mit den ersten Reihen. Die riesige Leinwand hinter ihm verleiht dem Ganzen eine gespenstische Dimension.

Kontrolliertes Chaos

Cave und seine Bad Seeds liefern genau das, was man von ihnen erwartet: grandioses, kontrolliertes Chaos und eine fast schon übertriebene Grosszügigkeit. Schliesslich sind wir hier in «Fucking Montreux». «Wild God» nimmt die Züge eines Stadion-Gospels an. «O Children» wird zu einem Aufruf zum gemeinsamen Singen, wobei Nick Cave vor der Darbietung scherzt: «I fucked that song up.» Es gibt natürlich etwas Theatralik und manchmal eine Art, jede Geste in den Rang eines Mythos zu erheben. Aber Cave versteht es auch, die Maske fallen zu lassen.

Bei «Tupelo» scheint er von einem inneren Tier besessen zu sein. Er nähert sich dem Publikum noch mehr, lässt sich buchstäblich von ihm tragen, gibt noch ein Stück mehr Kontrolle ab. Mit 68 Jahren schreitet er auf einem Meer aus Armen voran. «Carnage» wird fast harmonisch; «Joy» erinnert daran, dass ein kleines Wort «a very big heart» haben kann. Caves Multi-Instrumentalist Warren Ellis (61) hingegen bleibt seiner Rolle als Bühnenbestie treu: das rechte Bein vor seinen Synthesizern in die Leere ausgestreckt, die Geige in rasender Fahrt, seine Präsenz stets am Rande des Überlaufens.

Ein harter Kampf

Das Konzert ist nicht immer makellos. Manchmal chaotisch, pathetisch, durchzogen von Längen und übertriebenen Gesten. Aber es ist niemals unecht. «The Mercy Seat» ist atemlos, «The Weeping Song» klagend und hämmernd. «Red Right Hand» behält seine ursprüngliche Gewalt bei, dieses düstere Stück, das «Peaky Blinders» später zu seinem eigenen gemacht hat, als wäre die Rasierklinge durch einen Gong oder einen kraftvollen Glockenton ersetzt worden. Dann bricht «Jubilee Street» aus seiner rauen Schlichtheit aus, bevor es unter dem Antrieb der gesamten Band richtig losgeht.

Im Block der grossen Hits bleibt die Neuinterpretation von «Henry Lee» mit Backgroundsängerin Janet Ramus (45) ein hart umkämpftes Gesangsduell. Man endet, wie so oft, in Gemeinschaft, indem man nach mehr als zwei Stunden Konzert «Into My Heart» mit einem nun allein am Klavier sitzenden Nick Cave singt. Dann ist die Messe gelesen und die Gläubigen werden glücklich in die laue Sommernacht entlassen.

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